Kolonie Alexandrowka

Alexandrowka: Fantasie trifft auf gezähmte Natur

Die Potsdamer Innenstadt wurde einst von prächtigen Toren flankiert. Hierzu gehörten das Berliner Tor, das Jägertor, das Brandenburger Tor sowie das Nauener Tor. Letzteres wurde von 1745 bis 1755 errichtet und zählt zu den frühesten neugotischen Architekturen des europäischen Kontinents. Gut 500 Meter hinter dem Nauener Tor entstand 1827 die Russische Kolonie Alexandrowka. Sie war dem Russischen Zaren Alexander I. gewidmet. Die traditionellen russischen Häuser beherbergten ursprünglich die verbliebenen Sänger des von König Friedrich Wilhelm III. geschaffenen Russischen Chores. Sie waren dem Kunstdorf Glasowo nachempfunden, welches Zar Alexander I. in der Nähe der königlichen Sommerresidenz Pawlowsk bei St. Petersburg erbauen lassen hatte.

Russische Architektur und preußische Gartenkunst

Im Februar 1826 entschied Friedrich Wilhelm III. über die Gesamtkonzeption, die aus Gehöftanlagen um zwei Gruppen von Gebäudetypen bestand. Die größere Gruppe umfasst acht Gehöfte mit jeweils einem giebelständigen, zweiachsigen, eingeschossigen Wohnhaus und einem parallel dazu angeordneten Wirtschafts- und Stallgebäude, wobei beide durch einen überdachten Torbau miteinander verbunden sind. Die zweite Gruppe umfasst vier Gehöfte, die zweigeschossig und dreiachsig sind. Um eine Blockbauweise vorzutäuschen, wurden auf das Fachwerk rundbohlenartige Verschalungen aufgenagelt. Die Dächer waren mit Holz gedeckt – erst später wurde das Holz durch Schiefer ausgetauscht. Durch zahlreiche Schmuckelemente auf den vorderen Giebelseiten wirkt jedes Haus als sei es ein Unikat russischer Baukunst – sie sollen mit denen im russischen Original in Pawlowsk identisch gewesen sein. Der Hauptverantwortliche für die Gestaltung beider Dörfer war der italienisch-russische Architekt Carlo Rossi. Die Anwesen besaßen alle einen Garten, die Häuser waren voll möbliert und jeder Anwohner bekam sogar eine Kuh geschenkt. Die Bewohner konnten ihren neuen Besitz an ihre männlichen Nachkommen vererben, jedoch nicht veräußern. Heute sind noch drei der Häuser von den Nachkommen der Sänger in 6. bzw. 7. Generation bewohnt. 

Die Gesamtanlage plante niemand geringeres als Peter Joseph Lenné: Die äußere Form erinnert an ein Hippodrom, während die Wege ein Andreaskreuz nachbilden. Die 14 Häuser stehen sich teilweise direkt gegenüber, teils in großen Abständen. Die gewählte Form kann laut dem Stadtkonservator Andreas Kalesse so interpretiert werden, dass Alexandrowka ein Symbol des Sieges ist und als Wunsch nach einer christlich-friedlichen Zukunft verstanden wurde. Hinzu kommt die Vorbildfunktion seiner mustergültigen Garten- und Obstkultur, die vor allem mit der Beförderung des Obstbaus zu erklären ist, so Kalesse. Auch die Streuobstwiesen zwischen den Häusern gehen auf Lenné zurück. 

Auf einem nördlich angrenzenden Berg, dem heutigen Kapellenberg, wurde 1829 die Alexander Newski Gedächtniskirche gebaut. Sie ist heute eines der ältesten noch erhaltenen Exemplare des russischen Neoklassizismus und die älteste russisch-orthodoxe Kirche in Westeuropa. Die Planungen gehen auf den russischen Architekten Wassilij Petrowitsch Stassow zurück, wobei Karl Friedrich Schinkel an der Vollendung mitwirkte. In ihrem süßem Rosa, ist die Kirche von der Siedlung aus gut sichtbar.

Alenxandrowka: Museum und UNESCO Weltkulturerbe

Um die Geschichte und die Ereignisse rund um die russische Kolonie Alexandrowka in Potsdam zu bewahren, wurde im Jahre 2005 im Haus Nummer 2 ein Museum eingerichtet. Hier können sich interessierte Besucher mit den architektonischen und historischen Besonderheiten dieser Siedlung vertraut machen. Im Jahr 1999 wurde die Kolonie in die UNESCO Liste der Welterbestätten aufgenommen.

Die Häuser der Kolonie Alexandrowka waren jedoch nicht die ersten, die an russische Bautraditionen erinnerten. Bereits 1819 hatte Friedrich Wilhelm III. nahe der Pfaueninsel nach dem Plan von Carlo Rossi das Blockhaus Nikolskoe erbauen lassen. Im Gegensatz zu Alexandrowka wurde das zweigeschossige Haus mit seinem weit vorkragenden Satteldach aus massiven, an den Ecken ineinander geklinkten Balken errichtet. Fenster- und Türrahmen waren kunstvoll mit teilweise barockisierenden Formen verziert.

Die Gebäude des Kunstdorfs Alexandrowka wurden in der äußeren Gestalt nach dem Vorbild von Glasowo gestaltet. Da Glasowo nicht erhalten blieb – lediglich einige Zeichnungen von Carlo Rossi, hat das Potsdamer russische Dorf über die örtliche Besonderheit hinaus eine große Bedeutung für die Architekturgeschichte Russlands. Zudem legen die unzähligen Obstsorten davon Zeugnis ab, dass Friedrich Wilhelm III. eine neue Landwirtschaftspolitik anstrebte.

Dr. Carsten Schmidt

Kolonie Alexandrowka
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