Die Lilienthal-Burgen – My home is my castle

Ein architektonisches Statement von Gustav Lilienthal in Lichterfelde West

Lichterfelde West, Ortsteil von Steglitz-Zehlendorf, wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom Unternehmer Carstenn erschlossen. Es entstanden Villen im Landhausstil mit Erker, Fachwerk und Giebeln. Je nach Wunsch überwog entweder der englische Einfluss oder eine klassizistische Strenge. Diesem etablierten Stil setzte der Architekt Gustav Lilienthal, Bruder des Flugpioniers Otto Lilienthal, seine Villen im mittelalterlichen Burgstil entgegen.

Die Lilienthal-Burgen sehen wie Miniatur-Tudor-Burgen aus: mit verklinkerten Zinnen, Spitz- oder Korbbogen-Fenstern und fast immer eine angedeutete Zugbrücke als Hauseingang. Eine Burg diente in erster Linie der Verteidigung. Alle Bauteile sind darauf ausgerichtet, die Bewohner zu beschützen. Gleichzeitig spielten im Mittelalter auch die Aspekte Bewohnbarkeit und Repräsentation eine wichtige Rolle bei der Planung. Zu den Hauptbestandteilen einer Burg gehören unterschiedliche Türme. Die Fenster dienten der Verteidigung und waren teilweise reich verziert.

Gustav Lilienthal hatte, wie seinerzeit üblich, erst eine Maurerlehre absolviert, dann zwei Jahre an der Schinkelschen Bauakademie studiert, um anschließend bei Auslandsaufenthalten in Prag, England, Paris und Australien Wohnhäuser, historische Stätten und ihre Denkmale zu studieren. Schließlich ließ er sich mit einem Baugeschäft in Lichterfelde-West nieder – weit vor der aufstrebenden Metropole.

Sein eigenes Haus in Lichterfelde entstand 1892 im Tietzenweg und zeigte Türmchen – unter Verzicht auf Sockelgeschoss und repräsentative Innenräume. Die Burg war das Wohnhaus der Familie Lilienthal und zugleich erfolgreiche Reklame. Zwischen 1892 und 1900 erhielt Gustav Lilienthal Aufträge für über 20 weitere Einfamilienhäuser in Lichterfelde. Sie stehen in Lichterfelde-West u.a. im Weddigenweg, der Geibelstraße, Marthastraße und in der Paulinenstraße. Besonders leicht sind sie in der Paulinenstraße zu vergleichen, wo die Lilienthal-Burgen wie Perlen aufgereiht nebeneinander stehen.

Jedes Haus ist anders und doch tragen sie alle unverkennbar die Handschrift des Architekten Lilienthal. Stets waren die Lilienthal-Burgen nicht nur in Stockwerke geteilt, sondern stellen komplizierte Raumgebilde mit versetzten Zwischengeschossen dar, verbunden durch das Treppenhaus, das immer das Zentrum der Häuser bildet. Die Räume sind eher klein und verschachtelt, dafür gemütlich. Teilweise wurden die Miniatur-Burgen nur als Sommerhäuser genutzt.

Die Denkmalschutz­behörde schrieb: „Obwohl die an schottische Burgen erinnernden Häuser bei oberflächlicher Betrachtung formal der rückwärts gewandten romantischen Burgenarchitektur zugeordnet werden könnten, stehen sie für den Beginn der Moderne. Die Burgzinnen sind zugleich Abluftschächte der Warmluftheizung und die hölzerne Zugbrücke schafft den Zugang zum Haus ohne den Wohnräumen im Kellergeschoss das Licht zu nehmen.“

Stets ist zu lesen, dass Lilienthal die protzigen Villen der Wilhelminischen Zeit nicht mochte. Seine Burgen zeugen jedoch von einer erheblichen Individualität. Es wurden unterschiedliche Fensterformate so platziert, dass der Eindruck einer Burg entsteht und die Türme stellen eine bewusste gestalterische Einheit dar. Darüber hinaus entwarf Lilienthal einzelne Bauelemente – aus Kostengründen hätte der Architekt auf vorgefertigte Elemente zurückgreifen können. Auch an der Qualität und den verwendeten Materialien wurde bei den Lilienthal-Burgen in Lichterfelde-West nicht gespart. Dass Lilienthal durchaus einem Reformwohnungsbau offen gegenüber stand, zeigt sich darin , dass er die erste Baugenossenschaften in Berlin gründete: die Freie Scholle in Reinickendorf.

Derzeit befinden sich 16 der 22 Lichterfelder Lilienthal-Häuser unter Denkmalschutz. Lichterfelde-West gilt seit 1978 als geschützter Baubereich, denn eine Bürgerinitiative stritt über Jahrzehnte für den Erhalt des alten Straßenbildes mit Alleebäumen und großen Gärten.

Zur Welt von Gustav Lilienthal gehörte auch der weltbekannte Klassiker deutschen Kinderspielzeugs, der Anker-Steinbaukasten. Aus den schlichten roten und beigen Steinen lassen sich je nach Fantasie prächtige Häuser oder Brücken bauen. Seine Wohnvision konnte Lilienthal in Lichterfelde-West umsetzen und erweitert mit den kleinen Burgen unser Bild der Berliner Gründerzeit.

Dr. Carsten Schmidt

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