Müggelturm

Müggelturm © Muck50, Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0, lizensiert unter CreativeCommons-Lizens by-sa/4.0-en (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en)

Leichte Moderne mit Erholungsfaktor

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Müggelturm © Muck50, Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0, lizensiert unter CreativeCommons-Lizens by-sa/4.0-en (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en)

Es war die Silvesternacht 1961, in der der 9-geschossige Turm im waldreichen Süden des Bezirks Köpenick eröffnet wurde. Zuvor spendete die Bevölkerung 130.000 Mark und leistete 3.700 freiwillige Arbeitsstunden damit nach den Entwürfen der Studenten Jörg Streitparth, Siegfried Wagner und Klaus Weißhaupt der schlanke Turm als rechteckige Stahlbetonkonstruktion in besonderer Lage entstehen konnte. Dazu gehörte auch ein Flachbau mit vier Restaurants, der das Ensemble zu einem echten Erlebnisort machte.  

Der Müggelturm steht auf halber Strecke zwischen dem Müggelsee und der weiter südlich verlaufenden Dahme, während sich westlich vom Turm der Kleine Müggelberg und zu Fuß des Turmes das Teufelsseemoor befinden. Einmal die Stufen bis zur Aussichtsplattform erklommen, verschwimmen über den Baumkronen Stadt und Landschaft zu einem Kontinuum und es bietet sich zu jeder Jahreszeit ein überraschendes Panorama. Ein Turm an diesem Ort war jedoch keine vollkommen neue Idee. Bereits 1880 ließ der Unternehmer Carl Spindler an dieser Stelle ein Bauwerk errichten, dass mit seinen gut zehn Metern kaum über die Kronen der Kiefern reichte. Ein Nachfolgebau an dieser Stelle im chinesischen Stil sollte sich großer Beliebtheit erfreuen. Dieser hölzerne Turm brannte jedoch 1958 bei Renovierungsarbeiten ab. 

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Unverbindliche Visualisierung © Berliner Müggelturm UG

Der Siegerentwurf – hervorgegangen aus einem Wettbewerb mit 32 Entwürfen – sah einen ovalen Turm vor. Am Ende sollte jedoch ein 9-geschossiger eckiger 29,61 Meter Turm mit 126 Stufen emporragen. Das Gebäude wird als Frühwerk der sozialistischen Moderne in der DDR-Architektur bezeichnet. Sein besonderes Markenzeichen war das schwebend wirkende Flachdach als Abschluss der obersten Aussichtsplattform. Ungeschützt sowie Wind und Wetter ausgesetzt, konnten die Besucher den Blick über die Landschaft genießen. Architektonisch hat der Turm zwei symmetrische Gesichter, denn während zwei Fassaden mit reliefierten Beton-Paneelen vollständig geschlossen waren, öffnen sich zwei Fassaden auf jeder Etage jeweils mit ausgestellten und um die Gebäudekante gezogenen Fensterbändern und Brüstungsfeldern. Dies sorgt dafür, dass der Turm noch schlanker wirkt und durchaus als filigran bezeichnet werden kann. Am Fuße des Müggelturms befanden sich in einem breit gelagerten Gebäuden – in einer sachlichen Formensprache gehalten – mehrere Restaurants, eine Weinstube und Sonnenterrassen. Der Berliner Architekturkritiker Nikolaus Bernau schrieb über das Gebäudeensemble: “Kantige Formen, die als Aussichtspodien geplanten Absätze des Treppenhauses mit umlaufenden Fenstern, als wie schwebend aufgesetzte Dach der Aussichtsplattform, die asymmetrisch versetzten Reliefmuster in den Betonwänden und die leichte, mit Relings aus Stahlrohren und einst bunten Farben dekorierten Restaurantterrassen zitieren vor allem jene modernistische Vergnügungsarchitektur, wie sie seit der Stockholmer Ausstellung von 1930 im Norden Europas und in den USA populär geworden war.” In das weitläufige Terrassenrestaurant kamen zu DDR-Zeiten jährlich bis zu 240.000 Gäste.

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© Andreas Steinhoff (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_M%C3%BCggelturm_Panorama.jpg?uselang=de)

Seit 1995 steht der Turm unter Denkmalschutz. Wechselnde Investoren und Planungen führten letztendlich dazu, dass der vormals beliebte Ausflugsort nach der Wende – trotz einiger baulicher Maßnahmen – sukzessive dem Verfall preisgegeben wurde. Erst 2018 wurde ein Teil des Areals und der Turm wieder Gästen und Besuchern zugänglich gemacht. Ein Jahr später sorgen die jüngsten Pläne für Diskussionsstoff, denn der Müggelturm soll einen Zwilling bekommen, damit zukünftig ein barrierefreier Zugang zur Aussichtsplattform möglich ist. Bislang stehen unterschiedliche Entwürfe zur Diskussion, wobei eine ovale Form – in Anlehnung an den ursprünglichen Siegerentwurf von 1958 – wohl bevorzugt wird.

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© Andreas Steinhoff (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_M%C3%BCggelsee_Panorama.jpg?uselang=de)

Dr. phil. Carsten Schmidt