Freie Universität Berlin

Moderner Campus im feinen Westen – Die Universitätsgebäude der Freien Universität Berlin

In Berlin-Dahlem reihen sich nicht ausschließlich großbürgerliche Villen aneinander, sondern hier verbringen internationale Wissenschaftler Forschungssemester und geben neue Impulse. Die Freie Universität zählt zu den elf deutschen Eliteuniversitäten. Tag für Tag bilden die Gebäuden den architektonischen Rahmen für Spitzenforschung. Wie ein Teppich liegen die Rost- und Silberlaube zwischen dem Museum Europäischer Kulturen und der Thielallee. Hierbei handelt es sich um das einzige singuläre Bauwerk der Berliner Nachkriegsmoderne von internationaler Bedeutung.

Wie so oft in Berlin, und speziell im öffentlichen Sektor, wurde die architektonische Qualität über Jahrzehnte durch eine mangelnde Bestandspflege abgewertet: undichte Dächer und Decken, absturzgefährdete Unterdecken, verschlissene Bodenbeläge, abgenutzte Installationen. Erst mit dem Einbau der Philologischen Bibliothek nach den Entwürfen des Londoner Architekturbüros Foster and Partner und einer umfassenden Sanierung kam es zur Trendwende. Für den Erweiterungsbau – der jetzt kurz vor der Vollendung steht; wurde das Büro Florian Nagler Architekten verpflichtet. Wie konnte die Ergänzung ästhetisch wie funktional gelingen?

In Dahlem, dort, wo sich heute das große Gebäudeensemble der FU mit „Rost- und Silberlaube“, Mensa und Bibliothek ausbreitet, wurden bis Mitte der 1960er Jahre Äpfel geerntet. Das bis dahin noch nicht bebaute Versuchsgelände für Obstbau war ursprünglich ein Teil des Grundstücksvorrats, der vom preußischen Staat Anfang des 20. Jahrhunderts für eine in Dahlem geplante Stadt der Wissenschaft angelegt worden war. Für die 1948 neu gegründete Freie Universität, deren Institute teils in Villen logierten aber auch in provisorischen Bauten untergebracht waren, wurde es mit einsetzendem Wachstum bald dringlich, einen größeren räumlichen Rahmen abzustecken.

Während zu Beginn der 1960er Jahre an der FU noch um die 10.000 Studierende eingeschrieben waren, sollten sich ihre Zahl bis Anfang der 70er Jahre auf 25.000 erhöhen. Was also lag näher, als auf den bereitliegenden Vorratsflächen den neuen Campus zu entwickeln.

Es war die Zeit der architektonischen Visionen: mobile Strukturen, neue Baumaterialien und wabenartige Formen. Die einzelne Zelle als kleinste und als endlose Struktur größte Einheit, wurde in der Architekturtheorie und den Planungen von Tokio bis New York diskutiert. Eines der spektakulärsten Entwürfe lieferte der Architekt Kenzo Tange mit seiner Überbauung der Tokyo Bay von 1960. Tange plante über der natürlichen Bucht eine Großstruktur mit Rampen, gebogenen Häusern und terrassenartigen Parkanlagen. Dieses Stadtquartier war in die technische Zukunft gedacht und an den prognostizierten Einwohnerzahlen orientiert.

Ebenso dachte auch im Jahr 1963 die Berliner Jury, als sie für das Hauptgebäude der FU den Entwurf der Architekten Candilis, Josic and Woods auswählten. Der Entwurf sah die Reihung und Stapelung von unterschiedlich hohen Raum- und Flächenmodulen vor. Die ästhetische Einzelform wurde stets als Modul wiederholt und ordnete sich der Gesamtstruktur unter. Aus der grundsätzlich in alle Richtungen erweiterbaren Struktur erheben sich 2- und 3-geschossige Institutskomplexe mit Hörsälen, Seminarräume, Sitzecken und Büros, getrennt und zugleich verbunden durch große, teilweise miteinander kommunizierende Gartenhöfe. Im Inneren verbinden lange Rampen, breite Haupt- und schmale Nebenwege die Fachbereiche und Ebenen. Durch die horizontale Ausrichtung konnte die innere Erschließung unendlich fortgesetzt werden. Die Fassade erhielt aufwendig hergestellte Paneele in Corten-Stahl. Für die gestalterische Lösung wurde der französische Star-Architekt Jean Prouvé verpflichtet. Trotz prekärer Haushaltsmittel wurde dieses künstlerisch wie technisch anspruchsvolle Bauprojekt bis 1973 realisiert.

