Die bunte Moderne

Waldsiedlung_Onkel-Toms-Hütte
© Gemeinfrei

Waldsiedlung Zehlendorf

Weiße kubische Häuser gibt es rund um den U-Bahnhof Onkel Toms Hütte nicht. Dafür bietet dem Architekturliebhaber die Waldsiedlung, gelegen zwischen Kiefern, Wald und fußläufig zur Krummen Lanke, einmalige Einblicke in die kreative Gedankenwelt der 1920er Jahre.  “Architektur ist die Kunst der Proportion” soll Bruno Taut gesagt haben. Gleichzeitig gilt der Architekt als “Meister des farbigen Bauens”. Taut war ab 1924 für die Gehag in Berlin tätig. Zu den herausragenden Projekten gehört die Waldsiedlung, die Taut gemeinsam mit Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg plante und sukzessive zwischen 1926 und 1932 errichtet wurde. Die Siedlung deckt nahezu alle Wohnformen ab: Wohnungen, Reihenhäuser und Doppelhäuser für Familien, Singles und Senioren. 

Waldsiedlung_Zehlendorf_Riemeisterstraße_U-Bahnhof_Onkel-Toms-Hütte Die bunte Moderne
© Fridolin freudenfett (Peter Kuley), Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0, lizensiert unter CreativeCommons-Lizens by-sa/3.0-en (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en)

Bruno Taut erdachte eine Wohnsiedlung, die vorstädtisch und urban zugleich ist. Zwischen Am Fischtal im Süden und Am Hegewinkel Richtung Grunewald änderte der Architekt die städtebauliche Erscheinung dahingehend, dass langgestreckte Wohnblocks mit innenliegenden Hausgärten oder Grünanlagen einen Kontrast zu den umliegenden villenartigen Wohnhäusern bilden.

Waldsiedlung_Zehlendorf_Wilskistraße-003 Die bunte Moderne
© Fridolin freudenfett (Peter Kuley), Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0, lizensiert unter CreativeCommons-Lizens by-sa/3.0-en (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en)
Waldsiedlung_Onkel-Toms-Hütte_2-300x225 Die bunte Moderne
© Arbalete , Public Domain

Auch sonst vollziehen die drei Architekten einen Bruch, denn die Gebäude sind farbig sehr auffällig, Flachdächer sorgen für den gewünschten modernen Look und der U-Bahnhof ist zugleich Einkaufspassage, was als absolut en vogue für die Zeit bewertet werden kann. Es entstanden 1.900 Wohneinheiten, davon 1.100 Wohnungen in zwei- und dreigeschossigen Mehrfamilienhäusern. Bei den Reihenhäusern gab es nur zwei Haustypen, die aber mit kleinen Unterschieden für ein abwechslungsreiches Gesamtbild sorgen. Hierzu gehören reizvolle Perspektiven, gestaffelte Hauseinheiten und die besondere Betonung von einzelnen Bauteilen. 

Der Architekt Bruno Taut zeichnet sich für den nördlichen Teil der Waldsiedlung verantwortlich. Es entstanden farbig gestaltete Wohnhäuser, die den Bezug zur Natur suchen. Noch spannender sind die Gebäude von Otto Rudolf Salvisberg im südlichen Bereich, denn bei seinen Häusern wechselt die Farbigkeit je nach Straßenseite. Und es gibt unterschiedliche Farben für vor- und zurückgesetzte Häuser innerhalb der Zeile. Salvisberg bedient sich einem simplen Trick um die Häuser voneinander zu trennen, denn er setzt vor die Trennwände eine Rollschicht aus rotem Klinker. Eine liebliche Moderne ist bei Hugo Häring zu erkennen, denn er setzt bei seinen Bauten am Eisvogelweg und an der Riemeisterstraße auf eine zurückhaltende Fassadengestaltung und betont lediglich die Eckbauten, die eine torähnliche Situation schaffen.

Alle Reihenhäuser besitzen auf der Rückseite einen Hausgarten zur Selbstversorgung, was an die Idee der Gartenstadt-Bewegung erinnert. 

Waldsiedlung_U-Bahnhof_Onkel_Toms_Hütte_Entry_Riemeisterstraße Die bunte Moderne
© DXR, Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0, lizensiert unter CreativeCommons-Lizens by-sa/3.0-de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de)

Die Waldsiedlung sorgte für einen ordentlichen Streit unter den Architekten der Weimarer Republik, denn nur wenige Menschen zeigten sich offen und interessiert an neuen architektonischen Ideen und Lösungen. Der so genannte “Zehlendorfer Dächerstreit” entbrannte, denn das Flachdach war keineswegs eine akzeptierte Lösung.

Waldsiedlung_Onkel-Toms-Hütte_1-234x300 Die bunte Moderne
© Gemeinfrei

Die Waldsiedlung überstrapazierte die Nerven und so kam es, dass der Streifen zwischen Waldsiedlung und Fischtalpark ab 1928 mit zumeist Doppel- und Reihenhäusern mit klassischen Steildächern nach den Entwürfen von Paul Schmitthenner, Hans Poelzig und Heinrich Tessenow bebaut wurde. Ihr Ideal fanden Sie im Buch des Architekten Paul Mebes mit dem Titel “Um 1800”. Auch diese Häuser bieten heute interessante Anregungen.

In diesem Jahr: 100 Jahre Bauhaus, hat sich die Waldsiedlung auf mehr Besucher vorbereitet. Für sie gibt es eine Großprojektion an der U-Bahnstation zur Geschichte und im Bruno-Taut-Laden auf der Nordseite des Ladenstraße können geführte Touren gebucht werden. Auch Fahrräder stehen bereit, denn es gibt weitere architektonische Highlights – wie die Villen von Richard Neutra an der Onkel-Tom-Straße und zahlreiche Landhäuser südlich vom Fischtalpark.

Dr. phil. Carsten Schmidt