Bayrisches Viertel

100 Jahre großbürgerliche Traditionen

Um 1900 ließ man sich entweder in die Neue Welt übersetzen oder zog in eine Großstadt. New York und Berlin absolvierten die größten Wachstumsprüfungen ihrer Urbanisierungsgeschichte. Am Central Park entstanden – entlang der 5th Avenue – die Villen der Oberschicht und in Berlin füllten sich die Straßen entlang des Kurfürstendamms. Für die Vermarktung der neuen Wohngegenden kümmerten private Investoren sich um den Anschluss an den Personennahverkehr, die Ansiedlung von Gewerbetreibenden und die Anlage von Grünflächen. Im Neuen Westen plante die Berlinische-Boden-Gesellschaft(BBG) im großen Stil die Parzellierung und Bebauung von Wiesen und Äckern.

Im Jahr 1898 erhielt die Ortschaft Schöneberg die Stadtrechte und zwei Jahre später registrierte man 95.998 Bewohner. Sukzessive begann die BBG mit den Planungen südlich des Wittenbergplatzes. Am 9. Juni 1900 wurde der Viktoria-Luise-Platz eingeweiht, nach den Plänen Alfred Messels entstand von 1901-02 der Gebäudekomplex Viktoria-Luise-Platz 6 (heute Lette-Verein), das Kaufhaus des Westens eröffnete im März 1907 und ein Jahr später begann man mit der Anlage des Bayerischen Platzes. Nach den Plänen von Fritz Encke, dem Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst, entstand ein großzügiges städteräumliches Arrangement aus Blickachsen, gepflegten Rasenflächen, akkuraten Hecken, Blumenrabatten und Springbrunnen. Die Grunewaldstraße wurde seitlich um den Platz geführt und den Eingang zum U-Bahnhof umschlossen Hecken, sodass im Gesamterscheinungsbild der Schmuckplatz dominierte.

Während in den Mietshäusern des 19. Jahrhunderts die Eigentümer die Beletage des Vorderhauses bewohnten und Arbeiter in den Seitenflügeln lebten, wurde das Bayerische Viertel als erste feine Wohngegend konzipiert. Wohnstraßen mit Vorgärten, in die Erker ragen, und ausgedehnte Schmuckplätze garantierten ein exklusives Wohnen. Besonders bemerkenswert bei der Gestaltung des Bayerischen Viertels sind die reizvollen Ausbuchtungen der Straßen sowie die strenge Scheidung zwischen Wohn- und Verkehrsstraßen. Ferner wurden im Bebauungsplan vorgeschlagen die aneinandergereihten Grundstücke als zweier Einheiten zu verstehen. So umgrenzen zwei Seitenflügel einen Innenhof. Auf die Anlage von weiteren Hinterhöfen und Gartenhäusern sollte weitgehend verzichtet werden. Auch wenn der Projektentwickler Georg Haberland, Vorsitzender der BBG, den süddeutschen Renaissance-Baustil für dieses Viertel als künstlerisches Stilmittel an den Fassaden vorsah, kam es immer wieder zu Abwandlungen, Kollagen und Innovationen. So entstand nach den Plänen der Architekten Mebes und Emmerich von 1906 bis 1907 an der Badenschen Straße 1 eine Wohnanlage im Reformbaustil ohne Hinterhöfe und mit funktionalen Grundrissen. Auf der gegenüberliegenden Seite entstand von 1912 bis 1914 nach den Entwürfen von Paul Mebes das Verwaltungsgebäude des Nordstern-Versicherungskonzerns. Der Stahlbetonskelettbau zeigt Repräsentationslust, sowohl an den aufwendigen Fassaden als auch eleganten Treppenaufgängen im Inneren. Viele Gebäude im Bayerischen Viertel nahmen Bezug auf Formen der Landhausarchitektur mit Giebeln, Erkern, schmiedeeisernen Dekorationen und mannigfaltigen Fensterformen.

Im Zweiten Weltkrieg wurde bei Luftangriffen im März und November 1943 dieses architektonische Ensemble zu 75% zerstört und in der Denkmalliste sind kaum mehr als ein Dutzend Gebäude verzeichnet. Unmittelbar nach 1945 wurden eingeschossige, provisorische Bauwerke zwischen den noch erhaltenen Altbauten errichtet. Das Bayerische Viertel zählte zu den größten innerstädtischen Aufbaugebieten Westberlins, während das Hansa-Viertel eine Neuschöpfung war. Erst zwischen 1956 und 1958 setzte eine strukturierte Neubebauung der Trümmerlandschaft ein. Im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus entstanden meist 5-geschossige moderne Wohnbauten und auf größeren Flächen die zeittypischen Zeilenbauten. Im gleichen Atemzug wurde an den wenigen Altbauten der Fassadenschmuck gegen Prämienzahlungen abgeschlagen. Auch wollten einige Investoren hoch hinaus. Helmut Ollk entwarf im Stil des International Style ein modernes 10-geschossiges Bürohochhaus am Bayerischen Platz 1 (1958-1960): umlaufende Brüstungsfelder und auskragender, filigraner Sonnenschutz verleihen dem kubischen Baukörper Leichtigkeit.

Der Bayerische Platz wurde 1957 von der Grunewaldstraße geteilt, neu angelegt und ein modernes Gebäude im Bungalowstil markierte den Zugang zur U-Bahn. Im Jahr 1967 entstand nach den Visionen von Rainer G. Rümmler ein neuer Zugang zur U-Bahn im Stil der Pop-Art als skulpturales Gesamtkunstwerk mit Farb-, Form- und Lichtkonzept. Von der BVG vernachlässigt und die künstlerische Qualität von den Anwohnern verkannt, wurde der Zugang 2013 abgerissen. Bis heute gelang es nicht das Bayerische Viertel architektonisch zu rehabilitieren, es lebt von seinem Mythos und die Bewohner von der Sehnsucht nach Traditionen.

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