Kunst im Mies van der Rohe Haus

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Die Ausstellungsreihe eröffnet mit Arbeiten von Peter Piller und Originalmöbeln von Mies van der Rohe. Lederbezogener Holzstuhl aus dem Haus Esters und Stuhlmodell MR10 © M. Herrmann

100 Jahre Bauhaus – Ausstellungsreihe im Mies van der Rohe Haus eröffnet

Im nächsten Jahr feiert das Bauhaus sein 100-jähriges Jubiläum. Das nimmt das Mies van der Rohe Haus Berlin-Lichtenberg zum Anlass, schon in diesem Jahr unter dem Motto: „MIES – Sitzen und Liegen“ vier Ausstellungen zu präsentieren. Die erste mit Werken von Peter Piller und Originalmöbeln Mies van der Rohes wurde am 21. Januar 2018 feierlich eröffnet.

Das Bauhaus – von Weimar in die ganze Welt

Alles begann in der Goethestadt Weimar, als Walter Gropius der erste Direktor dieser neuartigen Schule wurde. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg herrschte ein Klima des Aufbruchs. Bereits um 1900 erdachte soziale und architektonische Reformen erhielten neue Impulse. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich das Bauhaus in einer spannenden Ära.

In den 1920er Jahren zog das Bauhaus mehr als ein Jahrzehnt Schüler und Künstler an, die optimistisch in die Zukunft schauten. Im Bereich Architektur war der weiße Kubus, wie er 1927 in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart zelebriert wurde, ebenso wichtig, wie der Massenwohnungsbau.

Auch wenn es anfänglich keine Architekturklasse gab, war Walter Gropius stets an diesem Themengebiet interessiert. Hierfür informierte sich der Architekt über die technischen Möglichkeiten und Innovationen in Amerika, während er die US-amerikanische Formensprache eher abgelehnte. Lediglich Frank Lloyd Wright fand mit seinen geradlinigen und raumgreifenden Wohnhäusern bei den Bauhäuslern Anerkennung.

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Auch der berühmte Barcelona Sessel gehört zu den Ausstellungsstücken im Mies van der Rohe Haus. © M. Herrmann

Funktionale Ausstattung für moderne Wohnkultur

In Deutschland ging es vielfach um einen Richtungswechsel zum Massenwohnungsbau mit lichtdurchfluteten Zimmern, Süd-Balkonen und funktionalen Küchen. In diesen Reformkanon reiht sich auch Margaret Schütte-Lihotzky mit ihrer Frankfurter Küche ein. Für Walter Gropius – ebenso wie den späteren Bauhausdirektor Ludwig Mies van der Rohe – ging es u. a. um das Thema Kleinstwohnungen.

Diese sollten eine funktionale Ausstattung besitzen. Die typischen Stahlrohrmöbel bildeten mit ihrer luftigen Form kongeniale Partner für kleine Zimmer. In den 1920er Jahren entstanden in Berlin zahlreiche Wohnungen nach diesem Vorbild: So die Großsiedlung Siemensstadt von Hans Scharoun, die Hufeisensiedlung von Bruno Taut und die Wohnhäuser an der Afrikanischen Straße von Mies van der Rohe.

Ganzheitlicher Gestaltungsansatz

In der Literatur haben sich Begriffe wie Neues Bauen, Neue Sachlichkeit und Klassische Moderne für die durchdachten Reformbauten etabliert. Das berühmteste Bauwerk ist jedoch das Bauhaus-Gebäude in Dessau. Es entstand nach den Plänen von Walter Gropius. Die innovative Architektur huldigte dem Künstler Oskar Schlemmer mit seinem Gemälde „Bauhaustreppe“ von 1932, welches heute im New Yorker Museum of Modern Art hängt.

Es geht um Bewegung, Raum und Farbe. Entgegen der landläufigen Meinung, dass das Bauhaus nur weiß ist, beweist ein Blick in das Meisterhaus von Paul Klee in Dessau, dass der Bauhauslehrer für die Flurgestaltung Piet Mondrian bevorzugte: Rot, Geld und Blau für jeweils eine Fläche. Auch bei Mies van der Rohe ging es im Innenraum um Akzente, wie z. B. im Barcelona Pavillon mit der Onyxwand.

