Die Archenhold-Sternwarte im Treptower Park

Archenhold Sternwarte Vorderansicht
© Zael, Archenhold-Sternwarte, Front View 2, CC BY-SA 3.0

Sternkieker

Etwas steht in den Sternen geschrieben: Diesen Ausspruch kennt jeder! „Alles was uns hier unten an Gutem und Bösen zustößt, steht dort oben geschrieben”, so der französische Philosoph Diderot. Die Bedeutung der Sterne ist immens. Immerhin sind je nach Jahreszeit und technischer Ausstattung am dunklen Himmel unsere Sternzeichen, Götter, Kleiner Wagen, Großer Wagen und vieles mehr sichtbar.

Archenhold-Sternwarte_Statue_of_Archenhold_Sideview-201x300 Die Archenhold-Sternwarte im Treptower Park
© Zael, Archenhold-Sternwarte, Statue of Archenhold, Sideview, CC BY-SA 3.0

Vor gut 130 Jahren brachten die technischen Möglichkeiten den jungen Friedrich Simon Archenhold (geboren am 2. Oktober 1861) vermutlich um den Schlaf. Immerhin hatte der jüdische Forscher mit bescheidenen Mitteln am 27. Oktober 1891 im Sternbild Perseus einen Nebel entdeckt. Dies war ihm unter Verwendung der Fotografie gelungen, was jedoch als wissenschaftlicher Beweis nicht genügte. Außerdem waren andere Gelehrte der Auffassung, dass dieser Nebel schon bekannt sei.

Deshalb begann Archenhold mit der Entwicklung eines speziellen Fernrohrs. Es sollten gut fünf Jahre vergehen, bis der Welt eine Sensation präsentiert werden konnte: Die Himmelskanone. Ursprünglich von Archenhold als ein Fernrohr mit 35 m Länge und einem Objektivdurchmesser von 128 cm konzipiert, machte ihm die Konstruktionstechnik einen Strich durch die Rechnung und das Fernrohr war am Ende 21 Meter lang mit einem Objektivdurchmesser von 68 cm. Zur Sonnenfinsternis am 9. August 1896 sollte das Fernrohr in Betrieb genommen werden. Es war Teil der Berliner Gewerbeausstellung vom 1. Mai bis zum 15. Oktober 1896 im Treptower Park. Die Ausstellung setzte auf technologischen Fortschritt, Exotik und Unterhaltung. Sie zog mehr als 7,4 Millionen Besucher an. Das Riesenfernrohr machte jedoch mit seinen Motoren und der Technik einige Probleme, war über Wochen nur eingeschränkt funktionstüchtig und konnte erst nach Rückschlägen am 15. September 1896 seine volle Funktion beweisen.

Archenhold-Sternwarte-grosses-Fernrohr-204x300 Die Archenhold-Sternwarte im Treptower Park
Gemeinfrei, Quelle: https://digital.zlb.de/viewer/image/34220091/495/

Montiert wurde die Himmelskanone auf einem Ausstellungsgebäude im mittelalterlichen Burgenstil. Die Besucher wurden, wie heute im IKEA-Einrichtungshaus, durch einen festgelegten Rundgang geleitet. In den Innenräumen waren astronomische Aufnahmen ausgestellt. Dazu gab es einen großen Vortragssaal, in dem bei schlechtem Wetter Sternbilder, Sonne, Mond und die Sonnenfinsternis erklärt wurden. Die Himmelskanone wurde auf einem eigens gemauerten Sockel so platziert, dass ringsherum mehrere Personen den Vorträgen lauschen und die komplexe Konstruktion betrachten konnten. Die sonst für eine Sternwarte typische Kuppel war aufgrund der Konstruktion des Fernrohrs nicht notwendig. Hier ragt das Rohr frei in den Himmel und so konnten die immensen Kosten für eine Kuppel gespart werden, was eine große Innovation darstellt.

