Die Lindenhof-Siedlung

Eythstraße 45
© Babewyn, Lindenhof eythstr-45 43-37 2022-06-08, CC BY-SA 4.0

Für jeden Mieter ein Garten zur Selbstversorgung

Ganz in der südlichsten Spitze von Schöneberg, in der Nähe des Sommerbads am Insulaner und dem Naturpark Südgelände, befindet sich die Reformsiedlung Lindenhof. Sie entstand nach dem Ersten Weltkrieg. Einst nach den Plänen des Schöneberger Stadtbaurats Martin Wagner und des Architekten Bruno Taut konzipiert und an der Idee der Gartenstadt und des sozialen Wohnbaus orientiert, handelt es sich heute um eine Siedlung, die sehr schön die Ansätze des bezahlbaren Wohnungsbaus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt.

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© Assenmacher, Berlin-Schöneberg Suttnerstraße, CC BY-SA 3.0

Der Geist der einstigen Siedlung ist an der Arnulfstraße noch am präsentesten: Zwei langgezogene Reihenhaus-Riegel, deren Häuser entweder Gärten zur Straßenseite oder nach Norden haben, wiederum zweigeschossige Mehrfamilienhäuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite in einer leicht erhöhten Position und zwischen den Reihenhäusern ein schmaler Weg zum Weiher Lindenhof. Die Gebäude sprechen eine einfache, rationale Formensprache. Es wurde mit wenigen Mitteln maximaler Komfort geschaffen. Der ursprüngliche Haupteingang lag nahezu genau an der anderen Stelle, nämlich an der Eythstraße, wo sich Bruno Tauts Ledigenheim für alleinstehende Männer befand.

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© Babewyn, Lindenhof eythstr 45 strassenseite 2022-06-08, CC BY-SA 4.0

Bei ihrer Konzeption und Entstehung bot die Siedlung einen Mix aus Ein- und Dreifamilienreihenhäusern sowie Mehrfamilienhäusern. Die Gebäude waren an den Fassaden und in den Treppenhäusern farblich akzentuiert. Neben den Gemeinschaftseinrichtungen gab es Hausgärten zur Selbstversorgung. Nach dem Ersten Weltkrieg sorgte die Hyperinflation für weitreichende Folgen für die Wirtschaft und für große Armut bei der Bevölkerung. Daher bekam jede Mieteinheit ein ca. 80 Quadratmeter umfassendes Areal zum Anbau von Obst und Gemüse sowie zur Nutztierhaltung. Insgesamt gab es 470 Gartenparzellen, was das Erscheinungsbild der Siedlung, das Zusammenleben und auch die Erschließung prägte. Ebenfalls gab es in der Lindenhof-Siedlung gemeinschaftliche Obstbäume und ein Gewächshaus für die Mieter. Die Selbstversorgung spielte somit in den ersten Jahren eine wesentliche Rolle.

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© Bodo Kubrak, Bessemerstraße 44-76 (Berlin-Schöneberg) Wohnhäuser, CC BY-SA 4.0

Im Zweiten Weltkrieg wurden gut 60 Prozent der Siedlung komplett zerstört. Beim Wiederaufbau blieben von den 470 Hausgärten nur 103 erhalten. Auf den freien Flächen entstanden neue Grünflächen für alle Bewohner. Zerstörte Wohnhäuser wurde in den 1950er Jahren nach dem Leitbild der aufgelockerten Stadt in Form von 4-geschossigen modernen Zeilenbauten ersetzt. Aus der vorstädtischen Idylle wurde eine effiziente Siedlung, die wieder die Wohnungsnot im geteilten Berlin lindern sollte – nur jetzt mit Elementen aus dem Großsiedlungsbau. Nach den Plänen der Architekten Franz-Heinrich Sobotka und Gustav Müller entstand u. a. das siebengeschossige Laubengang-Hochhaus mit immerhin 40 Kleinstwohnungen und sechs Gewerbeeinheiten. So entwickelte sich über die unterschiedlichen Epochen hinweg eine Architektur-Collage deren Übergänge abrupt und lediglich die Grünflächen das verbindende Element sind.

Siedlung-Lindenhof_Arnulfstrasse_1-38_Berlin-Schoeneberg-300x200 Die Lindenhof-Siedlung
© Bodo Kubrak, Arnulfstraße 1-38 (Berlin-Schöneberg), CC BY-SA 4.0

Das neue Bewusstsein für die Einzigartigkeit der einstigen Gartenstadt-Siedlung führt seit 2007 dazu, dass wieder neue Hausgärten angelegt, alte Bäume durch Obstbäume ersetzt und Nisthilfen eingerichtet werden. Zudem wird auch eine Bienenzucht betrieben. Zeilenbauten der 1950er wurden saniert und eines der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Torhäuser wieder aufgebaut. Interessierte Besucher sind in der Lindenhof-Siedlung herzlich willkommen. Es gibt sechs Info-Stellen, die über die wechselvolle Geschichte berichten. Hierzu brauchen sie ein Smartphone, um den QR-Code zu scannen und schon geht die Zeitreise durch eine spannende Geschichte los.

Dr. Carsten Schmidt

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