Ekstatischer Expressionismus

Die Wohnsiedlung Zeppelinstraße

Der Architekt Richard Ermisch setzte in der Mitte der 1920er Jahre am Rand der Metropole Berlin für die Gemeinnützige Baugesellschaft Adamstraße mbh (Beteiligung der Stadt 100 Prozent) in Spandau eine spannende Wohnbebauung um. Im Ortsteil Falkenhagener Feld, entlang der Zeppelinstraße und der Falkenseer Chaussee sowie dem Buschhüttener Weg, Merziger Straße und Primasenser Straße, entstand eine Siedlung mit um die 500 Kleinwohnungen im expressionistischen Stil. 

Das gestalterische Hauptmotiv der zumeist 3-geschossigen Wohnbebauung bilden mit Zacken versehene Details: Fensterlaibungen, Dachgauben, Gesimse und Hauseingänge sind gestalterisch besonders betont worden, um von den eher klassischen Wohnzeilen in Blockrandbebauung abzulenken. Die Gebäude wurden zwar nicht frei platziert aber es gab keine Hinterhöfe, so dass die Wohnungen angenehm hell waren.  

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© JP, RIV

Es geht um die Bebauung entlang der Zeppelinstraße auf einer Länge von circa einem Kilometer. Innerhalb dieses Abschnitts kreuzt die Straße die nochmal wesentlich breitere Falkenseer Chaussee, während an einigen Stellen kleine Nebenstraße abgehen. Somit stand der Architekt vor der Herausforderungen in seinem architektonischem Entwurf die entsprechenden Gegebenheiten zu berücksichtigen. Weniger Beachtung fanden die Idee des Bauhauses und der “Neuen Sachlichkeit”. Schmale Vorgärten und ein minimales verspringen der Fassaden sorgen für eine gewisse Rhythmisierung – waren aber bereits bekannte Stilmittel. 

Was die Gestaltung jedoch von anderen Wohnbauten abhebt, sind die Fassaden. So erhielten die Eckbauten an der Kreuzung Zeppelinstraße und Falkenseer Chaussee Bekrönungen die ganz typisch fürs Art déco und den Expressionismus sind. Im Detail handelt es sich um einen eckigen Turmaufbau mit Kuppel und Spitze in einer zweifarbigen Gestaltung aus hellem und dunklem Schiefer. Alles strebt nach oben und wirkt wie ein Befreiungsschlag gegen die sonst dominierende horizontale Linienführung. Ebenfalls auffällig im Bereich der Eckbauten ist, dass diese nicht die Gebäudeflucht einhalten, sondern nach hinten eingerückt wurden und somit ein öffentlicher Raum für die Fußgänger und Anwohner entstanden ist. So konnte dieser Bereich für Geschäfte und Cafés genutzt werden.

Ein weiteres auffälliges Gestaltungsmerkmal sind die Wandflächen zwischen den Fenstern, denn diese wurden mit Ornamenten verziert, während die anderen Fassaden einen Rauhputz erhielten. Diese Ornamentfelder, mit Rahmen und einfachen geometrischen Formen, unterstützten die horizontale Wirkungen. Zugleich lockerten sie das Erscheinungsbild auf und sorgten aufgrund der unterschiedlichen Farbwahl für eine gewisse Individualität. Somit spielten neben dem Zackenstil auch die Themen Farbe und Ornament eine wichtige Rolle. 

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© JP, RIV

Ebenso ungewöhnlich wie die Erscheinung dieser Siedlung ist, steckt auch sein Architekt voller Überraschungen. Richard Ermisch, geboren 1885 in Halle, schuf nach dieser Siedlung gemeinsam mit Martin Wagner die modernen Erweiterungen für das Strandbad Wannsee im Stil der “Neuen Sachlichkeit” und später die Haupthalle des Messegeländes, während er nach dem Zweiten Weltkrieg mit Karl Bonatz Pläne für den Wiederaufbau Berlins entwickelte und bis 1950 bei der Berliner Bauverwaltung unterschiedliche Ämter bekleidete. 

Die Siedlung in Spandau gilt als ein Statement gegen die modernen Tendenzen der 1920er Jahre. Es ist eines der wichtigsten Wohnensembles im expressionistischen Stil. Jedoch unabhängig jeglicher Begrifflichkeit schuf Ermisch in Spandau ein Ensemble, dass mehr als 90 Jahre nach seiner Fertigstellung noch immer beliebt und gefragt ist.

Dr. phil. Carsten Schmidt