Stilvoll mit viel Geschichte

Potsdams Garten-Quartier Stadtheide (1919-1923)

In Potsdam war nach dem Ersten Weltkrieg die Wohnungsnot extrem groß. Es setzte eine neue Wohnungsbauphase ein. Über ein neues Quartier am westlichen Rand der Stadt hieß es: „Vorbildlich ist hierbei, wie neue Gedanken im Bau von Kleinsiedlungen unter Verwertung Alt-Potsdamer Motive in der Häusergruppe an der Stadtheide verwirklicht worden sind. Ein- und Mehrfamilienhäuser stehen um einen kleinen Marktplatz. Die alte Achsenbetonung, wechsel im erfrischend wirkenden Anstrich, durchgehendes Gesims, Hochdächer, geschmackvolle Fensterverzierungen – gutes Altes erlebt hier in neuer und brauchbarer Form begrüßenswerte Auferstehung.”, so ein Bericht in der Zeitung Vorwärts vom 18. Januar 1925.

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Zu diesem Zeitpunkt war die Farbe an den Fassaden getrocknet und die ersten Bewohner hatten ihre neuen Wohnungen in der Siedlung „Stadtheide” bezogen. Sie entstand auf einem schmalen Tortenstück zwischen Eisenbahndamm und Neuer Luisenstraße (seit 1924 Zeppelinstraße) im Auftrag des Potsdamer Magistrats und nach den Plänen des Berliner Architekten Alfred Kaiser in Zusammenarbeit mit Karl Wagenknecht. Bis 1923 waren 232 neue Wohnungen fertig.

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Architektonisch und in der stadtplanerischen Konzeption schwingt die Gartenstadtbewegung mit. Zentrales Merkmal ist der Marktplatz mit dem imposant wirkenden Wohn- und Geschäftshaus in Ocker mit zentral platziertem Hauseingang und symmetrischer Fassade, die eine repräsentative Ausstrahlung besitzt. Mit eher einfachen Mitteln, wie den aufgemalten Verzierungen, wurde ein ansehnliches Gebäude geschaffen. Eher ungewöhnlich mutet für Potsdam das mit Schiefer gedeckte, weit hochgezogene Dach und die großen Gaubenfenster an. Fast im rechten Winkel erhebt sich ein ebenfalls zweigeschossiges Haus, welches jedoch mit grünen Fenstern, einem hochgezogenen dreiachsigen Mittelrisalit und Wandrelief über dem Hauseingang wieder ganz anders anmutet. Auch dieses Bauwerk hebt sich von den umliegenden Häuser aufgrund seiner Breite ab. Beide Häuser bilden mit ihren Bauvolumina Solitäre und geben dem Marktplatz seine Bedeutung für das neue Quartier. Auf den anderen beiden Seiten umschließen zweigeschossige Wohnhäuser den kleinen Platz. Ihre Einheitlichkeit wird lediglich durch die unterschiedlichen Fassadenfarben aufgebrochen.

Die Häuser entlang der Zeppelinstraße bestehen aus fünf oder sieben Achsen mit einem zentralen Hauseingang, dezentem Stuck um den Hauseingang oder über den Fenstern. Haustüren wurden sehr ähnlich ausgeführt. Die Fenster im erhöhten Erdgeschoss haben eine rechteckige Form, während die Fenster im ersten Obergeschoss als Segmentbogen abgeschlossen sind. Ebenfalls sehr einheitlich sind die Dachgauben. Von der großen Form haben sich die Architekten bei den Häusern in der Nebenstraße zugunsten einer Cottage-Architektur verabschiedet. Erneut gibt es eine einheitliche Fassadengestaltung im Sinne rationaler Bauweise. Jedoch durchbrechen erkerartige Vorbauten mit Fachwerk die Monotonie und geben dem Straßenzug eine englische Anmutung. 

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Eine beidseitige Bebauung der Straße erfolgte „Im Bogen” mit jetzt dreigeschossigen Mehrfamilienhäusern. Die horizontale Betonung der Fassaden im Erdgeschoss und aus der Fassade herausgestellte Hauseingänge mit Klinker entsprechen der zeitgenössischen Reformarchitektur im Wohnungsbau. In ähnlicher Form entstanden in Berlin Genossenschaftsbauten. Dieser Häuserzeile gegenüber stehen ebenfalls 3-geschossige Mehrfamilienhäuser, welche jedoch mit Fassadenstuck in Form von Muscheln und mehrfach gestuften Fensterumrandung eher altmodisch wirken. Somit lassen sich in der Siedlung „Stadtheide” ganz viele Baustile entdecken, die jedoch eins vereint, dass diese so reduziert angewendet worden sind, dass sie zu günstigen Preisen gebaut werden konnten.

Typisch für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg sind die Mietergärten hinter den Häusern zur Selbstversorgung, denn Arbeitslosigkeit und Inflation sorgten für extreme soziale Not. Trotzdem bot die Siedlung „Stadtheide” mit ihrem fast schon dörflichen Charakter ein schönes Zuhause. Ein Besuch der farbenfrohen Siedlungen lohnt sich zu jeder Jahreszeit.

Dr. phil. Carsten Schmidt

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