Hochhauswohnen in Berlin

Hochhaus mit Weltzeituhr Alexanderplatz
© reginasphotos / pixabay.com

Hochhäuser sind Zeichen des Aufbruchs und einer wachsenden wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Dynamik. Das zeigte sich auch in Berlin, als zu Beginn der 1960er Jahre am Charlottenburger Breitscheidplatz das Europa-Center errichtet wurde. Das von Helmut Hentrich und Hubert Petschnigg, unter Beratung des Architekten des Neubaus der Gedächtniskirche, Egon Eiermann, geplante Gebäude entstand als Wahrzeichen des aufstrebenden West-Berlins. Mit 86 Metern Höhe war das Europa-Center bis 1969, dem Jahr der Fertigstellung des über 90 Meter hohen Wohnhauses Ideal in der Fritz-Erler-Allee 120 im Berliner Ortsteil Gropiusstadt (Bezirk Neukölln), das höchste Hochhaus in Berlin und das zweite Bürohochhaus in Deutschland überhaupt. Sein Pendant im Osten Berlins sind das 125 Meter hohe Hotel Stadt Berlin und der 365 Meter hohe Fernsehturm am Alexanderplatz. Die DDR wollte hier Ende der 1960er Jahre zeigen, dass sie mit dem Westen mithalten konnte. Beide Gebäude stehen für den Anspruch Ost-Berlins, die repräsentative Hauptstadt eines anerkannten Staates mit leistungsfähiger Volkswirtschaft zu sein. Entsprechend wurde das Hotel am 7. Oktober 1970, dem 21. Jahrestag der Gründung der DDR, offiziell fertig gestellt.

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© Manfred Brückels, Berlin Europa Center 1, CC BY-SA 3.0

Signalbauten in Ost und West 

Im Wettbewerb und Kampf der Systeme wurden links und rechts der Berliner Mauer noch eine ganze Reihe von Hochhäusern errichtet, darunter das Springerhochhaus an der Kreuzberger Kochstraße sowie auf Ostberliner Seite die vier Wohnhochhäuser an der Leipziger Straße. Axel Springer wollte sein 78 Meter messendes Verlagshochhaus ausdrücklich als Beitrag im Kampf um die Einheit Deutschlands verstanden wissen. In einer Rede an seine Mitarbeiter des neuen Zeitungshauses sagte der Konzernchef am 28. November 1964: „[…] dass wir, wenn wir in die Kochstraße gehen, nicht nur in ein neues, schönes, großes Gebäude gehen – nicht nur in das historische Zeitungsviertel von Berlin: wir gehen in der Kochstraße auch einen Weg nach Deutschland, wenn man darunter versteht, dass es nicht lohnt, auf dieser Welt hohe Häuser für Zeitungen zu bauen, wenn man nicht eine Idee hat, die größer ist, als wir alle es selbst sind. Eine Idee, die heißt: Freiheit für alle Deutschen in einem Vaterlande mit der rechtmäßigen Hauptstadt Berlin und inmitten eines friedlichen Europa!“ Drei Jahre zuvor und unmittelbar nach Beginn der Bauarbeiten, wurde neben der Baustelle die Berliner Mauer errichtet. Jenseits der Sektorengrenze entstanden auf DDR-Seite ab 1968 unter anderem vier Wohnhochhäuser an der Leipziger Straße. Im Berliner Volksmund gibt es für diese besonders hohen Bauten auch die Bezeichnung „Springerdecker“. Es wurde vermutet, er sei unter anderem errichtet worden, um die großen Werbeanzeigen der Springerpublikationen Bild, Berliner Morgenpost, Hörzu und B.Z. auf dem Dach des benachbarten Springer-Hochhauses zu verdecken. Für diese Sichtweise gibt es allerdings keinerlei Belege.

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© Jörg Zägel, Berlin, Kreuzberg, Rudi-Dutschke-Strasse, Axel-Springer-Hochhaus, CC BY-SA 3.0

Stattdessen präsentiert sich die Leipziger Straße als ein Versuch, den damaligen Wohnungsmangel mit verfügbaren Mitteln und nach dem Leitbild der autogerechten und funktionsgeteilten Stadt zu beseitigen. Derartige Versuche finden sich vor allem in den Randbezirken von Berlin zwischen dem Märkischen Viertel, Marzahn-Hellersdorf und der Gropius-Stadt. Wobei in der DDR bis unmittelbar vor dem Mauerfall an der Verbesserung der Wohnungsversorgung gearbeitet wurde. Seit dem Fall der Mauer entstehen Hochhäuser in Berlin dagegen vor allem als Zeichen des kreativen und wirtschaftlichen Aufbruchs. Zudem ist seit etwa 2010 – bedingt durch die steigenden Grundstückspreise und die Nachfrage internationaler Käufer – auch der Bau von Wohnhochhäusern attraktiv geworden. Eines der ersten ist das Living-Levels in unmittelbarer Spreelage in Friedrichshain, für dessen Bau das bekannteste noch verbliebene Stück der Berliner Mauer geöffnet werden musste. Die Zustimmung zu Prestigeprojekten in sensibler Lage ist geteilt. Denn die Sichtbarkeit und das Preisniveau in den Wohntürmen steht in einem gewissen Gegensatz zu den Wohnbedürfnissen der überwiegenden Mehrheit der Berliner. In diesem Sinne helfen ein gewisses Understatement und ein möglichst reibungsloser Planungsprozess, ungewünschte Aufmerksamkeit zu vermeiden.

