Arbeitest du noch oder lebst du schon?

Wie das Corona-Virus unsere Work-Life-Balance verändert

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© Gerd Altmann / pixabay.com

Arbeiten im Homeoffice? Das hatte lange was von Einsiedelei, Faulenzerei und war in unseren Köpfen nur für Software-Programmierer und Informatik-Studenten ohne Sozialkontakte und mit Abo des örtlichen Pizza-Bringdienstes verankert. Alle anderen gingen selbstverständlich ins Büro, fuhren in die Firma. Dafür pendelten viele auch täglich stundenlang in die nächste Stadt und wieder zurück. Was viele Jahrzehnte gültig war, das wurde im Jahr 2020 von Corona, Homeschooling und Homeoffice wie nichts beiseite gefegt. Laut einer Bitcom-Umfrage testeten fast zwei Drittel aller Unternehmen im bisherigen Verlauf der Corona-Pandemie Arbeitsmodelle wie Homeoffice, Job-Sharing und die Viertagewoche. Für unverzichtbar gehaltene Besprechungen, Treffen und Konferenzen wurden abgesagt oder ins Internet verlegt. Konferenz-Software war gefragt wie nie. Was blieb den Geschäftsführern und Personalchefs auch anderes übrig? Die Not machte es möglich – und erfinderisch. Und was aus der Not geboren wurde, wollen viele Arbeitnehmer heute nicht mehr missen: Jeden Tag von 9 bis 18 Uhr im Büro sitzen? Das ist vorbei. Offenbar stieß die Pandemie eine Veränderung des Arbeitsalltags an, die überfällig war. Wie und wo wollen wir zukünftig arbeiten und leben? Diese Fragen sind durch das Corona-Virus mit einem Schlag wieder auf die Tagesordnung gesetzt worden.

Arbeit und Leben – in Balance?

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© standsome worklifestyle / unsplash.com

Die Frage nach der Balance von Arbeit und Leben – im Englischen als Work-Life-Balance immer wieder in der Diskussion – ist auch eine Frage von Macht und Einfluss: Können die Arbeitgeber oder die Arbeitnehmer ihre Vorstellungen von einer guten Arbeit und einem guten Leben durchsetzen? Gelingt eine Einigung? Die Arbeitnehmer haben dabei ganz gute Karten, denn sie haben die demografische Entwicklung auf ihrer Seite. Während die Wirtschaft, mit Ausnahme von Krisen-Branchen wie Hotellerie, Gastronomie, dem stationären Einzelhandel, auch unter Corona-Bedingungen noch halbwegs gut läuft, sinkt der Anteil der 20- bis 40-Jährigen und der unter 20-Jährigen an der Bevölkerung kontinuierlich. Der Nachwuchs ist in vielen Berufen bereits rar und das demografische Problem steigert sich von Jahr zu Jahr. Die qualifizierten Mitarbeiter fehlen den Unternehmen an allen Ecken und Enden. So wird die Arbeitskraft, insbesondere die qualifizierte, zu einem selten Gut, das von den Arbeitgebern wertgeschätzt und umworben werden muss. Entsprechend viel können die Arbeitnehmer verlangen – und dabei geht es nicht nur um Geld, sondern eben auch um Arbeitsformen wie Homeoffice und Online-Meetings, die besser zum digitalen Zeitalter passen. Neue Mitarbeiter zu finden ist teuer. Viel günstiger ist es für Unternehmen, gute Mitarbeiter langfristig an sich zu binden. Deshalb müssen sie auf deren Erwartungen eingehen. Umfragen großer Beratungsunternehmen haben ergeben, dass junge Arbeitnehmer heute eben nicht nur ein gutes Gehalt, sondern auch Wertschätzung, eine flexible Arbeitsorganisation und motivierende Vorgesetzte erwarten. Dabei wird eine klassi­sche Karriere durchaus wertgeschätzt, aber nicht um jeden Preis! Ein befriedigendes Privatleben mit Zeit für einen Partner, Kinder, Hobbys und Reisen muss drin sein, sonst stimmt die Balance zwischen Arbeit und Privatleben nicht. Das lässt sich auch daran ablesen, dass heute doppelt so viele Menschen in Teilzeit arbeiten, wie noch vor dreißig Jahren. Gerade für Frauen ist bei der Entscheidung für oder gegen einen Arbeitgeber die Work-Life-Balance wichtig. Und ohne Frauen geht heute in der Arbeitswelt nichts mehr. Nach einer Studie der Freien Universität Berlin sind sie wesentlich besser ausgebildet als die Frauen-Generation vor ihnen, deutlich flexibler, bereit öfters und mehr zu arbeiten. Dafür erwarten sie dann aber auch ein höheres Gehalt, flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit im Homeoffice zu arbeiten. Unternehmen sind gut beraten, auf diese Erwartungen ihrer Mitarbeiter einzugehen, denn selten war ein Jobwechsel so einfach wie heute.

