Preisgekrönte Berliner Bibliotheken

Berliner Bibliotheken Treptow Straßenfront
Die Mittelpunkt-bibliothek Treptow ist ein Ort der Gegensätze © S.F. / EXKLUSIV

Wissensspeicher in neuen Mauern

Eigentlich gehören Bücher einer vergangenen Zeit an. Schaut man sich jedoch die neuen Bibliotheken im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick an, dann stehen dem gedruckten Wort und gebundenen Buch eine Renaissance bevor. Es sind keine heiligen Hallen, sondern mutige Schöpfungen die sich in zeitloser Schönheit im städtischen Raum behaupten. Die neue Architektur macht Lust darauf, in die Gebäude zu gehen, jeden Winkel zu erkunden und einfach mal in Ruhe ein Buch aus dem Regal zu ziehen.

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Die Mittelpunktbibliothek ist ein Gebäudeensemble aus ehemaliger Feuerwache und modernem Neubau © S.F. / EXKLUSIV

Die Mittelpunktbibliothek Treptow ist ein Ort der Gegensätze, denn an der breiten Michael-Brückner-Straße entstand nach den Plänen von Chestnutt_Niess Architekten ein Ort der Ruhe. Dieser Teil von Niederschöneweide ist kein klassisches Wohngebiet und architektonisch alles anderes als eine Traumlage. Trotzdem entstand ein Gebäudeensemble, dass diese städtebauliche Übergangszone nachhaltig transformierte. Den Ausgangspunkt der Planung bildete die alte Feuerwache von 1908. Die beauftragten Architekten befreiten den Altbau aus seinem Dornröschenschlaf, denn sie erkannten die Schönheit des denkmalgeschützten Gebäudes. Ihn charakterisieren eine additive Baukörperanordnung, eine zerklüftete Dachlandschaft, turmartige Abschlüsse mit Fachwerk und drei große Rundbogenöffnungen in den Stadtraum. Für den seitlich anschließenden Neubau wählte das beauftragte Architekturbüro eine klare und ruhige Formensprache. Statt Fachwerk und Backstein bestehen die Fassaden aus Glas und vorpatinierten dunklen Zinkblechen. Alt- und Neubau streben auseinander, denn der niedrigste Gebäudeteil und zugleich zentrale Funktionsbereich: der Besuchereingang, wurde dazwischen eingespannt. Konstruktiv und ästhetisch relativ unvermittelt, wie es in Berlin oftmals gewünscht wird, wurde an die Backsteinfassade der Feuerwache ein verglaster Verbindungstrakt angesetzt. Dieser zieht sich unter die aufliegende Hauptfassade des Neubaus, die zum Eingang seitlich abfällt. Den schwebenden Eindruck konterkarieren die Architekten mit der gewählten hermetischen Blockform. Lediglich ein seitlicher, um die Ecke geführter Fassadenausschnitt öffnet den Kubus. Die Platzierung des Fensters bewirkt, dass man von Innen einen erhöhten Blick auf den Stadtraum hat. Die Fassaden des Neubaus wurden mit vorpatinierten dunklen Zinkblechen – ausgeführt als vertikale, unterschiedlich breite Streifen – verkleidet. Sie sorgen für einen dezenten Rhythmus.

Im Innenraum des Neubaus überraschen die Architekten mit galerieartigen Raumkonzepten und spannungsreich inszenierten Übergängen von geradliniger Moderne zu massiven Backsteinwänden. Das grüne Linoleum bildet eine interessanten Kontrast zum roten Backstein des Altbaus, ebenso wie die Lufträume und sich wechselnden Perspektiven das Gefühl vermitteln, als würde man sich im Stadtraum bewegen. In dem sanierten Altbau wurde die Verwaltung untergebracht und in der ehemaligen Wagenhalle im Erdgeschoss entstand ein Veranstaltungssaal für bis zu 80 Personen. Die Bibliothek und Besucherbereiche befindet sich im Neubau: die circa 1.500 Quadratmeter verteilen sich auf drei Etagen. Besonders der Kinder- und Jugendbereich wurde mit bunten Sitzgelegenheiten ansprechend gestaltet.