Modernes Hochhauswohnen im Westen

Ein gutes Beispiel bietet das Projekt High West im Charlottenburg-Wilmersdorfer Ortsteil Halensee. Dort wurde in den 1960er Jahren ein 70 Meter hohes Bürohaus errichtet, das in dieser überwiegend von Wohnbebauung geprägten Lage jedoch nie zu einer prestigeträchtigen Adresse wurde. Anfang der 2010er Jahre war der Standort nur noch wegen des Supermarktes von Bedeutung. Für eine Umnutzung gab es kaum Hindernisse. Mit der Genehmigung, das Bestandgebäude zwischen Karlsruher, Heilbronner und Katharinenstraße in der bestehenden Kubatur zu Wohnzwecken umnutzen und durch Neubauten ergänzen zu dürfen, hat die BAUWERT Aktiengesellschaft das 5.000 Quadratmeter große Grundstück übernommen – und dort eine hochwertige Wohnbebauung entwickelt. Während die umliegenden Anbauten abgetragen und durch eine Blockrandbebauung in Traufhöhe ersetzt wurden, wurde das Hochhaus entkernt und abgesehen von der Stahlbetonkonstruktion vollständig neu aufgebaut. Insgesamt entstanden dadurch in fünf individuellen Gebäuden  171 Eigentumswohnungen zwischen 26 und 350 Quadratmetern mit großzügigen Fensterfronten und Loggien, hinter einer Natursteinfassade.

Die Alleinlage des Hochhaues im Westen ermöglicht ab der siebenten Etage einen unverbauten Blick in alle Himmelsrichtungen und somit ein Lebensgefühl, das es in Berlin bislang nur im Osten beziehungsweise mit vergleichsweise geringem Komfort gibt. High West ist das erste und auf absehbare Zeit einzige Beispiel für anspruchsvolles Hochhauswohnen in diesem Teil der Stadt und profitiert dabei von der einzigartigen Lagequalität mit einem der besten Theater im deutschsprachigen Raum, einem der exklusivsten Wellness- und Fitnessclubs Berlins und den kurzen Wegen sowohl in die City West als auch in den nahegelegen Grunewald.

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High West © Alexander Haas / Bauwert

Viel Neubau

Deutlich mehr öffentliche Aufmerksamkeit als das High West erhalten die vielen Projekte rund um den Alexanderplatz, die auf den Plan von Hans Kohllhoff und Helga Timmermann aus den 1990er Jahren zurückgehen, welcher damals neun bis zu 150 Meter hohe Türme für den Alex vorsah. Sieben sind aktuell geplant. Den ersten Spatenstich gab es Ende 2019 beim 150 Meter hohen Alexander Tower mit knapp 380 Eigentumswohnungen. Auch auf dem Baufeld D3 neben dem ehemaligen Hotel Stadt Berlin (jetzt Park-Inn-Hotel) wird gearbeitet. Der französische Immobilienkonzern Covivio will hier ein Sockelgebäude mit 200 Wohnungen errichten und einen 130 Meter hohen Büroturm bauen. Ferner möchte Hines einen spektakulären Wohnturm nach Plänen von Frank O. Gehry realisieren. Doch das Vorhaben kommt nicht so recht voran, weil unter dem Baugrund der Tunnel der U-Bahn verläuft und die Abstimmungsprozesse mit den Berliner Verkehrsbetrieben schwierig sind.

Wachsende Anforderungen

Reine Büro- oder Wohntürme werden in den kommenden Jahren in Berlin allerdings seltener gebaut werden. Ursächlich dafür ist das im vergangenen Jahr verabschiedete Hochhausleitbild des Senats. Es enthält unter anderem Vorgaben zur Aufteilung von Büro- und Wohnflächen in einem Gebäude sowie zu architektonischen Standards und zur städtebaulichen Verträglichkeit des jeweiligen Projekts mit seiner Umgebung. Ab 60 Metern Höhe ist eine Mischnutzung Pflicht. Auch der nach dem Berliner Baulandmodell vorgeschriebene Anteil von 30 Prozent geförderten Sozialwohnungen soll bei Hochhäusern zur Anwendung kommen. Zudem soll der städtebauliche Mehrwert von Hochhäusern dadurch gewährleistet werden, dass das Erdgeschoss wie die oberste Etage öffentlich zugänglich sein sollen: Als Café, Park, Ausstellung, Restaurant oder Sky Bar.

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Dr. Jürgen Leibfried © Aleksander Perkovic / Bauwert

Die Frage, wie hoch gebaut werden soll, ist hingegen nicht abschließend beantwortet. Auch wurden bislang keine neuen Standorte für weitere Hochhausprojekte definiert. Das Leitbild hat dafür Anforderungen an Planung und Planungsprozesse. Ein Architekturwettbewerb ist ob der dominanten Wirkung von Hochhäusern im Stadtbild obligatorisch. Zudem muss eine breite Öffentlichkeitsbeteiligung erfolgen, möglichst nachhaltig gebaut werden und für jeden Hochpunkt ein Bebauungsplanverfahren durchgeführt werden. Das heißt: Wer in Berlin hoch bauen will, muss viel Zeit und Geduld mitbringen – und darf speziell bei hochfliegenden Plänen nicht unbedingt auf die Unterstützung der Politik zählen. Gleichwohl sind laut Wikipedia in Berlin aktuell rund 40 Hochhausprojekte auf dem Weg. Sie stehen für den Willen der Akteure, sich nicht leicht von Widerständen beeindrucken zu lassen und für das enorme Potenzial von Hochhauswohnen in Berlin.

Dr. Jürgen Leibfried, Vorstand BAUWERT Aktiengesellschaft