Die Gartenstadt Staaken

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© Karl Kiem / flickr.com CC BY 2.0

Gute Architektur polarisiert 

Vor knapp über einhundert Jahren wurde die Gartenstadt Staaken geplant und erbaut. Zu diesem Zeitpunkt waren das englische Landhaus und die englische Vorstellung der Gartenstadt weit verbreitet. In Berlin hatte Hermann Muthesius zahlreiche Landhäuser nach englischem Vorbild gebaut und in Hellerau wurde ab 1909 die erste Gartenstadt in unseren Breitengraden errichtet. Kurze Zeit später wurde die Gartenstadt Falkenberg in Bohnsdorf nach den Plänen von Bruno Taut fertig gestellt, die später als Tuschkastensiedlung bekannt werden sollte. Diese beide Siedlungen zeigen schon auf vortreffliche Weise, was eine Gartenstadt ausmacht: überschaubare Reihenhäuser, schmale Wirtschaftsgärten und kleine Vorgärten. Mit wenigen gestalterischen Mitteln – hauptsächlich dem Einsatz unterschiedlicher Farben – wurde eine größtmögliche Varianz der Fassaden erzeugt. Die Häuser waren eine optimistische Alternative zu den Wohnungen im Hinterhof. Durch Bücher über das gesunde natürliche Leben wurde das Interesse an dieser neuen Wohnform geweckt. Sie stellte eine gewisse Freiheit dar, denn der Garten diente der Selbstversorgung. Meist entstanden im unmittelbaren Umfeld auch Schulen und Kindergärten. So sollten sich Stadt und Land annähern.

Die Gartenstadt: überschaubare Reihenhäuser, schmale Wirtschaftsgärten und kleine Vorgärten.

Die Gartenstadt Staaken ist eine Siedlung im heutigen Berliner Ortsteil Staaken, die zwischen 1914 und 1917 nach dem Entwurf des Architekten Paul Schmitthenner (1884-1972) neben dem damaligen Dorf Staaken erbaut wurde. Sie war als Versuchssiedlung geplant, ringsherum lagen noch Äcker. Im Jahr 1913 erwarb das Innenministerium das 35 ha große Grundstück und ließ eine Genossenschaft zur Errichtung der Gartenstadt gründen. Somit kam eine Reformwohnform und eine soziale Gesellschaftsform zusammen, womit ein gesellschaftliches Zeichen gegen die teuren Hinterhofwohnungen und für ein bezahlbares Wohnen als Grundbedürfnis gesetzt wurde. Als Architekt für die Gartenstadt Staaken vertraute man dem 29-jährigen Paul Schmitthenner das Projekt an. Schmitthenner hatte in München Architektur studiert und anschließend im Büro von Richard Riemerschmid in München gearbeitet. Es ging in erster Linie um gute handwerkliche Qualität, mit wenigen Mitteln. Erst an zweiter Stelle kam die Form, denn diese wurde aus historischen Vorlagen abgeleitet, interpretiert und mit zeitgenössischen Theorien zum Städtebau von Camillo Sitte in Einklang gebracht. 

Vor Staaken realisierte Schmitthenner die Gartenstadt Plaue in Brandenburg an der Havel im Stil der Weberhäuser in Potsdam-Babelsberg und die Villenkolonie Clarowitz in Breslau. Für Staaken diente Schmitthenner das Holländische Viertel in Potsdam als Inspiration und so erblickt man sogleich die schön geschwungenen Giebel am zentralen Marktplatz. Blickt man sich um, erinnert vieles an ein englisches Dorf. Die kleinen Reihenhäuser, mit Erkern, Giebeln und rotem Klinker, geben den Platz eine ländliche Idylle. In alle vier Himmelsrichtungen breitet sich die Gartenstadt bis zur Hackbuschstraße, dem Torweg, dem Finkenkruger Weg und Ungewitterweg aus. 

Die Straßen waren nicht für den Autoverkehr geplant und so sind es schmale Fahrstreifen, die heute – wie die Straße „Zwischen den Giebeln“ – als Sackgasse enden. Manchmal sind die sich gegenüberliegenden Fassaden, Türen, Fenster genau gleich, manchmal auch ungleich. In den kleinen Nebenstraßen werden die Straßen schmaler und die Häuser niedriger. Die fast geschlossene Randbebauung hebt die Gartenstadt von der Umgebung gab und zeigt deutlich, dass sie etwas Eigenständiges ist. Auch wenn die Kirche, der Brunnen und ein Gasthaus unausgeführt blieben, erhält man auf dem Kirchplatz noch heute den perfekten Eindruck von der Gartenstadtidee. Hier bilden die hohen Bäume mit den roten Backsteinhäuser eine idyllische Szene kleinstädtischen Lebens. Für viele Bewohner ist der eigene Garten eines der Highlights. 

Hohe Bäume mit den roten Backsteinhäuser bilden eine idyllische Szene kleinstädtischen Lebens.

In Staaken gelang es Schmitthenner mit nur fünf Grundtypen ein so abwechslungsreiches Ensemble zu schaffen, dass das Auge niemals gelangweilt ist. Stets ergibt sich ein schöner neuer Anblick und dies ist das Besondere. Die Variationsvielfalt der gemeinschaftlichen Stadträume innerhalb der Gartenstadt machen das Wohnen so attraktiv. Diese Beobachtung veranlasste Julius Poesener, den Papst der Architekturbetrachtung zu sagen „Ich liebe und hasse Staaken“. 

Die Gartenstadt Staaken war das erste Projekt des Reformwohnungsbaus in Berlin und Vorbild für den Siedlungsbau in der Weimarer Republik. Wie vor 100 Jahren, so ist auch heute die Gartenstadt eine attraktive Alternative zur Wohnung in der Innenstadt. Es ist eine authentische Gemeinschaft, die im Sommer wie im Winter das Leben zwischen Stadt und Land genießt.

Dr. Carsten Schmidt

Die Gartenstadt Staaken
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