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Der Altbau der Mittelpunktbibliothek Köpenick wurde saniert und für die Bibliotheksverwaltung hergerichtet. © Michael T. Schmidt / isoarts.com

Auch die neue Mittelpunktbibliothek Köpenick besteht aus einem Altbau und Neubau. Kopfsteinpflaster, alte Wohnhäuser und moderne architektonische Ergänzungen charakterisieren die Lage. Mit der Adresse Alter Markt wird deutlich, dass sich die neue Bibliothek in einem gewachsenen architektonischen Umfeld einpassen muss. Im Jahr 2005 war der Wettbewerb ausgeschrieben worden der zur Bedingung hatte, dass das ehemalige Hausmeisterhaus von 1925 der Töchterschule mit einbezogen wird und darüber hinaus sollte der Neubau mit eigenem Charakter in die Maßstäblichkeit des Ortes eingefügt werden und eine Weiterentwicklung darstellen. Die Architekten Bruno, Fioretti und Marquez kümmerten sich in Zusammenarbeit mit Nele Dechmann darum, dass das kleine alte Wohnhaus mit der großvolumigen Bibliothek eine harmonische Ehe eingeht. Der Altbau wurde saniert und für die Bibliotheksverwaltung hergerichtet. Auch hier trennt ein Glastrakt den Altbau vom Neubau – der sogenannte Verbinder ist nur für das Personal zugänglich. Der Eingang zur Bibliothek befindet sich an der dem Platz zugewandten Schmalseite des Neubaus. Die einzige Gemeinsamkeit zwischen Alt- und Neubau sind die roten Backsteinfassaden, während das Dach und die Fenster unterschiedliche Sprachen sprechen.

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Der Neubau erinnert an ein italienisches Speichergebäude. © Michael T. Schmidt / isoarts.com

Bei dem Neubau haben wir es in vielerlei Hinsicht mit einem eher schlichten Gebäudekubus zu tun, dessen tiefe Fassadeneinschnitte, der schlichte Dachabschluss, die gezackte Dachlandschaft und hervorragenden Wasserspeier an italienische Speichergebäude erinnert. Die unterschiedlich großen Fenster wurden über die Fassaden verteilt – es gibt kein Zentrum und auch keine Hierarchie. So gelingt es den Architekten die Gebäudeproportionen aufzulösen und stellen den Betrachter vor die Frage: Gibt es in dem Gebäude Etagen oder ist es ein Einraumgebäude? Diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten, denn ebenso wie die Architekten an den Fassaden mit den Fenstern spielen, benutzen sie im Innenraum das Element Empore, um ein außergewöhnliches Raumkontinuum zu schaffen. Darüber hinaus wecken die Balkenkonstruktionen erneut den Eindruck, als wenn man sich in einem Speicher befindet. Jedoch ist es wesentlich komplexer, denn das versetzt angeordnete Dachfaltwerk – ausgeführt in weiß gestrichenem Brettschichtholz – ist sowohl für die Akustik als auch ästhetische Erfahrung verantwortlich. Neben den versetzten Emporen und der gefalteten Deckenkonstruktion schufen die Architekten ein eigenes Regalsystem, um so ihre Raumvision zu vervollständigen. Die dunklen Holzoberflächen bilden einen modernen Kontrast zu den hellen Wänden und Brüstungen.

An den Fassaden und im Innenraum konzentrierten sich die Architekten auf die grundlegenden Bauteile: das Dach, die Fenster, Emporen und Regale, um mit wenigen Mitteln eine eigene Wirkung zu erzielen. Besonders gelungen sind die monolithische Außenwirkung und eine nahezu asketischen Innenraumgestaltung. Als poetische Schöpfungen können die Fenster bezeichnet werden, denn blickt man durch sie nach Außen, dann sieht man Stadtansichten, während sie vom Platz aus als Lichtpunkte den öffentlichen Raum illuminieren.

Dr. Carsten Schmidt

www.berlin.de/stadtbibliothek-treptow-koepenick

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