Villenkolonie Hirschgarten

Vornehmes Wohnen an der Müggelspree

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An der Grenze von Friedrichshagen zu Köpenick liegt der ruhige und verträumt wirkende Ortsteil Hirschgarten. Es war vor gut 150 Jahren, als Friedrich Wilhelm Albert Hirte die Gegend westlich der Erpe und unmittelbar an der Müggelspree für ein neues Wohnquartier weit außerhalb Berlins entdeckte. Im Juni 1870 gegründet und die ersten Arbeitsschritte zur Vorbereitung des Geländes zur späteren Bebauung eingeleitet, war das zu bebauende Areal im Besitz des Bankiers Hirte und sollte strahlenförmig um den zentralen Platz “Am Stern” nach den Plänen von Eduard Titz angelegt werden. 

Fünf Jahrzehnte später erhielt der Platz die Bezeichnung Hirteplatz. Die Ideen hinter der neuen Kolonie drückten sich auch in dem 1895 eingeweihten Obelisk auf dem Hirteplatz aus, denn eine Sonne krönte den zwölf Meter hohen und aus rotem Mainsandstein gehauenen freistehenden Pfeiler mit seinem pyramidalen Abschluss und der geschmiedeten Schmuckspitze. Mensch und Natur sollten sich in der Kolonie Hirschgarten harmonisch ergänzen. Und so prägen noch heute hohe Bäume, blühende Vorgärten und repräsentative Wohnhäuser im Villenstil das Erscheinungsbild dieser außergewöhnlichen Villenkolonie. 

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Die ursprünglichen Koordinaten waren denkbar einfach, denn den zentralen Platz verband eine Straße mit dem zwei Kilometer nordöstlich liegenden Bahnhof Friedrichshagen. Ab 1894 gab es den Bahnhof Hirschgarten, der nur halb so weit entfernt lag. Neben der romantischen Idee einer neuen Wohn- und Lebenskultur stand zugleich das Ziel wohlhabende Bewohner für die Gegend zu begeistern. So ließ Albert Hirte aus seinen eigenen Mitteln als erstes eine Villa für sich errichten und zwei Jahre später eine Turmvilla. Die Idee schien aufzugehen, denn bereits im September 1870 erwarb der Bankier Carl Bade Bauland und ließ für sich eine Villa bauen. Und wie seinerzeit üblich kam es zur Gründung einer Aktien- bzw. Terraingesellschaft – der Union Baugesellschaft auf Aktien, um den weiteren Baufortschritt zu beschleunigen. Maßgeblich war Hirte an der Gesellschaft beteiligt, der er als Vorstandsmitglied angehörte.

Zum 25-jährigen Bestehen der Villenkolonie gab es in Hirschgarten bereits 42 Villen bzw. Landhäuser und mit Telefonverbindung nach Berlin waren die Bewohner – Fabrikbesitzer, Bankiers und hochrangige Beamte – hervorragend vernetzt. Daneben wurden zwei Badehäuser an der Spree betrieben, gab es Restaurants und seit 1890 das Solbad Hirschgarten. An den Wochenenden lockten Ausflugslokale und Dampferfahrten die Berliner nach Hirschgarten. Im Jahr 1898 verstarb Albert Hirte. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Villenkolonie die uns seit mehr als 100 Jahren bekannte städtebauliche und architektonische Erscheinung angenommen.   

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Noch heute existiert eine erhebliche Anzahl an Villen und Landhäusern aus der Gründerzeit und der Epoche um 1900. Eines der bekanntesten Bauwerke der Villenkolonie Hirschgarten trägt die Adresse Müggelseedamm 8-10. Hierbei handelt es sich um die 1874 fertiggestellte Villa mit Garten für den Bankier Carl Miether. Die heute denkmalgeschützte Villa ist ein Beispiel für den seinerzeit beliebten Schinkel-Stil und klassizistische Formen. Ebenfalls ein architektonisch spannender Zeitzeuge ist die Villa mit der Adresse Weg zur Quelle 9 aus dem Jahr 1880 mit ihrem Turm, den roten Backsteinfassaden, zahlreichen Giebeln und einer belebten Dachlandschaft. Wiederum ganz anders präsentiert sich die Villa in der Wißlerstraße 2 von 1899 mit ihren hellen Fassaden und eher barocken Formen. In vielerlei Hinsicht gab Albert Hirte mit seiner Villenkolonie den Startschuss für die Bebauung entlang der Müggelspree. So hatte sich zum Beispiel der berühmte Kunstgießer Oskar Gladenbeck seine Gießerei und Villa in den späten 1880er Jahren hier errichten lassen.   

Im nächsten Jahr will die Villenkolonie Hirschgarten ihren 150. Geburtstag feiern. Die Vorbereitungen dazu laufen auf Hochtouren. Ein Ausflug lohnt sich jedoch zu jeder Jahreszeit.

Dr. phil. Carsten Schmidt