Auch andere Ausstellungen hatten ein Riesenfernrohr, wie z. B. Die allgemeine deutsche Patent- und Musterschutz-Ausstellung in Frankfurt am Main von 1881. In Berlin sollte das Fernrohr jedoch als einziges Ausstellungsobjekt den Treptower Park nicht mehr verlassen und blieb fortan in Betrieb. Das Angebot umfasste Führungen durch das Astronomische Museum mit Erklärungen zu den Kometen, Planeten, Meteore und der Konstruktion unterschiedlicher Fernrohre. Es gab Vorträge mit Lichtbildern. Anschließend die Beobachtung mit dem Riesenfernrohr je nach Wetter von 2 Uhr nachmittags bis manchmal sogar 12 Uhr nachts. Es muss eine Sensation gewesen sein, den Saturn am Himmel zu beobachten oder etwas über den Mars zu erfahren.

Archenhold-Sternwarte_Small_domes_South_view Die Archenhold-Sternwarte im Treptower Park
© Zael, Archenhold-Sternwarte, Small domes, South view, CC BY-SA 3.0

1896 begründete Archenhold die Treptow-Sternwarte – es entstand ein Verein – und kümmerte sich seitdem um die Leitung und Entwicklung. Er hatte den Anspruch: “Die Wissenschaft soll nicht nur für eine kleine Schicht Auserwählter da sein, sondern soll in erster Linie ihr Licht gerade dem “kleinen Mann”, der breiten Menge, bringen!”. Am 4. April 1909 begann für die Treptow-Sternwarte eine neue Zeit, denn nach den Plänen der Architekten Reimer & Körte war ein Museums- und Forschungsgebäude mit eher strengen Fassaden entstanden. Den 2-geschossigen, breit gelagerten Bau bekrönt über den seitlichen Haupteingang eine runde Uhr. Sie war ursprünglich von einem filigranen Zaun begrenzt, der umlaufend auf dem Flachdach zur Sicherheit und Zierde aufgesetzt war. Nahezu futuristisch kann das Riesenfernrohr über das flache Gebäude geschwenkt und aufgerichtet werden. Und diverse Aufbauten auf dem Dach blieben weithin sichtbar. Im Inneren bot der Neubau Platz für das Astronomische Museum, ein Hörsaal mit 470 Sitz- und 60 Stehplätzen, ein kleiner Hörsaal für 80 Personen, die Bibliothek mit Lesezimmer, ein Laboratorium sowie Büros und die Wohnung des Direktors.

Berlin-Alt-Treptow_Archenhold-Sternwarte_Fernrohr_verschiedene_Positionen_2-300x225 Die Archenhold-Sternwarte im Treptower Park
© Assenmacher, Berlin-Alt-Treptow Archenhold-Sternwarte Fernrohr verschiedene Positionen (2), CC BY-SA 4.0

Innerhalb weniger Jahre wurde die Treptow-Sternwarte und das Riesenfernrohr zur Sehenswürdigkeit – bereits 1898 im Baedeker “Berlin und Umgebung” aufgeführt – und Archenhold durch seinen unermüdlichen Einsatz, mit seinen Vorträgen und seiner Zeitschrift “Das Weltall”, zu einem wichtigen jüdischen Pädagogen auf dem Gebiet der Sternkunde. Was nicht vergessen werden darf ist, dass Albert Einstein in der Sternwarte am 2. Juni 1915 seinen ersten Vortrag zur Relativitätstheorie hielt. Heute gibt es den Albert-Einstein-Saal und die Treptow-Sternwarte heißt Archenhold-Sternwarte. Somit schlummert im Treptower Park ein Schatz Berliner Kultur- und Wissenschaftsgeschichte. Das Riesenfernrohr ist das längste noch immer voll funktionsfähige bewegliche Linsenfernrohr der Erde und steht seit 1983 unter Denkmalschutz. Die nächste Sonnenfinsternis ist am 10. Juni 2021.

Dr. Carsten Schmidt

Tags from the story
,