Wohnen im Kiez

Kiezszene nahe Boxhagener Platz © Sascha Kohlmann / flickr.com (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de)

DER GROßSTADTKIEZ: Berlin entdecken, bedeutet Straßen, Plätze und Menschen ins Herz zu schließen – Kiez ist ein dehnbarer Begriff der geographische, emotionale, gesellschaftsspezifische und architektonische Nuancen auf sich vereint und doch bei jedem von uns ganz konkrete Bilder erzeugt.

Der Begriff umschreibt etwas typisch Deutsches und ist womöglich für Berlin noch passender, als für andere Großstädte. Das Äquivalent im Englischen ist das Wort Neighborhood. Neben geographischen und gesellschaftlichen spielen im Angloamerikanischen auch religiöse Aspekte eine Rolle und als starkes Bindeglied fungiert der Begriff Community. Der Kiez ist dafür verantwortlich, dass Berlin auch als Dorf wahrgenommen wird und die Bewohner oftmals den eigenen Kiez gar nicht mehr verlassen wollen. Wochenmärkte, Eckkneipen und Kinderläden stiften eine nachbarschaftliche Identität.

Kiezmaniac

Ein Kiez ist nicht mit einem Stadtbezirk zu wechseln, sondern ist innerhalb der städtischen Verwaltungseinheit mal ein Platz, eine Straße oder verteilt sich über mehrere Straßen. Die Koordinaten weisen durchaus fluktuative Züge auf, denn mit den Zuzug von neuen Bewohnern und Händlern können brachgefallene Gebiete entdeckt und über eine neue Nutzungen zum hippen Szeneviertel werden. Darüber hinaus hat sich der Begriff als Marketingstrategie für Fachhändler, Berufs- und Gesellschaftsgruppen etabliert.

Der Begriff Kiez wird von ansässigen Unternehmern benutzt, um ihre Kompetenz an einem Standort zu betonen. Der Suarez-Kiez bezeichnet die in der Suarezstraße und in den unmittelbaren Nebenstraßen ansässigen

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Kollwitzmarkt © Axel Kuhlmann / flickr.com

Antiquitätenhändler. Ferner gibt es Straßen die für bestimmte Lebensmittel bekannt sind, wie die Kantstraße für asiatische Supermärkte und Spezialitätengeschäfte aus aller Welt.

Kommen, um zu bleiben

Der Kiez ist stets mit Wohngebäuden aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert assoziiert, denn nur diese verfügen über Geschäfte im Erdgeschoss, ganz unterschiedliche Grundrisse, individuell gestaltete Treppenhäuser und vielfältige Nutzungskonzepte. Während die hochherrschaftlichen Gebäude der Gründerzeit am Kurfürstendamm über Hinterhöfe mit großen Wohnungen verfügen, sind in Kreuzberg die Hinterhöfe eher dem Handwerk vorbehalten gewesen und bis heute sind hier kleine Manufakturen, Ateliers und Start-Ups ansässig.

In Berlin-Mitte vermischen sich bei den Altbauten die Nutzungsstrukturen dahingehend, dass sowohl Hinterhöfe mit Wohnungen aber ebenso mit Werkstätten existieren. Dies macht den besonderen Reiz raus, denn in den Höfen locken kleine Geschäfte, Galerien und Cafés zu einer Auszeit vom Alltag. Die Mischung in einem Gebäude, aus individuellen Wohnungen – von der großzügigen Dachgeschosswohnung bis zum kleinen Apartment – in Kombination mit inhabergeführten Geschäften – die als Kleinunternehmer ihrer Leidenschaft für ein bestimmtes Handwerk, ein Produkt oder einer Marke nachgehen – steigern die Attraktivität der Kieze. Sie bilden ein Gegengewicht zu den immer gleichen Shopping-Centern und monotonen Neubausiedlungen der 1960er und 70er Jahre.

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Lietzensee © Secret Pilgrim / flickr.com

Im Kiez: Das Glück liegt so nah

In jedem Stadtbezirk gibt es mehrere Kieze, die trotz unterschiedlichen Anwohnern und Händlern gewisse Gemeinsamkeiten erkennen lassen. Wie die Westfälische Straße der Kiez für die Bewohner zwischen S-Halensee und Adenauer Platz ist, so ist die Akazienstraße in Schöneberg die zentrale Straße für den Akazienkiez oder die Sredzkistraße – mit dem Café Anna Blume – der Inbegriff für den Kollwitzkiez. Das Besondere an den Straßen ist die Aneinanderreihung von Bäckern, Schneidern, Weinhandlungen, Metzgern und Blumengeschäften.

