Das KaDeWe: Luxus und mondänes Shopping

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Das KaDeWe – einziges Luxus-Kaufhaus aus der Belle Époque in Berlin © Pedro Becerra - STAGEVIEW.de

Die Epoche um 1900 bedeutet für die europäischen Hauptstädte eine Phase des Aufbruchs. Für das berühmte „Kaufhaus des Westens“ – kurz KaDeWe – hält dieser transformierende Zustand bereits seit über 110 Jahre an. Die Eröffnung des Hauses, am 27. März 1907, bedeutete durchaus ein Wagnis, denn das Quartier an der Tauentzienstraße war eine reine Wohngegend, während rund um den Leipziger Platz das Einkaufs- und Vergnügungszentrum der Reichshauptstadt lag. Trotzdem sah der Unternehmer Adolf Jandorf am Wittenbergplatz das Potenzial für ein Warenhaus – im Jahr 1906 besaß Jandorf in Berlin bereits fünf Warenhäuser.

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Gucci Shop im Women‘s Shoes & Accessories Department in der 3. Etage © Pedro Becerra – STAGEVIEW.de

Es übersteigt womöglich Jandorfs kühnste Visionen, dass das KaDeWe heute das einzige Luxus-Kaufhaus aus der Belle Époque in Berlin ist. Dazu trägt auch seine Architektur bei. Im Schatten der seinerzeit noch jungen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche – eröffnet 1895 – ließ Jandorf 1905 ein Mietshausblock an der Tauentzienstraße abreißen, um nach den Plänen des Architekten Johann Emil Schaudt ein an drei Seiten freistehendes, fünfgeschossiges Gebäude mit einer Muschelkalksandsteinfassade zu errichten. Innerhalb von zwei Jahren entstand ein Prachtbau – gewidmet dem modernen Konsum – mit 24.000 Quadratmeter Fläche.

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Womens Designer India Mahdavi Floor, 2. Etage © Derek Hudson

Gestalterisch wagte der Architekt Schaudt den Spagat zwischen plastischen und sachlichen Formen, denn den Haupteingang an der Tauentzienstraße flankierten turmartige Erker, die über der vierten Etage zurückspringen und in einer haubenartigen Kuppel mündeten. Dieses belebende Spiel setzte sich an der Fassadenecke fort, wo in einer Viertelkreisbewegung zur Seitenfassade übergeleitet wurde. Diese Lösung wirkt äußerst ungewöhnlich, denn sie besteht lediglich aus dem großen Eckschaufenster im Erdgeschoss und dem ersten Obergeschoss, während darüber eine geschlossene Wandfläche aufragt. Das Gebäude vermittelt den Eindruck eines additiven Architekturverständnisses, denn dieser Ansatz setzte sich an den beiden Seitenfassaden fort. Ein Motiv verbindet alle drei Fassaden und zwar die Schaufenster im Erdgeschoss. Die Felder mit bogenförmigen Abschluss waren in die Fassade eingeschnitten. In vielerlei Hinsicht gelang es Schaudt sich von der Berlin Warenhausarchitektur abzugrenzen. Das Warenhaus Hermann Tietz in der Leipziger Straße hatte eine vollständig verglaste Fassade und beim Warenhaus Wertheim am Leipziger Platz wurde auf eine vertikale Form gesetzt. Dagegen zeigte das KaDeWe eine horizontale Struktur, die mit vertikalen Elementen eine harmonische Ehe einging. Es ist eine ausgewogene Gestaltung, die Dauerhaftigkeit und Eleganz zum Ausdruck bringt.

Im KaDeWe gab es für die wilhelminische Elite hochwertige Luxuswaren, einen Friseursalon, ein Maßatelier für Damenmode, eine Filiale der Deutschen Bank und eine Zentralkasse, die über ein 18 Kilometer umfassendes Rohrpostsystem mit 154 Stationen verbunden war. Von nun an wehte „Weltstadtluft“ durch den Berliner Westen, wie Leo Colze 1908 beobachtete.

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Men‘s Shoes & Accessories Department, 1. Etage © Pedro Becerra – STAGEVIEW.de

Am 24. November 1943 stürzte ein amerikanisches Kampfflugzeug in den Lichthof und das Haus brannte vollständig aus. Am 3. Juli 1950 wurden die ersten beiden Etagen des KaDeWe wiedereröffnet, während nochmals sechs Jahre vergehen sollten, bis alle sechs Etagen wieder zugänglich waren. In den späten 1970er Jahren erweiterte man  die Verkaufsfläche deutlich – die Umbaukosten beliefen sich auf 120 Millionen DM. Zur Eröffnung am 3. April 1978 kamen der Bundespräsident und 1.500 geladene Gäste. Es war ein Haus der Superlative. Was zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen konnte war, dass nach dem Mauerfall – im November 1989 –  der größte Andrang in der Geschichte des Hauses erfolgen würde.

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Food Department, 6. Etage © Pedro Becerra – STAGEVIEW.de

Von 1991 bis 1996 bekam das Warenhaus ein Restaurant mit einer modernen Glasdecke und die Verkaufsfläche wurde auf 60.000 Quadratmeter erweitert. Seit 2016 steckt das Traditionshaus in der architektonisch spektakulärsten Transformation. In der ersten Umbauphase wurden die Schaufenster wieder den historischen Originalen angeglichen. Beim Haupteingang entschied man sich konsequent für ein zeitgenössisches Statement, denn das eingesetzte Spiegelglas und die Beleuchtung wirken wie eine Kunstinstallation. Die Gestaltung erfolgte unter der Regie des renommierten Architekten Rem Koolhaas. Ferner wurden das Damen-Fashion-Department in der zweiten Etage und der Bereich Schuhe und Accessoires im Herren-Department neu gestaltet. Die technisch aufwendigste Umgestaltung steht der Grand Dame jedoch noch bevor, denn das Dach weicht einem Glasbau. Dieser „wird durch ein kreisförmiges Atrium, das sich nach unten trichterförmig verjüngt, mit den darunter liegenden neun Etagen verbunden.“ so Baunetz 2016. Nach Einschätzung der Architekten wird es die abenteuerlichste Veränderung. Anschließend gibt es für die Besucher ein weiteres Highlight: Der zukünftige Public Space wird auch nach Ladenschluss begehbar sein und einen tollen Blick über die City-West bieten. Damit beweist das KaDeWe, dass es wie vor 110 Jahren um Konsum und Vergnügen geht, wozu die Architektur den essentiellen Beitrag leistet.

Dr. Carsten Schmidt

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