Gut drei Jahrzehnte später, im Jahr 2004, wurde ein europaweiter Wettbewerb ausgeschrieben, um nun abermals die Option der Gebäudeerweiterung auszuschöpfen – die erste Erweiterung war 1979 fertiggestellt worden. Am 29. August 2012 bildete die Grundsteinlegung den Auftakt für den Neubau des 50-Millionen-Euro-Projekts. Für die kleinen Fächer, der Geistes- und Kulturwissenschaften, werden zukünftig 12.250 Quadratmeter an einem gemeinsamen Standort zur Verfügung stehen. Nach den Entwürfen des Münchener Büros Florian Nagler Architekten ist ein modernes Gebäude, dessen Fassaden mit Holz verkleidet wurden, entstanden. In das klar gegliederte Volumen sind sechs Innenhöfe eingeschnitten. Das Gebäude hat überwiegend drei Geschosse; an manchen Stellen ist wie ein Ausguck ein viertes obenauf gesetzt. Der Neubau ist in jeder Hinsicht eine Fortsetzung eines Klassikers; was die Fassaden angeht, so ist nach Kupfer und Aluminium jetzt Holz an der Reihe.

In den vergangenen Jahre investierte die Freie Universität sowohl in die Forschung aber auch in die nachhaltige Instandsetzung der existierenden Gebäude. Eine hervorragend gelungene Sanierung stellt der Henry-Ford-Bau in der Garystraße dar. Nach den Plänen des Berliner Büros Sobotka & Müller war mit Geldern der Henry-Ford-Stiftung von 1952 bis 1954 ein Gebäude im International Style errichtet worden. Weiße Fassaden bilden einen Kontrast zur großen gebogenen Bruchsteinwand, vertikale Fensterbänder und ein großzügiges Foyer inszenieren die Freiheit im amerikanischen Sektor. Über ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 2005, wurde mit den Sanierungsarbeiten begonnen: Fassadenanstrich, Entfernung von Einbauten und Rekonstruktion der Fenster. Auch wurden die Außenanlagen des Henry-Ford-Baus und die der unmittelbar angrenzenden Wirtschaftswissenschaften und Juristischen Fakultät erneuert. Die dazugehörige Hauptbibliothek weisst noch einen deutlichen Modernisierungsrückstand auf. Die notwendigen Maßnahmen sind besonders aufwendig, da die Bibliothek sowohl als Lesesaal genutzt wird als auch den größten Buchbestand der FU verwahrt – die Technische Universität löste diese Aufgabe mit dem Neubau der VW Bibliothek.

Auch das Gebäude des Pflanzenphysiologischen Instituts an der Königin-Luise-Straße, aus dem Jahr 1966-70, von Wassili Luckhardt gilt es als Denkmal zu pflegen. Ein ganz besonderes Gebäude entstand von 1971 bis 1981 für das Institut Zentrale Tierlaboratorien. Brutalistisch in seiner Materialsichtigkeit und in seiner Demonstration technischer Anlagen, ähnelt dieses Gebäude einem auftauchenden U-Boot mit Kommandobrücke.

In den Semestern pilgern täglich tausende Studenten in die Stadt der Wissenschaft. Während Harvard und Yale in neogotischen Denkkathedralen den Nachwuchs schmiedet vertraut die Freie Universität auf die Verbindung von spektakulären Neubauten mit Spitzenforschung und setzt auf ihr jüngstes architektonische Erbe. Damit hebt sich der Forschungsstandort Dahlem deutlich von der Humboldt-Universität und Technischen Universität ab und bleibt deutschlandweit konkurrenzlos.

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