Backsteinexpressionismus in Tegel

Backsteinexpressionismus-Tegel-Hallen
Hallen am Borsigturm Borsigwerke © Gertrud K. / flickr.com CC BY 2.0

Borsig – Ein großer Name

Nicht aus Stahl und Glas, sondern rotem Backstein sollte Berlins erstes Bürohochhaus sein. Das Maschinenbau-Unternehmen Borsig ließ das 65 Meter hohe Gebäude auf seinem Gelände in Berlin Tegel errichten. Von 1922 bis 1924 schuf der Architekt Eugen Schmohl dieses Wahrzeichen mit expressionistischen Fassaden, die eher aus Hamburg bekannt sind – in Hamburg hat sich der Begriff des Backsteinexpressionismus verankert, während es sich beim Borsigturm um ein frühes Berliner Beispiel handelt.

Auf einer Fläche von 20 auf 16 Metern erhebt sich das Hochhaus über die umliegenden Gebäude. Die Konstruktion besteht aus einem innenliegenden Stahlskelett, während die Fassaden vollkommen den gewünschten künstlerischen Ausdruck widerspiegeln. So entschied sich der Architekt für drei kräftige horizontale Gesimsbänder zwischen die vertikale Fenster mit Brüstungen eingespannt wurden.

Backsteinexpressionismus-Tegel-Tor Backsteinexpressionismus  in Tegel
A.Savin, http://WikiPhoto.Space
Tor der ehemaligen Borsigwerke in Berlin-Tegel
© 3. Juli 2017, A.Savin, Wikimedia Commons, FAL

Die Konstruktion ermöglicht eine vollkommene Freiheit bei der Nutzung der Geschosse: Großraumbüros oder Einzelbüros. Die innere Erschließung erfolgt über das vorgelagerte turmartige Treppenhaus auf der Rückseite. Erst im oberen Bereich löst sich die strenge Form auf und der Architekt setzt auf die dramatische Wirkung einer gezackten Fassade mit schmalen vertikalen Fensterbändern mit Rundbogenabschluss. So entsteht der Eindruck als ob die Fenster unterschiedlich hoch seien. In diesem Bereich ist der Festsaal untergebracht. Den obersten Abschluss bildet ein kleiner pavillonartiger Aufbau, dessen Ausformung an die filigrane Leichtigkeit der Gotik erinnert.

Rund um das Bürohochhaus standen niedrige Backsteingebäude und einfache Holzschuppen. Somit entschied man sich nicht nur aus Platzmangel für ein Hochhaus, sondern es war ein weithin sichtbares Wahrzeichen für das Unternehmen, welches zu Beginn der 1920er Jahre seine 10.000ste Lokomotive auslieferte – 1840 hatte Borsig mit der Konstruktion seiner ersten Dampflok begonnen.

Tegel war von großer Bedeutung, denn 1898 eröffnet Borsig seinen wichtigsten Standort, der bis in die 1920er Jahre hinein erweitert werden sollte. Das 22,4 Hektar umfassende Gelände war vom Wasser aus und über die Schiene zu erreichen, denn am Tegeler See gab es einen eigenen Hafen. In den ersten Jahrzehnten war das Werkstor ein zentrales gestalterisches Element. Es besteht aus massiven Rundtürmen aus Backstein mit zwei Skulpturen als Torwächter: ein Schmied und ein Eisengießer. Der zinnenbekrönte Torbogen – mit der Aufschrift A. Borsig – vervollständigt den Eindruck einer mittelalterlicher Festung. Das heute freistehende Tor war ursprünglich seitlich begrenzt.

Dahinter lagen die langen Produktions- und Montagehallen, die nach modernsten Erkenntnissen als Fertigungsstraße von West nach Ost konzipiert waren. Ebenfalls erhalten blieb das erste Verwaltungsgebäude seitlich vom Tor. Für die Gebäude und das Haupttor wurden die Architekten Konrad Reimer und Friedrich Körte verpflichte, die konsequent auf norddeutsche Backsteinarchitektur setzten. Daneben ließ das Unternehmen die Wohnsiedlung Borsigwalde für 5.000 Mitarbeiter errichten.

Backsteinexpressionismus-Tegel-Turm-200x300 Backsteinexpressionismus  in Tegel
A.Savin, http://WikiPhoto.Space
Borsigturm, 2017
© 3. Juli 2017, A.Savin, Wikimedia Commons, FAL

Das Bürohochhaus sollte das letzte architektonische Statement des Unternehmens in Berlin sei, denn 1931 übernahm die AEG das Familienunternehmen. Es steht heute als einer der letzten Zeugen in einem weitgehend neu gestalteten Areal, denn das Gelände ging 1988 ans Land Berlin und lange Zeit war der Umgang mit dem architektonischen Erbe unklar.

Nach einem städtebaulichen Konzept von Claudio Vasconi entstand rings um den Borsigturm ab 1996 ein neues Quartier mit Hotel, Büros und weiteren Gebäuden. Für die Einwohner sind die „Hallen am Borsigturm“ seit 1999 ein Highlight, denn in den alten Werkshallen gibt es nun ein beliebtes Einkaufszentrum.
Dr. phil. Carsten Schmidt

 

 

 

Backsteinexpressionismus in Tegel
5 (100%) 1

Tags from the story
,