Die Gartenstadt Neu-Tempelhof

Heute ist das Tempelhofer Feld für jeden Berlininteressierten und Berliner vor allem dafür bekannt, dass Bürger sich erfolgreich für die Umnutzung des Flugplatzes zu einer Grün-, Erholungs- und Freizeitfläche durchsetzen konnten. Seit 2010 ist es ein lebendiger Ort für gemeinsame Sport- und Freizeitvergnügen. Ein halbes Jahrhundert zuvor war der Flughafen Tempelhof der Versorgungsanker für West-Berlin, denn während der Berlin-Blockade 1948/49 landeten im 90-Sekunden-Takt die Flugzeuge der Amerikaner. Dieses Band der Solidarität bleibt für viele Berliner unvergessen. Um 1900 war der Flughafen noch Übungsplatz für Soldaten, mit Schießständen, Paradeplatz und Kaserne. Das Gebiet zwischen Tempelhofer Damm, Dudenstraße und den westlichen und südlichen S-Bahngleisen gehörte ebenfalls zum Übungsplatz und war unbebaut.

Die imposanten Eingangsgebäude am Platz der Luftbrücke / Kaiserkorso bilden ein einzigartiges Architekturerbe der 1920er Jahre.

In der Hochphase der Immobilienspekulation wurde 1908 das Gebiet westlich des Tempelhofer Damms zum Verkauf angeboten und der Bezirk Tempelhof erwarb das Grundstück für 72 Millionen Mark, was seinerzeit das teuerste Grundstücksgeschäft im Deutschen Reich war. Die Finanzierung war nur mit der Unterstützung großer Bankhäuser möglich und in Fachkreisen äußerst umstritten, jedoch witterte der Bezirk das große Geschäft. Deshalb musste schnell geplant und gebaut werde. Bereits 1910 legte Stadtplaner Hermann Jansen einen Bebauungsplan für 70.000 Einwohner vor – in diesen Dimensionen müsste man auch heute planen. Mit einem Alternativentwurf beauftragte die „Berlinische Boden-Gesellschaft“ den Industriearchitekten Bruno Möhring, welcher zuvor die Rheinbrücke in Bonn, die U-Bahnstation Bülowstraße und die Maschinenhalle der Zeche Zollern in Dortmund-Bövinghausen errichtet hatte. Möhring realisierte in aufwendigen Eisenkonstruktionen die Wünsche seiner Auftraggeber, den Zeitgeist und die eigenen Stilvorstellungen. Die Planungen für das Wohnquartier Tempelhofer Feld – gemeinsam mit Fritz Bräuning – lagen 1912 vor. Noch vor dem ersten Weltkrieg entstanden die imposanten Eingangsgebäude am Platz der Luftbrücke / Kaiserkorso und einige Wohnhäuser. Der Jugendstil war passé, dafür imponierten die imposanten ionischen Säulen, das kräftige Gebälk und zylindrische Turmaufbauten. Erker, Giebel und durchfensterte Wandabschnitte bilden das architektonische Orchester für diese großstädtischen Bauten, die vor allem als Werbung dienen sollten. Die Fassaden, als auch Innenraumgestaltungen, strahlten eine großbürgerliche Gediegenheit aus und entsprachen der Repräsentationslust der Belle Époque – auch erinnern die Fassaden an Paul Mebes Verwaltungsgebäude an der Salzburger Straße von 1914.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden kleinere Brötchen gebacken, denn es musste in Zeiten der größten Inflation günstiger Wohnraum geschaffen werden. In einem ersten Schritt verkaufte 1919 die Gemeinde Tempelhof die Grundstücke, damit 1920 Groß-Berlin erneut investieren konnte, denn es war mit 75 Prozent an der neu gegründeten „Gemeinnützigen Tempelhofer-Feld-Heimstätten GmbH“ beteiligt. Nach den Plänen der Architekten Fritz Bräuning und Eduard Jobst Siedler entstand die Gartenstadt Tempelhofer-Feld, mit überwiegend zweigeschossigen Eigenheimen, womit natürlich nicht die Wohnungsnot gelindert werden konnte. Auf die Erschließung vor dem Ersten Weltkrieg aufbauend, wurden die Straßen lediglich verschmälert, damit Privatgärten entstehen konnten. Für die Neuausrichtung konnten Bräuning und Siedler aus einem reichen Erfahrungsschatz der Gartenstadtbewegung schöpfen. So entstand ein Wohnquartier mit geschwungenen Straßen, Parkanlagen und romantischen Einfamilienhäusern. Ein kleiner Vorgarten, Fensterläden und farblich abgesetzte Tür- und Fensterumrahmungen charakterisieren die in klassischen Formen errichteten Wohnhäuser. Die Architekten hatten sich für zwei Haustypen entschieden: auf einer Grundfläche von 5 x 9 und 7 x 9 Metern. Die geringe Varianz fiel angesichts der organischen Wegführung und dem Größenwechsel der Vorgärten nicht negativ ins Gewicht. Das Zentrum der neuen Gartenstadt bildet der Adolf-Scheidt-Platz, denn seine U-Form spiegelt den nächstgrößeren Wohnring entlang dem Bäumerplan. Weitläufige Gärten, eine ruhige Gesamterscheinung und öffentliche Grünflächen erschaffen ein ländliches Idyll. Es war ein urbanes Wohnquartier für die gehobene Mittelschicht entstanden.

Ein kleiner Vorgarten, Fensterläden und farblich abgesetzte Tür- und Fensterumrahmungen – ein Wohnquartier mit ländlicher Anmutung.

Bis 1930 wurden circa 1.000 Häuser errichtet. An den Ausläufern der zentralen Gartenstadt wurden in den späten 1920er Jahre größere drei- und viergeschossige Wohnbauten als Band und in Zeilenbauweise errichtet. Die Formensprache blieb klassisch und die Mehrfamilienhäuser umschließen die innere Gartenstadt. Heute werden in diesem Quartier die Häuser nur noch vererbt aber für alle Architekturliebhaber lohnt sich ein Sonntagsausflug, denn die Siedlung gehört zu den unentdeckten Architekturjuwelen der Stadt.

Dr. Carsten Schmidt

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