Immer digitaler

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© Lynette Coulston / pixabay.com

Die Digitalisierung von Unternehmen ist kein neues Phänomen. Seit mehr als zwanzig Jahren werden analoge Prozesse zunehmend durch digitale ersetzt. Die technische Ausstattung, Arbeitsprozesse und Problemlösungen wurden und werden so immer weiter digitalisiert, teilweise revolutioniert. Das schafft Erwartungen. Wie soll man jungen Arbeitnehmern, die mit Tablets, Mobiltelefonen, Clouds, Online-Meetings und Smart Watches aufgewachsen sind, im Jahr 2021 erklären, dass zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten nicht möglich sei? So war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Ereignis die bestehende Büroarbeitskultur durchschütteln und verändern würde. Für die Corona- und Nach-Corona-Zeit setzen nun zahlreiche Unternehmen auf Hybridmodelle aus Büro-Arbeit und Homeoffice-Arbeit. Denn eines ist auch klar: der direkte Austausch zwischen Kollegen – face to face – ist und bleibt wichtig. Die neue Freiheit ermöglicht es Arbeitnehmern zu leben und zu arbeiten, wo und wann sie möchten. Natürlich immer in Absprache mit den Chefs und Kollegen. Sie können in ein Brandenburger Dorf ziehen und mit Blick auf den märkischen Kiefernwald arbeiten. Sie können sich zu Meetings im Coworking Space in Berlin-Mitte treffen und auf der Heimfahrt die Kinder aus der Kita abholen. Oder sie gehen ins Unternehmen und absolvieren mal wieder einen klassischen Bürotag, bei dem sie sich voll auf die Arbeit konzentrieren können und Kollegen, Akten, die gesamte Infrastruktur in Reichweite haben.

Arbeiten und Wohnen

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© Karolina Grabowska / pixabay.com

Für viele Unternehmen stellt die Gewährleistung qualifizierter Mitarbeiter mittlerweile die größte Herausforderung dar, das hat der Deutsche Industrie- und Handelskammertag in seinem jüngsten Arbeitsmarktreport ausführlich behandelt. Für Arbeitnehmer sind das gute Perspektiven. Sie können häufig wählen, wo sie arbeiten und wohnen möchten. Doch da, wo die Arbeitsmärkte attraktiv sind, sind auch häufig die Mieten und die Kaufpreise für Immobilien hoch. Ein extremes Beispiel dafür ist München: Die bayerische Landeshauptstadt bietet viele attraktive Arbeitsplätze, doch die Monatsmieten in München sind mit einem Niveau von durchschnittlich 14 Euro pro Quadratmeter nur für wenige Haushalte erschwinglich. In anderen deutschen Großstädten wie Frankfurt und Hamburg sieht es ähnlich aus. Das hat seine Gründe: Eine gute Beschäftigungssituation geht mit höheren Einkommen einher. Boomende Arbeitsmärkte ziehen mehr Menschen an. Steigende Einkommen und steigende Haushaltszahlen erhöhen die Mieten und die Kaufpreise von Eigentumswohnungen und Häusern. Ähnliches lässt sich auch in Berlin beobachten, wo die Mieten und Kaufpreise in den vergangenen zehn Jahren stark angezogen haben. Was liegt da näher, als ins Umland der Metropole zu ziehen. Gerade in Homeoffice-Zeiten, in denen das tägliche Pendeln zum Büro in der City entfällt.

