Fast der Vergessenheit preisgegeben – Die Königskolonnaden

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Die Königskolonnaden (1) • Die Königskolonnaden stehen heute am Kleistpark. Ein wenig wirken sie wie abgestellt, doch sie gehören ja auch eigentlich gar nicht hierher, denn einst säumten sie die Königsstraße an der Königsbrücke am Alexanderplatz. Geschaffen wurden sie von Carl von Gontard. Hierher zum Kleistpark versetzte man die Königskolonnaden bereits 1910. Foto: lt_paris Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Unbeachtet und doch voller Anmut stehen an der Potsdamer Straße in Schöneberg, zwischen Pallasstraße und Grunewaldstraße zwei historisch bedeutsame Zeugen Berliner Architektur. Die beiden anmutigen Königskolonnaden gehören zu den vergessenen Schätzen der Baukunst. Sie wurden 1777 von Carl von Gontard, Architekt u. a. des Neuen Palais in Potsdam, entworfen und ursprünglich am östlichen Stadttor, wo sich heute der Bahnhof Alexanderplatz befindet, errichtet. Anfang des 18. Jahrhundert gelangte man über die Georgenbrücke, welche den ehemaligen Festungsgraben überquerte, in die Stadt Berlin und auf direktem Wege zum Schloss. Zusammen mit dem Neubau der Brücke, welche fortan Königsbrücke hieß, wurden die Königskolonnaden geplant. Nur an diesem Ort hatten die Kolonnaden eine Funktion und der bauplastische Schmuck entsprach der urbanen Szenerie.

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Königstraße mit Königskolonnaden, Foto von Waldemar Titzenthaler 1909 © gemeinfrei

Von 1777 bis 1780 wurden die Kolonnaden an der Königsstraße erbaut. In Sandstein ausgeführt, ist jeder Säulengang 52 Meter lang und symmetrisch aufgebaut. An den Enden treten pavillonartige Abschlüsse hervor, während die Mitte mit einem mehrfach stufenförmigen Aufbau bekrönt wurde. Die Kolonnaden sind zur Vorderseite vollkommen durchlässig, es teilen sich zwei ionische Säulen ein Podest, während die Rückseite lediglich im unteren Bereich von Rundbogenöffnungen durchbrochen ist. Gestalterisch geben sie ein Musterbeispiel des aufkommenden Klassizismus ab, während die sich auf dem Dach vergnügenden Putten noch an den Stil des Rokokos erinnern. Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass die Putten Bezug zum Ort hatten, denn sie halten und sitzen auf Fässern, verpacken Güter und Waren. Dies entspricht dem Gemälde des Künstlers Eduard Gärtner: „Königsbrücke mit den Königskolonnaden“ von 1835, auf dem Menschen mit Waren beladen die Stadt verlassen und betreten. Auf der Brücke sind ebenfalls Putten zu sehen. So ergaben Brücke und Kolonnaden ein Ensemble, welches 1882 mit dem Abriss der Brücke und dem Bau der Berliner Stadtbahn im Verlauf des ehemaligen Festungsgrabens dem Fortschritt geopfert wurde.

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Königsbrücke und Königskolonnaden

vom Ufer der Königsstadt aus gesehen, Eduard Gaertner 1835 © gemeinfrei

Seit mehr als 100 Jahren befinden sich die Kolonnaden im Schöneberger-Exil, denn nachdem sie am Alexanderplatz abgetragen waren – an ihrer Stelle entstand 1911 das Warenhaus Wertheim – richtete man sie an der Potsdamer Straße wieder auf. Dies geschah im Jahr 1910. Auf dem ehemaligen Gelände des Königlichen Botanischen Gartens sollten sie von nun an dem prächtigen Neubau des Kammergerichts einen würdevollen Ausdruck verleihen und gleichzeitig den Zugang zum neuangelegten Heinrich-von-Kleist-Park bilden. Das Kammergericht gehörte zu den höchsten Instanzen Berlins und entsprechend aufwendig wurde das Gebäude (1909-1913) gestaltet. Neben der 17 Meter hohen Eingangshalle sollte es für den Kaiser im großen Plenarsaal einen prunkvollen Balkon geben.

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Die Königskolonnaden: Innenraum (3) • Das Innere der Säulenhallen (hier die südliche) wird von einer Kassettendecke geschmückt. Foto: lt_paris Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Der Heinrich-von-Kleist-Park geht auf eine Initiative der Berliner Zeitungen zurück, denn sie plädierte dafür, die halbe Fläche des Königlichen Botanischen Garten als Park zu erhalten. Der Park wurde vom damaligen Stadtgartenarchitekten Albert Brodersen gestaltet und am 21. November 1911 – anlässlich des 100. Todestages von Heinrich von Kleist – erhielt der neue Park seinen Namen. Ein Großteil des Geländes des Königlichen Botanischen Garten wurde parzelliert – östlich der Königskolonnaden entstand u. a. im Stil der Neuen Sachlichkeit das Kathreiner-Hochhaus des Architekten Bruno Paul.

Neben den Königskolonnaden erhielt der Park im Jahr 1950 ein weiteres Unikat: Die Rossebändiger. Hierbei handelt es sich um zwei Skulpturen von 1843, die bis 1945 auf der Lustgartenseite des Berliner Schlosses standen und erst 1950 in den Heinrich-von-Kleist-Park versetzt wurden. Der Landschaftsarchitekt Georg Béla Pniower platzierte die Bronzefiguren zentral jeweils seitlich vom Haupteingang des Gerichtsgebäudes und ließ die Parkanlage, die vom Zweiten Weltkrieges stark verwüstet war, komplett neu hergerichtet. Die nahezu symmetrische Anlage besteht im Wesentlichen aus Wiesen und geschwungenen Wegen. Besonders beeindruckend sind die teilweise sehr großen Bäume, die noch aus dem Baumbestand des Königlichen Botanischen Garten stammen.

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Die Königskolonnaden: Mittelpavillon (2) • Auf den Mittelpavillons der Königskolonnaden stehen größere Puttengruppen, die sich um eine Fahne scharen. Foto: lt_paris Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Die Kolonnaden wurden im 19. und 20. Jahrhundert mehrfach restauriert – zuletzt 2008 für 1,6 Millionen Euro. Anfang der 1990er Jahre und nochmals 2012 wurde kurz angeregt, sie an ihren ursprünglichen Standort zurück zu bringen. Vorerst bleiben sie in Schöneberg und die Stadt Berlin schreibt: „Die Königskolonnaden zählen bis heute zu den bedeutendsten Bauwerken Berlins aus der Übergangszeit vom Rokoko zum Klassizismus.“, womit ihre Zukunft gesichert ist.

Dr. Carsten Schmidt

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