Landhaus und Wohnbox

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Das ‚Haus am Waldsee‘, in Berlin-Zehlendorf ist ein Ausstellungsgebäude seit der nach Nachkriegszeit für Wechselausstellungen. Titel der großen Karl Hartung Skulptur „Flügelsäule“, 1967 © JanManu, Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0, lizensiert unter CreativeCommons-Lizens by-sa/3.0-en (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en)

Haus am Waldsee

Zwischen S-Bahnhof Mexikoplatz und dem U-Bahnhof Krumme Lanke erhebt sich breit gelagert zur Argentinischen Allee eine beeindruckende Landhausvilla, die heute ein Ort für zeitgenössische Kunst ist, während auf der Rückseite die aufgeständerte moderne Wohnbox des Architekten Werner Aisslinger die Fantasie anregt. 

Vor fast 100 Jahren, im Jahr 1922, entstand nach den Plänen des Architekten Max Werner eine Landhausvilla, die die Formensprache um 1900 aufnimmt. Heute bekannt als “Haus am Waldsee”, rezipiert die Villa englische Vorbilder für den Auftraggeber Hermann Knoblauch auf einem der größten Grundstücke mit direktem Seezugang. Es sollte ein Paradies auf Erden entstehen. So ging es Knoblauch nicht nur um die Villa, sondern mit Schweinestall, Hühnerstall, Gewächshaus, Streuobstwiese und Fische im Waldsee wäre auch eine Selbstversorgung sichergestellt gewesen. Das private Arkadien musste jedoch kurze Zeit später aufgegeben werden und die Familie zog nach Charlottenburg.

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Eingang zum Haus am Waldsee, Berlin-Zehlendorf mit Skulpturen von T. Cragg, rechts und M. Sailstorfer (Wartehäuschen) © JanManu, Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0, lizensiert unter CreativeCommons-Lizens by-sa/3.0-de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de)

Über die architektonische Gestaltung kann konstatiert werden, dass zur Straßenseite der große und weit herunter gezogene Giebel den ersten Eindruck dominiert. In diesem Bereich erfolgt eine symmetrische Fassadengestaltung, die den mit einem Dreiecksgiebel betonten Eingang, der tief ins Gebäude eingeschnitten ist, umschließt. Die anderen Fassaden springen zurück und folgen einem anderen gestalterischen Ansatz, nämlich dem der Asymmetrie. So entsteht der Eindruck, dass das Haus sukzessive entstanden ist. Aber dies ist eine romantische Vortäuschung – zu der auch Bereiche in Fachwerk und Walmdächer bei den pavillonartigen Seitenflügeln gehören. Insgesamt überwiegt ein malerischer Eindruck, der auch etwas über das Leben im Haus verrät. 

Zur Seeseite erinnern die gewählten Formen an italienische Villen. Der Architekt setzt auf erhöhte Loggien mit Blick in die Landschaft, doppelläufigen Treppen und auf eine repräsentative Anmutung. In diesem Bereich fällt das Grundstück zum See hin ab und alles ist auf die Fernwirkung aber auch für den schönen Ausblick ausgerichtet. So wurde der Park mit seltenen Bäumen und  Rhododendren bepflanzt. Es gab idyllische Sitzecken, die zum Verweilen einluden.

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Haus am Waldsee in Zehlendorf © Asif Masimov, Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0, lizensiert unter CreativeCommons-Lizens by-sa/4.0-en (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en)

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann ein neues Kapitel für die Villa, denn nachdem die Amerikaner den Bezirk übernommen hatten, gab es bereits im Januar 1946 die erste Kunstausstellung mit Werken der Künstlerin Käthe Kollwitz. In den folgenden Jahren zeigten die Ausstellungen Werke von Künstlern, die lange Zeit verboten waren. Noch bevor in der Neuen Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe die zeitgenössische Kunst einen festen Ort in Berlin bekam, präsentierte das “Haus am Waldsee” Arbeiten von Henry Moore, Joan Miró, Max Ernst und Karl Hartung. Und in den 2000er Jahren gelingt ein weiterer Sprung, denn internationale zeitgenössische Künstler stellen im Haus am Waldsee aus, darunter Jonathan Monk, Norbert Bisky, Olav Christopher Jenssen und Corinne Wasmuht.

Die architektonische Moderne hielt dann Einzug, als der Loftcube des Architekten Werner Aisslinger 2007 im Park platziert wurde. Ursprünglich steckt hinter der Wohnbox im Retrodesign der 1970er Jahre die Idee, die ungenutzten Flachdächer der Großstadt zu besiedeln: Das “Loft-Cube” kann auf einer ungenutzten Dachfläche geparkt und mit den vorhandenen Wasser- und Stromleitungen des Hauptgebäudes verbunden werden, so die Hauptidee Aisslingers. Hierfür hat sich der Begriff “Parasite Architecture” etabliert.

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Nahaufnahme des „Loftcube“ von Werner Aisslinger im ‚Haus am Waldsee‘, Berlin-Zehlendorf © JanManu, Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0, lizensiert unter CreativeCommons-Lizens by-sa/3.0-en (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en)

Im Park des Haus am Waldsees steht der “Loft-Cube” auf vier kurzen Pfeilern und eine seitliche Treppe führt zum Eingang. Die vier Fassaden bieten panoramaartige Öffnungen mit seitlichen Lamellen. Wie aus einem Guß wirkt der abgerundete Rahmen und vermittelt somit eine gewissen Leichtigkeit. Konzipiert für ein bis zwei Personen, ist der gut 39 Quadratmeter umfassende Innenraum funktional und minimalistisch. Die Bewohner genießen einen 360-Grad-Rundblick. Das Ein-Raum-Haus hat Küche und Badezimmer. Alles ist fest installiert. Nichts ist überflüssig.

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L‘intérieur du Loftcube © Jean-Pierre Dalbéra, Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.0, lizensiert unter CreativeCommons-Lizens by-sa/2.0-en (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en)

Im Januar 2019 wurde das Haus am Waldsee nach 18-monatiger Sanierung wiedereröffnet. Der 1945 teilweise zerstörte und später abgetragene Ostflügel entstand nach historischem Vorbild. Und das Dachgeschoss dient nun als Workshop-Ebene. Park und Haus können von Dienstag bis Sonntag besichtigt werden.

Dr. phil. Carsten Schmidt