Ceciliengärten

Architektur und Skulptur im Dialog

Auch wenn Mies van der Rohe mit Labels wie Less is More gebrandmarkt wurde und die Moderne als Collage aus nüchternen Kuben in die Geschichte eingegangen ist, so war die Platzierung von Georg Kolbes Skulptur „Morgen“ im Barcelona Pavillon 1929 die gelungenste Inszenierung. Ein jugendlicher Frauenakt, dessen Körper sich mit über den Kopf öffnenden Händen empor reckt, war umgeben von Wasser und glatt geschliffenen, polierten Marmorplatten. Diese meisterhafte Symbiose war vom Künstler unbeabsichtigt, hatte Kolbe die Skulptur bereits 1925 für die Berliner Siedlung Ceciliengärten geschaffen.

Am S-Bahnhof Friedenau entstand nach den Plänen des Architekten Heinrich Lassen von 1924 bis 1928 auf einer Fläche von 42 000 qm die Wohnanlage Ceciliengärten für städtische Angestellte mit 621 Wohnungen, wovon 322 Dreizimmerwohnungen waren. Im Zentralblatt der Bauverwaltung schrieb Lassen 1927: „Die Wohnungen liegen ausschließlich von Osten nach Westen und haben sämtlich Querlüftung und ausreichend Sonnenbestrahlung. Wohnungen, die nur Nordlicht haben, sind vollständig vermieden worden.“ Mit Sicherheit tuen wir dem Architekten kein Unrecht, wenn wir seine ästhetische Auffassung als traditionell beschreiben, während in seinem funktionalen Konzept: Wohnungsgröße, Ausstattung, Hygiene und Gemeinschaftsanlagen, die zeitgenössischen Reformgedanken zum Ausdruck kommen.

Die langgestreckte Wohnanlage verläuft entlang der Rubensstraße. Unterschiedliche Gebäudehöhen, Vorund Rücksprünge an den Fassaden und ein Turm rhythmisieren und strukturieren die Siedlung. Ein 3-geschossiger Riegel führt wie eine Richtschnur von der Semperstraße zur Traegerstraße. Ihr gegenüber liegen zwei große Wohnblöcke zur Rubensstraße, die jeweils einen Wohnhof umschließen: hier befinden sich Spielplätze und Erholungsflächen für die Mieter, Wäschetrocknungsplätze und Teppichstangen. Dazwischen liegt die öffentliche Gartenanlage mit den Kolbe-Skulpturen „Morgen“ und „Abend“. Zwei Wasserspiele der Fuchsbrunnen von Max Esser(1912) und eine Fontaine, sorgen für meditatives Plätschern. Bänke in lauschigen Ecken laden zum Verweilen ein. Der Künstler Georg Kolbe zählt zu den bekanntesten Berliner Bildhauern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die beiden überlebensgroßen Plastiken wurden 1925 für die Ceciliengärten geschaffen. Ein getöntes Gipsmodell des „Morgen“ wurde 1927 im Münchener Glaspalast und später im Barcelona Pavillon gezeigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Statuen zuerst auf dem Wittenbergplatz versetzt, später im Rudolf-Wilde-Park platziert und 1996 an ihren Bestimmungsort zurückgeführt. Die beiden aufeinander bezogenen Gestalten deuten mit ihren tänzerischen Gesten Aufsteigen und Niedersinken an. Bereits im Jahr 1977 hat die Gartenanlage den Status eines Gartendenkmals erhalten. Für die ursprüngliche Planung zeichnete sich Albert Brodersen, der Berliner Stadtgartendirektor, verantwortlich. In den 15 Jahren seiner Amtszeit(1910-1925) zählte die Umgestaltung des Heinrich-von-Kleist-Parks an der Potsdamer Straße und die Erweiterung des Viktoriaparks, neben zahlreichen Spielplätzen und Sportanlagen, zu den wichtigsten Projekten. Generell erwiesen sich seine Amtsjahre, trotz Weltkrieg und anschließender Wirtschaftskrise, für die Berliner Gartenkunst und Grünplanung als sehr fruchtbar.

Auffällig in der Gestaltung der Fassaden ist: plastischer Türschmuck an den Hauseingängen, Erker die sämtlich von der Erdgleiche bis zum Dachüberstand durchgehen, Gesime über und unter den Fenstern betonen die Waagerechte. Zwischen den Erkern eingebettet liegen geschützt die Hauseingänge: sie sind farblich abgesetzt und mit Reliefs geschmückt. Bedeckt werden die Bauten durch traditionelle Ziegel-Spitzdächer mit Gauben. Die Fassaden sind in Gelb einfärbten Stockputz hydraulisch verputzt worden. Zu jeder Wohnung gehört entweder ein Balkon oder eine Loggia. Nicht mehr als zwei Wohnungen pro Etage und 8 Wohneinheiten pro Treppenaufgang sind Garanten für eine ruhige Hausgemeinschaft. Die Grundrisse sind weniger an einer ökonomischen Reihung von Zimmern orientiert als vielmehr auf das Zusammenleben einer Familie ausgerichtet, so liegen Kinder- und Elternzimmer voneinander getrennt. In den Eckgebäuden wurden die Eingänge zusammengelegt: „an der Nord- und Südfront dienen die großen Hallen […] als Aufenthaltsraum für alt und jung bei schlechtem Wetter“ schrieb Lassen 1927. Neben Berlin zählte Wien nach dem Ersten Weltkrieg zu den Zentren des Siedlungsbaus. Die Architektur Hubert Gessners zeigt ebenso wie die Berliner Ceciliengärten traditionelle Formen, gestaltete Grünflächen für die Bewohner und architektonische Statements. So markierte der kräftige Turmaufsatz eine weithin sichtbare Landmarke.

In den vergangenen Jahren wurden einige Aufgänge in Eigentumswohnungen umgewandelt. Selten sind die neuen Eigentümer eingezogen. Die ursprüngliche Idee der Gemeinschaft tritt heute in den Hintergrund, während die Gartenanlage noch immer für die Anwohner ein zentrales Kriterium bildet ebenso wie die zentrale Lage.

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