Der Botanische Garten Berlin

Das Große Tropenhaus – Kew Garden in Berlin

Kakteen, fleischfressende Pflanzen, Orchideen, Bromelien: Innerhalb weniger Minuten von Europa nach Afrika, Australien oder ans Mittelmeer zu reisen, das ist im Botanischen Garten seit über 100 Jahren möglich. Im Jahr 1910 öffnete der Botanische Garten offiziell seine Pforten in Steglitz. Der Pflanzenbestand basierte auf dem Vorgängergarten, der sich in Schöneberg befand. Für die Gebäude am neuen Standort richtete man den Blick ins fortschrittliche England. Dort waren die Architekten mit der Stahl-Glas-Architektur bestens vertraut. Bereits im Jahr 1844 war in Kew Garden ein riesiges Palmenhaus entstanden.

Der neue Botanische Garten wurde zwischen 1900 und 1909 mit mehreren modernen Gewächshäusern in moderner Stahl-Glas-Konstruktion angelegt. Hierfür zeichneten der Architekt Alfred Koerner und der Ingenieur Heinrich Müller-Breslau verantwortlich. Eine architektonische Sensation war das große Tropenhaus: 28 Meter hoch und rund 60 Meter lang. Laut den Überlieferungen hingen ursprünglich die kleinen Fenster an dem außenliegenden Tragwerk. Nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg entschied man sich beim Wiederaufbau des Tropenhauses – 1963 bis 1968 – für eine moderne Lösung: An die Stelle der kleinteiligen einfachen Gläser traten großformatige, leicht gewölbte Plexiglasscheiben. Damit erhielten die rund 4.000 Pflanzen mehr Licht aber gleichzeitig stiegen die Heizkosten. „Das Große Tropenhaus verbrauchte etwa ein Drittel des gesamten Energiebedarfs des Botanischen Gartens“, sagte Michael Krebs, Sonderbeauftragter der Freien Universität für die Grundsanierung des Großen Tropenhauses, welche bis 2009 erfolgte. „Zu den Hauptzielen gehört es, die Energiekosten um über die Hälfte zu senken.“, so der beauftragte Architekt Friedhelm Haas. Es galt vor allem die Klimatechnik mit dem Denkmalschutz in Einklang zu bringen.

Bei der neuen Glasfassade fiel die Entscheidung sowohl gegen eine Konstruktion mit Folienkissen als auch eine Rekonstruktion der „verlorenen“ kleinteiligen Verglasung. Wo ursprünglich 20 Scheiben Platz fanden, sind es nun neun Isoliergläser. Darüber hinaus ging man neue Wege, denn erstmals kam eine besondere UV-stabilisierte Folie, die nicht vergilbt zum Einsatz. Sie fand beim Großen Tropenhaus erstmals außerhalb der USA Verwendung. Weitere technische Innovationen sahen vor, dass sich zukünftig möglichst kein Kondenswasser mehr an der Stahlkonstruktion niederschlägt. Daneben gab es viele für den Besucher unsichtbare Eingriffe ins Denkmal – zum Beispiel im Kellergeschoss für die neue Technik. Neben der Grundsanierung fügte der Architekt Haas einen zurückhaltenden Kubus hinzu, der im oberen Bereich eine verglaste Haube erhielt. Ansonsten wurde der Kubus mit Basaltlava verkleidet und nimmt die Materialität des Sockels des Tropenhauses auf.

Die ursprüngliche Konzeption der 15 Schaugewächshäuser blieb erhalten. Es ist eine symmetrische Anlage, in dessen Zentrum sich das große Tropenhaus wie ein Schloss über die niedrigen Neben-Gewächshäuser erhebt. Die berühmteste Pflanze ist die Riesenseerose: Victoria Amazonica. Für die Seerose gibt es ein eigenes Gewächshaus: das Victoria-Haus. Die Blüte zeigt ihre Pracht nur an zwei Tagen. Am frühen Abend erblüht sie weiß, verströmt Ananasgeruch und ist im Inneren um 10°C wärmer als ihre Umgebung. Am Morgen schließt sich die Blüte und erst am Abend des zweiten Tages öffnet sich die Blüte wieder, diesmal kräftig rosarot und duftlos.

Der Botanische Garten gehört mit 43 ha Fläche und etwa 20.000 Pflanzenarten zu den größten und artenreichsten botanischen Gärten der Welt. Die Gesamtanlage besteht aus drei Bereichen: dem parkähnlichen Arboretum (Gehölz- und Rosensammlung), der Exposition weltweiter pflanzengeographischer Formationen und der systematischen Abteilung mit rund 1.500 Pflanzenarten. In beispielhafter Form repräsentiert er die an Peter Lenné und Gustav Meyer orientierte Gartenkunst des späten 19. Jahrhunderts.

Juwelen gründerzeitlicher Architektur sind auch das Direktoren- und Inspektorenwohnhaus, sowie Staffagebauten, wie die sogenannte Japan-Laube. Die wenigen Neubauten aus der Nachkriegszeit sind in einem peripher gelegenen Teil des Geländes konzentriert. Mit dem Großen Tropenhaus verfügt der Botanische Garten über ein architektonisches Kleinod. Bis heute fasziniert seine technische Ästhetik und erinnert an die Meisterleistungen der Belle Époque.

Dr. Carsten Schmidt

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