Traumwelten am Tegeler Hafen

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IBA Revisited

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© Dr. phil. Carsten Schmidt

Im Rahmen der städtebaulichen Neuordnung beschäftigten sich US-amerikanische Architekten und Stadtplaner bereits in den frühen 1940er Jahren mit der Reurbanisierung der innerstädtischen Ufergebiete zu Wohnzwecken. In Berlin legte der Architekt Charles W. Moore im Rahmen der IBA-Planung des Tegeler Hafens die Hand an. Die Planungen für die städtebauliche Anlage begannen in den späten 1970er Jahre, während die Gebäude zwischen 1984 bis 1987 errichtet wurden. Es entstanden mäandernde und alleinstehende Wohnbauten im Stil der Postmoderne, die mal spielerisch und mal streng die Lage am Wasser reflektieren. Hierfür wurde das alte Hafenbecken vergrößert und in der Mitte eine Insel angelegt. Eine Promenade am Wasser und Grünflächen bilden den Übergang zu den 3- bis 8-geschossigen Wohnbauten.

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© Dr. phil. Carsten Schmidt

Das Tor zu dieser einzigartigen Wohnanlage bildet die Plaza an der Ecke Karolinenstraße und Am Tegeler Hafen, welche zum Wasser leicht abfällt und an ein antikes Amphitheater erinnert. Die Stufen laden zum Verweilen ein, während der Hafen und die Insel gleichzeitig Bühne und Vorführung sind – auf der Insel sollten ursprünglich Erholungsflächen entstehen. Seitlich bildet die Humboldt-Bibliothek den Abschluss des Quartiers nach Norden. Sie entstand nach den Plänen von Charles W. Moore als langgestreckter Riegelbau, dessen Fassaden mit architektonischen Zitaten spielen und gleichzeitig klassische Elemente zeigt, die surreale Impressionen schaffen. Dies beginnt bereits beim Eingang, wo das gefächert angeordnete Doppelportal sich wie beim Blättern in einem offenen Buch vor die Gebäudeflucht schiebt. Beim Innenraum überzeugt Moore mit einem Tonnengewölbe, welches holzverkleidet an skandinavische Architektur erinnert. Dies kombiniert der Architekt mit Betonpfeilern die im oberen Bereich als Stahlträger die Decke halten. Zahlreiche weitere Zitate aus der orientalischen Architektur, dem Barock und der industriellen Vergangenheit schaffen eine besondere Atmosphäre. Es bleibt stets bei Andeutungen, die Raum für Assoziationen lassen und sich somit deutlich von der derzeitigen Vorliebe für den rechten Winkel, wie bei der HU-Bibliothek Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, abhebt.

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© Dr. phil. Carsten Schmidt

Die Wohnbauten entstanden auf der gegenüberliegenden Seite, als Quartier mit Stadtvillen und geschwungenen Zeilenbauten. Etwas weniger spektakulär als die Bibliothek ist der Wohnblock von Charles W. Moore – mit den beteiligten Architekten John Rubble und Buzz Yudell. Hierbei handelt es sich um vier Häuser zur Straßenseite, während sich am Hafenbecken die Wohnanlage zu einem Wirbel entwickelt, der am höchsten Punkt acht Geschosse hoch ist. So entstand ein durchaus als imposant zu bezeichnender Anblick, denn doppelgeschossige Fensterflächen, Rundbögen, Portale und eine zerklüftete Dachlandschaft machen neugierig auf die Wohnungsgrundrisse. Die ZEIT schrieb im Nachruf auf Moore 1993, dass der Architekt sich in einem „verspielten Postmodernismus verrannt“ habe. Über das Berliner Projekt heißt es: „Sein räumlich sympathisch angelegter Wohnkomplex (…) wurde zum bekanntesten Beispiel für dieses von den Bewohnern so geliebte stilistische Vabanquespiel“. Der Einfluss dieser Architektursprache zeigt sich u. a. beim Potsdamer Kirchsteigfeld, welches von den Architekten Rob Krier und Christoph Kohl von 1992-1997 geplant wurde.

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Daneben entstanden Mehrfamilienhäuser im Stil einer Stadtvilla von den Architekten Robert A. M. Stern und Stanley Tigerman. Auch diese Gebäuden verzaubern mit radikaler und künstlerischer Kreativität. So schneidet Tigerman sein zweigeschossiges Mehrfamilienhaus über quadratischem Grundriss in zwei Hälften und setzt dazwischen einen verglasten Lichthof, dessen Wände ein Schachbrettmuster ziert. Während Robert A. M. Stern mit seiner Stadtvilla den Betrachter ins 19. Jahrhundert entführt: klassisches Fensterkreuz, gelbe Fassaden, blaue Fensterrahmen und Walmdach, überrascht die Stadtvilla von John Hejduk und Moritz Müller mit den aus den Dächern herausragenden Vierkantrohren zur Belichtung und Belüftung des Dachgeschosses. Daneben muss beim Architekten Antoine Grumbach das runde in das Eckige, denn seine Stadtvilla besteht aus einem Rundbau im durchbrochenen Würfel.

Wie schon bei der ersten IBA im Jahr 1957, spiegeln die Gebäude die gestalterischen Ansätze der Zeit wieder und nahmen Einfluss auf die Diskussionen über Architektur. Auch heute lohnt ein Blick auf die Gebäude der 1980er Jahre, denn Architektur ist mehr als die Verbindung aus tragenden und nichttragenden Bauteilen.
Dr. phil. Carsten Schmidt

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