Vom kleinen Glück am Wasser

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Gutshaus Neukladow

Wilhelmine Luise Mencken, die Mutter des späteren Reichskanzlers Otto von Bismarck, verbrachte einst ihre Jugendjahre auf dem Gut Neukladow. Sie war die Tochter des ursprünglich aus Helmstedt stammenden Anastasius Ludwig Mencken, der das Gut “Neu-Cladow” 1799 von König Friedrich Wilhelm III. als Anerkennung für seine Dienste erhalten hatte. Im kommenden Jahr ließ Mencken ein Gutshaus errichten und den Park anlegen. Als Architekt des schlichten Baus wird der berühmte Baumeister David Gilly genannt. Das heutige Gebäude entspricht nicht dem ursprünglichen Bauwerk, sondern ist vielmehr das Resultat von Umbauten und der jüngsten denkmalpflegerischen Entscheidung die Farbfassung von 1910 wiederherzustellen. 

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Besonders reizvoll ist die Lage, denn der circa 19 Hektar umfassende Park beginnt unmittelbar am malerischen Havelufer. Zu jeder Jahreszeit lockt der einmalige Blick übers Wasser und verzaubert den Betrachter. Bis 1806 konnte Wilhelmine Luise Mencken den wundervollen Ausblick genießen – ihr Vater verstarb bereits 1801 und 1815 wurde das Anwesen verkauft. Was folgte war ein häufiger Besitzerwechsel, bis schließlich im Jahr 1887 der Unternehmer Robert Guthmann das Anwesen erwarb. Aus dem Dornröschenschlaf holte es im Jahr 1909 der Sohn Johannes Guthmann, denn er ließ sich hier dauerhaft nieder und begann mit zahlreichen Umbauten. 

Johannes Guthmann gab das Anwesen in die Hände des Architekten Paul Schultze-Naumburg, der neben Ergänzungen am Gutshaus auch Erweiterungen in Form von Torhäusern, Gartenpavillon, Pergolen und Umfassungsmauern vornahm. Auch der Garten wurde unter fachkundiger Beratung von Karl Foerster zum Gesamtkunstwerk. Eine zeitlang fand sich im Gutspark Neukladow die künstlerische Bohème der ausgehenden Kaiserzeit ein, denn Guthmann pflegte den Kladower-Salon mit so namhaften Persönlichkeiten wie Max Reinhardt, Gerhard Hauptmann, Tilla Durieux und Paul Cassirer. Der Künstler Max Slevogt hielt die Sommer auf dem Gut Neukladow in impressionistischen Gemälden fest. Aber das Glück auf dem Lande dauert nur bis 1921, denn dann mußte Guthmann das Anwesen an seine Schwester abgeben, die es in den späten 1920er Jahre an die Stadt verkaufte. 

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Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Arbeiterwohlfahrt das Areal. Im Jahr 1996 gab die AWO das Grundstück mit allen Gebäuden an die Stadt zurück. Es sollten nochmal diverse Planungen, eine Verschlechterung der Substanz und auch Änderungen des Flächennutzungsplans für eine ungewisse Zukunft sorgen, bis 2011 eine Bürgerstiftung das Ruder übernehmen konnte – die Stiftung existierte bis Juni 2019. Es gelang aus unterschiedlichen Quellen Gelder für eine behutsame Sanierung zu akquirieren. Das Gutshaus bildet dabei das Kernstück sämtlicher Anstrengungen. 

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Heute ist das entzückende und zugleich reizvolle an diesem Gutshaus die unterschiedlichen Fassaden, wobei das Thema Symmetrie stets eine Rolle spielt. Zur Wasserseite wird ein Mittelrisalit mit drei Fensterachsen seitlich von jeweils zurückspringenden und nur angedeuteten Nebenflügeln begleitet, während den oberen Abschluss ein Segmentbogen bildet. Es überwiegt eine geometrische Strenge und eine zweiläufige Treppe führt in den Garten. Im Vergleich zu den schmalen Stirnfassaden charaktisiert die breite Ostfassade zum Garten hin ein hoher Sockel, eine Terrasse mit halbrunder Überdachung und eine geschwungen geführte Treppe zu zweit Seiten. Säulen tragen den Balkon des Obergeschosses, während dieser zentrale Bereich von einem Dreiecksgiebel bekrönt wird. Vieles erinnert an märkische Gutshäuser des 17. und 18. Jahrhunderts, wobei die Zusammenführung der unterschiedlichen Ansätze und der Bezug zur Umgebung aus der Feder des Architekten Paul Schultze-Naumburg stammen. Daneben beauftragte Guthmann für die Innenausstattung den Architekten Alfred Grenander. 

Der Neuanfang ist mit dem Gutshaus gemacht. In den kommenden Jahren sollen circa 15 Millionen Euro in die Umgestaltung des Parks und der Gebäude fließen, damit mehr Touristen diesen besonderen Ort besuchen. Es sollen ein Naturtheater, ein Museum, Gastronomie und weitere Veranstaltungsorte entstehen. Für Ramona Pop von den Grünen geht es um Qualitätstourismus jenseits der Hotspots der Hauptstadt. Bereits heute führt der Havelradweg durch den Park. Der idyllische Gutspark ist ein Highlight im Bezirk Spandau und zu jeder Jahreszeit ein Ausflug wert. 

Dr. phil. Carsten Schmidt