Weiße Stadt in Reinickendorf

Ein Stück Berliner Moderne

Im Südosten des Berliner Bezirks Reinickendorfs befindet sich ein architektonisches Juwel. Großzügig angelegte Grünflächen, sich von der weißen Fassade abhebende Farbakzente und die moderne, lichtfreundliche Bauweise heben die „Weiße Stadt” von den typischen Berliner Mietskasernen deutlich ab. Seit 2008 gehört die von 1929 bis 1931 errichtete Siedlung an der Aroser Allee zum UNESCO-Weltkulturerbe. Sie erzählt ein wichtiges Stück Berliner Architekturgeschichte.

Gehobener Wohnkomfort der Goldenen Zwanziger

Konkrete Pläne für die als „Schillersiedlung” konzipierte Anlage gab es bereits vor dem Ersten Weltkrieg. Doch lange Zeit lagen die Pläne in der Schublade. Erst 1928 bewilligte die Stadt Berlin, angesichts der Wohnungsnot, das Bauprogramm. Das abgerundete Konzept der Wohnanlage entstand für die Berliner Bauausstellung 1931. Für die Realisierung der Wohnhaussiedlung gewann die Stadt Berlin Martin Wagner. Der Stadtbaurat gehörte zu den wichtigsten Protagonisten des neuen, sozialen Wohnungsbaus.

Wagner konzipierte die „Schillersiedlung” als Wohnanlage im Stil der zeitgenössischen Neuen Sachlichkeit. Für den Entwurf der Baupläne wählte er die Architekten Wilhelm Büning, Otto Rudolf Salvisberg und Bruno Ahrends. Die Einbindung der Straßen ging dabei noch auf die Zeit vor den Ersten Weltkrieg zurück, als das Land der Schillersiedlung zum größten Teil aus Feldern bestand. Von 1928 bis 1931 entstanden, umgesetzt durch die Gemeinnützige Heimstättengesellschaft Primus mbH, insgesamt 1286 Wohnungen in drei- bis fünfgeschossige Wohngebäude in Rand- und Zellenbauweise.

Jede Wohneinheit umfasste im Schnitt 50 Quadratmeter und verfügte jeweils über ein Bad, WC und zumeist auch über Loggia und Zentralheizung. Für das vor allem von Mietskasernen geprägte Berlin verkörperte das damals durchaus gehobenen Wohnkomfort. Schnell wurde die Anlage wegen ihres hellen Putzes als Weiße Stadt bekannt. Ein anderer Spitzname, „Schweizer Viertel”, geht auf die dortigen Straßennamen, darunter Emmentaler Straße, Baseler Straße oder Gotthardstraße, zurück.

Dichte Infrastruktur

Besondere Aufmerksamkeit widmete Wagner auch der Begrünung. Für die Umsetzung gewann er den prominenten Berliner Landschaftsarchitekten Ludwig Lesser. Bis heute bleiben dessen großzügig angelegte Grünflächen mit zahlreichen Bäumen und Sträuchern charakteristisch für das Wohnambiente der Weißen Stadt. Herausragend für den Städtebau des Berlins der Zwischenkriegszeit war auch die dichte Infrastruktur innerhalb der damaligen Schillersiedlung.

Dazu gehörten unter anderem ein Heizkraftwerk, eine Volksschule, ein Kindergarten, ein Ärztehaus und 24 Ladengeschäfte. Geändert hat sich bis heute daran wenig: In unmittelbarer Nähe befinden sich Restaurants, Kneipen und mehrere Sportplätze. Innerhalb Berlins zählt die Weiße Stadt zu den mittleren Wohnlagen. Käufer sollten mit 1.500 bis 2.300 Euro je Quadratmeter rechnen. Mieter bezahlen im Schnitt rund 6,50 bis 9,50 Euro pro Quadratmeter in den Altbauten.

Bis 2014 im alten Glanz

Den Zweiten Weltkrieg überstand die Weiße Stadt, wie so viele Wohnanlagen Berlins, nur schwer beschädigt.1949 – 1954 wurde sie wiederaufgebaut und grundlegend renoviert, 1951 zudem vergrößert. Doch über 80 Jahre nach ihrer Fertigstellung nagt erneut der Zahn der Zeit an der berühmten Reinickendorfer Wohnsiedlung. Deren charakteristischstes Gebäude, das von Salvisberg errichtete Laubenganghaus, hat mit dem unter ihm hindurchfließenden Straßenverkehr der Aroser Allee zu kämpfen.

Die einst hellweiße Fassade ist angegraut, der Putz blättert. Die Deutsche Wohnen AG, der, neben kleinen privaten Eigentümern, die Weiße Stadt zum größten Teil gehört, kündigte 2010 an, mehr als zehn Millionen Euro in die Sanierung der gesamten Anlage zu investieren. Unter anderem soll die Erneuerung von Balkonen, Fassaden, Wohneinheiten und Dächern abgeschlossen werden. Bis 2014 soll die Weiße Stadt wieder im alten Glanz erstrahlen.

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