Berlin und Brandenburg

Das Berliner Umland profitiert von der großen Attraktivität und Anziehungskraft der Metropole. Die Hauptstadt gewinnt jedes Jahr etwa 50.000 Einwohner hinzu. Im Jahr 2030 könnten im Berliner Umland bis zu 980.000 Menschen leben. Das wären in gut zehn Jahren fast neun Prozent mehr, wovon Brandenburgs Landesplaner bereits ausgehen. Die gesamte Region wächst dadurch auch wirtschaftlich. Im südlichen und westlichen Berliner Umland wächst die Bevölkerung am stärksten. Dabei liegen die Siedlungen meist in der Nähe der Schienentrassen, die eine schnelle Verbindung mit Regionalbahnen nach Berlin hinein gewährleisten. Dies ist auch politisch so gewollt, da die Brandenburger Landesregierung alles tut, um den Autoverkehr nicht weiter zu verstärken. Allerdings wird man um den Ausbau von Straßen – zusätzlich zum Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs – nicht gänzlich herumkommen.

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© Achim Scholty / pixabay.com

Die brandenburgische Landhauptstadt Potsdam ist als ständig wachsende Großstadt mindestens so attraktiv wie das nahe gelegene Berlin. Ihre Bevölkerungsentwicklung ist positiv: allein in den vergangenen fünf Jahren verzeichnete Potsdam einen Einwohnerzuwachs von 10,5 Prozent. Die Folgen dieses rasanten Wachstums liegen auf der Hand: Die Nachfrage nach Wohnraum wird höher, das Angebot knapper, die Mieten steigen. Gerade kompakter Wohnraum in Form kleiner Wohnungen und Mikro-Apartments ist gefragt. Potsdam ist in das Berliner S-Bahn-Netz eingebunden und wird von vielen als Teil der Bundeshauptstadt betrachtet. Das schlägt sich auch in der Entwicklung der Baulandpreise nieder: Ein Quadratmeter kostete in Potsdam vor neun Jahren noch durchschnittlich 110 Euro. Inzwischen liegt der Preis doppelt so hoch. Tendenz weiter steigend. Vergleicht man allerdings den Potsdamer Quadratmeterpreis mit dem der begehrten Lagen in Berlin, dann ist Potsdam noch immer günstig. Investoren, Baufirmen und Architekturbüros sind schon seit Jahren engagiert dabei attraktiven Wohnraum für Mieter, Hausbesitzer und Wohnungseigentümer im Berliner Umland zu schaffen. Die Nachfrage ist da und sie steigt stetig. Wer sich für eine Wohnung oder ein Haus vor den Toren Berlins interessiert, der sollte nicht zu lange warten.

Kleines Virus, große Frage: Gelingt die Balance?

Ein kleines Virus hat die große Frage nach der Balance zwischen Arbeit und Leben in den Corona-Jahren 2020/21 wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Kinder aufziehen, Angehörige pflegen, Hobbys nachgehen und Sport treiben, eine Partnerschaft, Freundschaften, ehrenamtliches Engagement – es gibt so vieles außerhalb der Arbeit, das wichtig ist und mit der Arbeit in Balance gebracht werden muss, wenn die Menschen nicht unzufrieden, unproduktiv und krank werden sollen. Leben und Arbeit müssen zusammenpassen. Geschäftsführer und Personalchefs haben die Aufgabe, die Bedingungen der Arbeit, die Arbeitszeit, den Ort, die Unternehmenskultur und das Betriebsklima, das Gehalt, Karriereoptionen und vieles mehr so zu gestalten, dass Mitarbeiter gewonnen und gehalten werden.

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Die Digitalisierung der Arbeitswelt bietet zahlreiche Möglichkeiten, das Leben der Menschen besser auszubalancieren. Die Möglichkeit per Laptop, Cloud und Handy im Homeoffice zu arbeiten, ist eine davon. Dadurch wird auch die Nähe des Wohnorts zum Unternehmen unwichtiger. Strömten in den vergangenen Jahren viele Menschen in die Metropolen, so steigen nun Wohnungen und Häuser im Umland in der Beliebtheit. Das gilt besonders für Berlin, wo die Immobilienpreise und Mieten in den vergangenen Jahren nur eine Richtung kannten – nach oben. Durch diese Preisentwicklung getrieben und durch das Homeoffice ermutigt, entdecken immer mehr Arbeitnehmer das Brandenburger Umland der Hauptstadt für sich, das mit günstigeren Immobilienpreisen, Seen und Wäldern eine hohe Lebensqualität bietet.

Bastian Behrens

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