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Mies van der Rohe Haus © René Müller

Das Mies van der Rohe Haus in Berlin

Mies van der Rohe war der letzte Bauhausdirektor. 1932 erhielt er den Auftrag zum Bau eines Wohnhauses für den Druckereibesitzer Karl Lemke und seine Frau in Berlin. Das idyllisch am Ufer des Obersees gelegene Haus mit Garten wurde von 2000 bis 2002 denkmalgerecht saniert und ist Galerie für Moderne Kunst und ein Anziehungspunkt für Liebhaber von Mies van der Rohes Architektur.

Anlässlich des bevorstehenden Jubiläums wird es in diesem Jahr unter dem Motto: “MIES – Sitzen und Liegen“ eine Ausstellungsreihe geben. Sie will einen Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und den Möbelentwürfen Mies van der Rohes schaffen. Für die vier geplanten Ausstellungen kooperiert das Mies van der Rohe Haus erstmals mit dem Berliner Kunstgewerbemuseum. In dessen Sammlung befinden sich die Möbel der Familie Lemke, welche zum Teil Originalmöbelstücke aus dem Atelier Mies van der Rohes sind.

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Zur Eröffnung führte Frau Wita Noack, Direktorin des Hauses, durch die Ausstellung. © M. Herrmann

Mit vier Ausstellungen ins Bauhausjahr

Am 21. Januar 2018 wurde die erste Ausstellung feierlich eröffnet. Gezeigt werden das Stuhlmodell MR10 (einer von zwei erhaltenen Originalen), der berühmte Barcelona Sessel und ein lederbezogener Holzstuhl aus dem Haus Esters (Privatsammlung Helmut Reuter). Dazu stellt der Hamburger Fotokünstler Peter Piller eine aus insgesamt 63 Fotografien bestehende Serie „Table Rowing (Rudern an der Tischkante)“ vor. Bei der Auswahl der Bilder hat sich der Künstler von bekannten Mies Portraits inspirieren lassen und zeigt von der Kamasutraliege bis zum Schleudersitz eine enorme Bandbreite von Sitzgelegenheiten.

Mit dieser Ausstellungsreihe setzt das Haus sein Konzept fort, als Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst zu dienen und den Dialog zur Kunstszene zu suchen. Dabei ist das Haus selbst ein Kunstwerk. Wita Noack, die Direktorin des Haues, sagte: „Durch den berühmten Rückspiegel der Moderne schauen wir von der Gegenwart zurück in die Zeit der Moderne, die so prägend war für das was heute in der Kunst und Architektur aktuell ist.“

„Der Architekt zeigte bei allen Projekten, dass sitzen und liegen Spaß machen“, so Wita Noack. Auch in den kommenden Ausstellungen werden die Besucher dazu angeregt, die Stühle Mies van der Rohes zu testen. Die nächste Ausstellung zeigt eine Fotoserie von Thomas Ruff – die bis zum 21. Januar 2018 in der Londoner Whitechapel Gallery zu sehen war – in Kombination mit einer S-förmige Hängeliege.

Die dritte Ausstellung kreist um historische Fotos aus dem Haus Lemke, denn der Möbelproduzent Thonet ließ erstmals die Stahlrohrmöbel im Garten der Lemkes fotografieren. Als Accessoire diente stets ein Buch und ein Apfel. Mit dieser Beziehung setzt sich die Künstlerin Mariko Takagi auseinander.

Die vierte Ausstellung zeigt Arbeiten des Künstlers Sebastian Stumpf. Das Haus befindet sich dann bereits im offiziellen Bauhausjahr. Mit dieser Einstimmung ist man dem Jubiläum einen ganzen Schritt voraus, so wie seinerzeit das Bauhaus der Zeit weit voraus war.

Dr. Carsten Schmidt

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