Farbe für Berlin: Regenbogenkiez

Ein Architekturrundgang durch Schöneberg

Regenbogenkiez_Viktoria-Luise-Platz5-300x200 Farbe für Berlin: Regenbogenkiez
Viktoria-Luise-Platz, Straßenschild © Osman Pelit – Instagram @oaky.camera

Ich bin schwul – und das ist auch gut so”, mit diesem prägenden Satz machte der ehemalige regierende Berliner Bürgermeister, Klaus Wowereit, seine Homosexualität bekannt. Die Nation war baff, aber für Berlin war das kein Ding. Denn keine andere deutsche Großstadt ist für ihre Gay-Community so bekannt, wie Berlin. Seit 1996 hisst Schöneberg zur Pride Week die Regenbogenflagge und treffen sich in der Motzstraße, Nollendorfstraße, Eisenacher Straße und Fuggerstraße mehrere tausend Gays aus der ganzen Welt zu Straßenfesten. Schöneberg gilt als Hochburg für eine weltoffene Gesellschaft. Und die Gebäude erstrahlen das ganze Jahr für eine tolerante und internationale Community.

Regenbogenkiez_Gleditschstr11-200x300 Farbe für Berlin: Regenbogenkiez
Gleditschstraße 1 © Osman Pelit – Instagram @oaky.camera

Eines der sichtbarsten Wahrzeichen des Regenbogenkiezes ist der U-Bahnhof Nollendorfplatz. In den Abendstunden verwandelt sich der historische Bahnhof zu einer Lichtskulptur, denn seit 2014 strahlt die moderne Metallkuppel in den bunten Regenbogenfarben. Die erste Aktion dieser Art fand im Dezember 2013 statt und dauerte nur zwei Monate – zusammen mit weiteren Beleuchtungselemente in der Motzstraße. Anschließend beschloss die Bezirksverordnetenversammlung am 22. Januar 2014, die Lichtinstallation am Bahnhof dauerhaft zu installieren. Es ist ein Kunstwerk von Moritz Wermelskirch, welches diesen zentralen Ort Schönebergs zu jeder Jahreszeit zum Leuchten bringt. Weniger bunt aber ebenfalls Teil der Sichtbarmachung schwul-lesbischer Lebenskultur bilden die Regenbogenstele des Berliner Künstlers Salomé auf der Verkehrsinsel des Nollendorfplatzes und der Rosa Winkel am südlichen Ausgang des Bahnhofs, der an die Verfolgung und Ermordung Homosexueller im Dritten Reich erinnert.

Regenbogenkiez_Viktoria-Luise-Platz-Nr6-200x300 Farbe für Berlin: Regenbogenkiez
Viktoria-Luise-Platz Nr. 6 © Osman Pelit – Instagram @oaky.camera

Natürlich müssen Sie in die bunte Community rund um die angrenzenden Straßen eintauchen. Am Wochenende ist der Markt auf dem Winterfeldtplatz ein beliebter Treffpunkt. Der riesige Markt unter freiem Himmel ist das Mekka für internationale, kulinarische Freuden. Vielfältigkeit und Qualität machen diesen Wochenmarkt zum Größten der Innenstadtbe-zirke, denn über 150 Händler verkaufen hier frische Lebensmittel, Blumen, Stoffe und vieles mehr. Für Architekturfans hat dieser Stadtraum auch einiges zu bieten, denn neben hübschen Gründerzeit-Altbauten gibt es das Wohnhaus mit den geschwungenen Balkonen sowie die Turnhalle von Architekt Hinrich Baller aus dem Jahr 1999 und die imposante Kirche St. Matthias. In den Straßen rund um den Winterfeldtplatz können Sie flanieren, einkaufen und die neuesten Kaffeespezialitäten genießen. Inhabergeführte kleine Geschäfte, kultige Bars und der Kiez-Friseur machen das Herz von Schöneberg so vielseitig und bunt. In die andere Richtung erwartet Sie ein weiteres Highlight, denn in der Lützowstraße zeigt das Schwule Museum historisches und zeitgenössisches zu lesbischen, schwulen, transidentischen, bisexuellen und queeren Lebensgeschichten. Vor zehn Jahren zog das Schwule Museum in die ehemaligen Räume einer Druckerei in der Lützowstraße 73. Über drei Etagen verteilen sich Ausstellungsräume, ein Café, Büroräume und eine Präsenzbibliothek mit Rechercheplätzen sowie das Archiv.

Vom Schwulen Museum nehmen Sie am besten einen E-Roller oder ein E-Bike, um in Richtung Tiergarten aufzubrechen. Auf Ihrem Weg kommen Sie am Bauhaus-Archiv und der Siegessäule vorbei, um dann zum Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen zu gelangen. Gegenüber dem Holocaust-Mahnmal von Peter Eisenmann gelegen, wurde es vom Künstlerduo Michael Elmgreen und Ingar Dragset gestaltet, am 27. Mai 2008 feierlich eingeweiht und zeigt in einem kleinen Fenster einen Film mit einer gleichgeschlechtlichen Liebesszene. Der aktuelle Film stammt von der israelischen Künstlerin Yael Bartana. Elmgreen und Dragset haben ihre ästhetischen Vorstellungen eng an die unmittelbare Umgebung des Denkmals angelehnt. So erinnert das etwas versteckt liegende Denkmal an die dreidimensionale Form der Eisenmanschen Stelen, jedoch um ein Element ergänzt – dem kleinen, quadratischen Fenster, in dem der Film zu sehen ist.

Regenbogenkiez_U-Bhf-Nollendorfplatz-200x300 Farbe für Berlin: Regenbogenkiez
U-Bahnhof Nollendorfplatz © Osman Pelit – Instagram @oaky.camera

Auf Ihrem Weg zurück zum Nollendorfplatz gibt es viele spannende Neubauten. Insbesondere die Maaßenstraße, 2015 die erste Begegnungszone Berlins mit reduziertem Auto-Verkehr, lädt in den warmen Sommernächten zum Verweilen ein. Lassen Sie einfach das bunte Treiben auf sich wirken und genießen Sie mediterrane Leichtigkeit mitten in Berlin.

Dr. phil. Carsten Schmidt

Rate this post
Anzeige

Redaktionelle Werbung