Das Holländische Viertel

Ehrliches Handwerk und geschmeidige Proportionen

Die warmen Fassadentöne, fein geschwungenen Giebel und geradezu idyllische Szenerie des Holländischen Viertels wirken wie ein Gegenentwurf zur oftmals als streng beurteilten preußischen Architektur der einstigen Garnisonsstadt Potsdam. Das Holländische Viertel ist mehr als 275 Jahre alt und ohne engagierte Bürger wäre es 1972 abgerissen worden. Stattdessen ließ die Stadt Potsdam vier Häuser mustergültig sanieren und legte damit den Grundstein für strahlende Augen, denn heute hat man zur Weihnachtszeit und zum Tulpenfest das Gefühl mitten in Holland zu sein.

Potsdam ist eine Schöpfung des 18. und 19. Jahrhunderts, denn als im Jahr 1713 Friedrich Wilhelm I. den preußischen Thron bestieg, wohnten in Potsdam circa 1.500 Seelen, während es 1820 bereits 20.000 Einwohner waren. Die Ordres von Friedrich Wilhelm I. zu den beiden Stadterweiterungen von 1722 und 1733 hatten vornehmlich die Unterbringung seines Garderegiments zum Ziel. Zudem war bereits ein halbes Jahrhundert zuvor versucht worden, durch das Edikt von Potsdam (1685) und dem Edikt zur Ansiedlung jüdischer Familien in der Mark Brandenburg (1671), neue Anwohner zu gewinnen.

Sämtliche Planungen von Friedrich Wilhelm I. für Potsdam fußten auf ökonomischen Überlegungen und waren vor allem auf Zweckmäßigkeit und Sparsamkeit ausgerichtet – wohingegen sein Thronfolger das Lustschloss Sanssouci und üppige Parkanlagen errichtete. Zwischen Französischer Straße und Wilhelmplatz entstand das französische Quartier. Hier wohnten 1738 bereits 478 Menschen. Weiter nördlich entstand das heute noch vollkommen erhaltene Holländische Viertel. Es legt Zeugnis über die europäischen Verflechtungen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als auch über die als vorbildlich empfundene holländische Kultur ab.

Der Bau des Holländischen Viertels war kompliziert, denn der Untergrund war morastig und feucht – auf dem Bassin-Platz musste ein Wasserbecken für das abgepumpte Wasser angelegt werden – und auch die Belegung der neuen Häuser erwies sich als nicht ganz unkompliziert. Das Holländische Viertel besteht aus vier Karrees mit 134 Häusern, die nicht ganz symmetrisch angelegt sind aber das Resultat einer Suche nach der idealen Form darstellen. Ab 1732 begannen nach den Plänen von Jan Bouman die Bauarbeiten. Sie waren 1742 weitestgehend abgeschlossen.

Das Bauprogramm bestand aus zwei Haustypen: Einem fünfachsigen Traufenhaus mit fünf Fenstern in einer Reihe und einem dreiachsigen Giebelhaus mit teilweise unterschiedlichen Giebelformen. Zudem gab es Vorschriften was die Details betraf, denn die Fensterläden sollten grün sein, bei den Giebelhäusern Schnecken aus Sandstein verwendet werden und barock anmutende Konsolen. In den Häusern setzte sich eine gewisse Einheitlichkeit fort. Eines der auffälligsten Merkmale sind die steilen und zugleich sehr stabilen Treppen. Ein besonders interessantes Detail ist, dass das Mauerwerk ursprünglich ohne Anstrich war und so die roten Hartbrandziegel ein lebendiges Farbspektrum zeigten. Bereits im späten 18. Jahrhundert erhielten die Fassaden einen Anstrich, womit das Äußere aufgewertet werden sollte. Im 19. Jahrhundert gingen zahlreiche Portaldekorationen verloren, sie wurden entfernt, überformt oder neu gestaltet.

Ursprünglich sollten die Häuser nur an Holländer vergeben werden. Nach ihrer Fertigstellung waren etwa nur die Hälfte von holländischen Handwerkern bewohnt, vier standen sogar leer. Als Anreiz für Handwerker aus Holland besaßen die Häuser nicht die notwendige Attraktivität. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wohnten hier zahlreiche Künstler, die Friedrich der Große für die Ausschmückung seiner Residenz brauchte und auch im langen 19. Jahrhundert wohnten im Holländischen Viertel zahlreiche Handwerken, Kunsthandwerker und Gewerbetreibende. In dieser Zeit kam es zu baulichen Veränderungen: Die Höfe wurden teilweise bebaut und die Fassaden vereinfacht.

Die preußischen Könige waren seinerzeit von der holländischen Bauweise stark beeinflusst. So entstand in Potsdam neben dem Holländischen Viertel das Jagdschloss Stern im Stil eines holländischen Bürgerhauses, der Stadtkanal – gleich den Grachten, und das Holländische Etablissement im Neuen Garten, die es heute ebenfalls zu entdecken gilt.

Nach 1989 erlebte das Holländische Viertel eine Renaissance. Heute stellt es das größte geschlossene holländische Bauensemble außerhalb der Niederlande dar. Hier finden Sie viele Cafés, Kunstgewerbeläden und Antiquitäten. Besonders lohnenswert ist ein Besuch in der Mittelstraße 8, denn das Jan Bouman-Haus ist das einzige komplett zugängliche Haus im Viertel.

Dr. Carsten Schmidt

Das Holländische Viertel
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