Wasserstadt Spandau

Rote Klinker und ganz viel Natur

Spandau, das war schon immer etwas Einzigartiges. Die architektonische Entwicklung zieht zwar nicht an allen Stellen mit der von Prenzlauer Berg oder Pankow mit, aber bietet doch Unerwartetes, das im Stillen entsteht und funktioniert. 

So gehen nämlich die ersten Ideenskizzen für die Wasserstadt Spandau, auch bekannt unter der Bezeichnung Wasserstadt Oberhavel, auf die Jahre vor der Wiedervereinigung zurück, denn Wohnraum war schon in den 1980er Jahren in West-Berlin rar. Ein Jahr nach dem Mauerfall präsentierte der damalige Bausenator Wolfgang Nagel seine Vision für ein neues Stadtquartier für das Gebiet zwischen Eiswerder und der Spandauer-See-Brücke für 50.000 Einwohner – dazu gehörte auch die Maselake-Bucht. Eiswerder ist der Name einer Insel in der Havel, nördlich der Spandauer Zitadelle. An den Ufern von Eiswerder und an den umliegenden Flussläufen befanden sich noch bis in 1980er Jahre hinein Industriegebäude aus der Gründerzeit und Bootsclubs aus den 1920er Jahren.

Wasserstadt_Karte Wasserstadt  Spandau
Das Gebiet der Wasserstadt © N. Bettac

Ende 2000 wurde als erster Baustein der Wasserstadt Spandau das Quartier Pulvermühle, mit mehr als 1.000 Wohnungen in Zeilenbauten und Würfelhäusern, fertig gestellt. Zugleich entstanden eine Grundschule, drei Kindertagesstätten, eine Jugendfreizeiteinrichtung und zwei Stadtteilparks. Die Architektur des Quartiers Pulvermühle kommt in vielen Berichten eher schlecht weg, was eine konkretere Betrachtung herausfordert. Städtebauliche Auflagen und Gestaltungssatzungen bildeten die Grundlage für die Gliederung und Nutzung des Areals unmittelbar neben dem Stadion Haselhorst. Das Architekturbüro Nalbach und Nalbach entschied sich für roten Klinker an den Fassaden, bodentiefe Doppelfenster und eine sachliche Formensprache. Die gesamte Anlage entwickelt sich vom Wasser aus, denn dort wurde ein öffentlicher Park – der Krienicke Park – angelegt. Dahinter beginnt die Bebauung mit drei nebeneinander angeordneten U-förmigen Wohngebäuden, deren Höfe individuell gestaltet wurden. Die Bewohner in der ersten Reihe haben im Winter einen freien Blick aufs Wasser. Im Anschluss an diese bevorzugte Lage gibt es Punkthäuser und Zeilenbauten.

Klar geschnittene Baukörper, subtil rhythmisierte Fassaden und minimalistische Brüstungen zeichnen die Gebäude aus.

Ein reduziertes Spiel mit Symmetrie und Asymmetrie sorgt für einen ruhigen Gesamteindruck. Die Gebäude wurden architektonisch bislang vollkommen unterschätzt, denn ähnliche Wohnhäuser wurden in den vergangenen Jahren östlich des Tilla-Durieux-Park – zwischen Potsdamer Platz und Landwehrkanal – errichtet.

Nach dem Quartier Pulvermühle entstanden das Wohnquartier Havelspitze, die Wohnanlage Am Wasserbogen, der Wohnturm am Wasser, das Carossa Quartier, die Stadthäuser im Quartier Nordhafen, Berlin Terraces Haveleck und das Gartenviertel am Spandauer See. So vielfältig wie die Nutzungen sind auch die architektonischen Lösungen.

Teilweise wurden ehemalige Industriebauten umgenutzt und revitalisiert, andererseits entstanden Neubauten mit städtebaulicher Signalkraft.

Hierzu gehört der 16-geschossige Wohnturm auf dem ehemaligen Gelände der Schultheiss-Brauerei. Das Hochhaus hatte keinen einfachen Start, denn in der Planungsphase mussten viele Hürden genommen werden bis ein Entwurf vom Büro Gesine Weinmiller von den Verantwortlichen angenommen wurde. Es entstand ein modernes Wohnhochhaus mit Klinker- und Putzfassade. Aus den Wohnungen haben die Bewohner einen herrlichen Weitblick und das Hochhaus bildet ein Ensemble mit dem danebenliegenden historischen Industriegebäude, welches zu einer Seniorenresidenz umgebaut wurde. Im Norden der Wasserstadt entstanden weitere Wohnanlagen, u.a. nach dem städtebaulichen Entwurf von David Chipperfield, die Wohnanlage „Am Wasserbogen“.  Demnächst wird das Neubauprojekt „HavelPerle“ mit seinen 17 Geschossen im Quartier Havelspitze ein Orientierungs- und Identifikationspunkt an der Maselakebucht sein.

Im Gegensatz zu den genannten mehrgeschossigen Wohnanlagen wurden im Quartier Nordhafen Reihen- und Doppelhäuser erreichtet, die teilweise einen Wasserzugang haben.

So vereint die Wasserstadt Spandau Urbanität, Wohnen im Grünen, Landschaftserlebnis, Sport und Freizeit.

Die Architektur der Wasserstadt Spandau blieb bislang vollkommen unentdeckt. In ganz unterschiedlicher Form wurde auf die Umgebung und historische Architektur Bezug genommen und internationale Architekturbüros waren an den Planungen und Einzelprojekten beteiligt. Die Wasserstadt bietet ein vielfältiges Wohnungsangebot – von der klassischen Mietwohnung mit Havelblick über Eigenheime bis zum Berlin Terrace – in einer klassisch-modernen Architektursprache mit regionalem Habitus.

Dr. Carsten Schmidt

Wasserstadt Spandau
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