Fußläufig können die Dinge des täglichen Bedarf in einem ausgewählten Sortiment und mit fachkundiger Beratung gekauft werden. Das Wichtigste für diese Art von Kiez sind die kleinen Kneipen an der Straßenecke mit urigen Möbeln, familiengeführte Restaurants und ein Zeitungsladen. Hier werden Informationen ausgetauscht, auf dem Heimweg eingekehrt, auf dem Bürgersteig trifft man den Nachbarn und der Obsthändler kennt die Wünsche seiner Stammkunden.

Die Menschen in Kiezen sind eine Mischung aus Berlinern (ja, es gibt sie) und Weltbürgern aus New York, Paris und Madrid. Je nach Stadtteil gibt es Kinderspielplätze, wo sich Mütter und Väter treffen, und Cafés mit internationalen Cafe- und Kuchenangeboten. All diese täglichen Begegnungen stiften ein Gefühl von Geborgenheit und schaffen Nähe in der Ansonsten von Anonymität geprägten Metropole. Diese gewachsenen Kieze mit Straßenfesten, Lesungen in Buchgeschäften, Kunstausstellungen in Weinhandlungen, Kiezbüro und Nachbarschaftsaktionen sind es, die Berliner und Neuberliner an dieser Stadt faszinieren.

Die Entdeckung des eigenen Kiezes macht Lust auch andere Kieze in der Stadt zu entdecken. So sind in der Linienstraße und Auguststraße zahlreiche international agierende Galeristen ansässige und dieser Kiez ist die Heimat für Künstler, Designer und die Creative Industry. An den Gallery Weekends ist die Auguststraße für zahlreiche Berliner aus anderen Kiezen the-place-to-be und für einen Augenblick kann man Teilhaben an der internationalen Kunst-Bewegung.  Generell sind Kieze ständig im Wandel und Veränderungen, sowohl architektonische als auch gesellschaftliche, polarisieren die Bewohner.

Viel mehr als Stadtplanung

Die Basis für all diese urbanen Annehmlichkeiten bildet die Architektur. In den Altbauten befinden sich kleine Geschäfte im Erdgeschoss. Davor ermöglicht ein breiter Bürgersteig die Platzierung von Sitzgelegenheiten und der Waren. Der kleingepflasterte Bürgersteig schafft einen Abstand zum Straßenverkehr. Dieser ist oftmals als 30er Zone ausgewiesen und große Bäume erzeugen eine angenehm, geschützte Atmosphäre zum Verweilen. Das Verhältnis von Straße zu Bürgersteig ist ebenso wichtig, wie die angemessene Bereitstellung von Parkflächen und Fahrradständern. Die Bürgersteige und Geschäfte müssen zum Flanieren und Verweilen einladen, nur so kann ein urbanes Kiezleben entstehen.

Kleine Stadtparks mit Rasenflächen, Parkbänken und Wasserspielen, wie sie für Berlin und London typisch sind, steigern die Qualität des Wohnumfeldes und tragen zu einem lebendigen Kiezleben bei. Alles muss einem menschlichen Maßstab entsprechen und die Mannigfaltigkeit des Lebens widerspiegeln. Charmante Gassen, ansprechende Schaufenster und ein gewisser Wandel sind die Basis für feste Samstagsverabredungen zum späten Frühstück. Ferner gehören zu einem Kiez Kinderläden und Schulen.

Freuen Sie sich auf Entdeckungen

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Nachmittag im Park © zoetnet / flickr.com

In den vergangenen Jahren wurde Baulücken in den Altbaukiezen mit Neubauprojekten geschossen. Sie orientieren sich an der Traufhöhe und den Fassaden der umliegenden Gebäuden. So  ergänzen moderne Elemente die gefragten Altbauquartiere und stellen oftmals eine gelungene städtebauliche Reparatur dar. In Berlins Reiseführern werde Geheimtipps für Kieze aufgedeckt. Teilweise sind mehr Touristen mit ihren Stadtplänen, Kameras und Rucksäcken als Anwohner in den Cafés zu sehen.

Dies führt zu einer temporären Entfremdung in den Kiezen und daher hier vier Tipps für besondere Geschäfte, die durch Qualität, Einzigartigkeit und Kiez überzeugen: Biofleisch vor schwarzen Bisazza-Wänden bei Bünger in der Westfälischen Straße, Goldene Kaminuhren und englische Standuhren bei Uhrenkunst Bischoff in der Pestalozzistraße, üppige Blumenbouquets und ein romantischer Innenhof bei Blumen Koch in der Westfälischen Straße und Reisegepäck aus vergangenen Jahrzehnten im Antik-Center bei Priti Shambhu.

Fleisch, Fisch, Gemüse und guter Kaffee in inhabergeführten Geschäften sind die Indizien für einen Kiez. Er wird vor allem am Wochenende mit Freunden oder der Familie zelebriert. Der Kiez ist die Auszeit vom Alltag und ein schützenswertes Kleinod städtischen Zusammenlebens.

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