Krematorium Berlin-Baumschulenweg

Axel Schultes und Charlotte Frank inszenieren den letzten Abschied

Vom S-Bahnhof Baumschulenweg sind es wenige Meter und Sie biegen in die Kiefholzstraße ein. Sanierte Altbauten, alte Bäume und ein breiter Fußweg säumen die Straße. Innerhalb weniger Schritte werden die Häuser niedriger und die Umgebung immer Grüner. Die Kiefholzstraße trennt den alten Städtischen Friedhof von dem neuen Friedhof. Der alte Friedhof wurde 1911 nach den Plänen von Erich Bientz und Mathias Bardenheuer angelegt. Schon der Eingang atmet die Zeit um 1900 – rotes Walmdach, große Rundbogenfenster, weiße Dachgauben. Im Jahr 1911 wurde in Preußen die Feuerbestattung gesetzlich erlaubt. Ein Jahr später wurde das erste Krematorium auf dem Friedhof Wedding eröffnet – heute ein Baudenkmal – und am 20. Juni 1913 wurde das Krematorium Baumschulenweg eingeweiht. Das erste deutsche Krematorium war 1878 in Gotha in Betrieb genommen worden. Ein Krematorium besteht aus einer Feierhalle und dem Verbrennungsraum. Die Feierhalle bestimmt die architektonische Erscheinung. Das Krematorium Baumschulenweg war bis 1994 in Betrieb und wurde abgerissen. Es machte Platz für einen hochmodernen Neubau, dessen Grundstein am 6. August 1996 gelegt werden sollte. Drei Jahre später wurde der Neubau eingeweiht.

Nachdem Sie durch das verwunschene Portal durchschritten haben, führt eine breite Allee direkt auf den Glas-Beton-Neubau zu. Ein unverstellter Blick, eine regelmäßige Pflanzung zu den Rändern hin und akkurat gesetzte Bäume geben die Richtung vor. Hier ist alles auf den zentralen Fassadeneinschnitt und die Aushöhlung ausgerichtet. Es entsteht eine Sogwirkung als bewusste Inszenierung. Sie spielt mit der Erwartungshaltung des Besuchers, der hier eine Tür erwartet. Der vertikale Einschnitt ist jedoch vollständig verglast und spiegelt die Außenwelt – die Allee, das alte Eingangsgebäude und die weitere Umgebung. An dem Gebäude angekommen, so ändern die wenigen langgestreckten Stufen unseren Bewegungsrhythmus und die seitlichen Eingänge ändern unsere Richtung. Diese Verzögerung verstärkt die Auseinandersetzung mit dem Gebäude. Von Außen betrachtet, so wird der zentrale Zugang symmetrisch flankiert von einer großen Glasfassade und einem anschließenden tiefen Fassadeneinschnitt. Vertikale und horizontale Betonelemente mit Lichtschlitz und große Glasflächen bilden eine Collage aus unterschiedlich großen Flächen und Materialien. Auch hier sorgen die langen Stufen und gedrehten Eingänge für eine Änderung unserer Bewegung. Auch hier kündigen die Schluchten die Monumentalität des Innenraums an. Die Symmetrie der Fassade durchbrechen die drei sich nach unten verjüngenden Schornsteine. Sie wurden hintereinander gereiht und deuten die Funktion des Gebäudes an. Betritt man die großen Halle, so haben in ihr bis zu 1.000 Menschen Platz. Das zentrale räumliche Ereignis ist eine fabelhafte Kulisse mit spannenden Motiven. Menschliche Proportionen sucht man vergebens, an dem Ort, der zum Denken und Erinnern an unser Leben dienen soll. Vielmehr stehen über zehn Meter hohe Pfeiler wie Zahnstocher in der quadratischen Halle. In einer lockeren, jedoch keineswegs zufälligen, Gruppierung lehnen, durchbohren oder umspielen die 29 Pfeiler die runden Löcher des Fachdachs. Die Verbindung zwischen Decke und Pfeiler bleibt den Betrachter vorerst verschlossen. In der Kondolenzhalle wurde zentral ein rundes Wasserbecken und ein schwebendes Ei platziert. Sie dienen als Requisiten für eine ortsgebundene Symbolik. Ebenso Geheimnisvoll muten die kleinen Sandhäufchen in den Wandnischen an. Die quadratische Kondolenzhalle wird seitlich von Sichtbetonmauern, dessen Höhenraster von 82 bis 105 cm variiert, begrenzt. Dahinter liegt die Gebäudeverwaltung. Insgesamt gibt es drei Trauerhallen. Davon liegen zwei kleine seitlich vom Haupteingang und die große zur Rückseite – hier befindet sich im Untergeschoss die An- und Ablieferung. Die Sitzreihen in den Trauerhallen sind nach Außen gerichtet. Diese erzwungene Offenheit zeugt von einer untypischen Haltung zum Trauern. Wer hat jemals behauptet, dass große leere Hallen der ideale Ort zum Trauern ist? Ist die komponierte Leere in der Leere ein nur allzu einfaches Motiv?

In dem Krematorium können drei Trauerfeiern gleichzeitig stattfinden. Die Trauerhallen sind oftmals der einzige Gebäudeteil, den die Trauernden wahrnehmen. Im Untergeschoss liegt die Logistik und findet der eigentliche Vorgang statt. Ebenso wie das Gebäude von Außen wie eine Produktionsstätte anmutet, so ist der Prozess vollautomatisch gesteuert. Darüber hinaus kann von der Küsterei aus die Musik in den Trauerhallen gesteuert werden, auf Knopfdruck die Fensterlamellen geöffnet und geschlossen werden und der Sarg im Boden versenkt werden. Insgesamt gibt es drei Krematoriumsöfen, in denen jährlich circa 10.000 Einäscherungen stattfinden. Im ersten Untergeschoss ist das Kühllager für 652 Särge. Die angelieferten Särge bekommen einen Barcode.

Innerhalb von drei Jahren wurde der kühne Entwurf der Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank gebaute Realität. Fakt ist, der 60-Millionen-Bau ist eine konstruktive Meisterleistung – die haushohen Vorräume mit bis zu 55 cm starken Wänden – teilweise bis zu 10,15 m in einem Guss betoniert – minimalen Plattenstößen und der großflächigen Verwendung von Glas. Hier kann jeder in ein Wunder der modernen Statik und Akustik eintauchen. Ein Acht-Sekunden-Schall macht den zentralen Raum zu einem Klangerlebnis.

Augenfällig ist der Baukörper und die Platzierung von offenen und geschlossen Flächen, sowie die Verwendung von Sichtbeton, verwandt mit dem Band des Bundes im Regierungsviertel von Berlin – Entwurf 1992/93. Auch die Pfeiler mit ihrer Lichtmanschette ist ein Motiv das von Schultes u. a. im U-Bahnhof Bundestag umgesetzt wurde. Somit kann man sich die berechtigte Frage stellen, inwieweit die Formen und Materialien des Krematoriums der spezifischen Gebäudefunktion gerecht werden? Das Krematorium erscheint wie ein Satellit aus Berlins politischer Mitte. Das Gebäude ist eine statische Meisterleistung. Die Architekten gaben mit diesem Bauwerk dem Ort eine ganz besondere Aura. Auch das man ganz vortrefflich darüber Streiten kann, ob diese überaus fotogene Architektur für ein Krematorium angemessen ist, darin liegt der Reiz und die Qualität des Gebäudes.

Krematorium Berlin-Baumschulenweg
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