Wohnstadt Carl Legien

Wohnen und Leben im UNESCO-Weltkulturerbe

Unmittelbar hinter dem nordöstlichen Teil des Berliner S-Bahn-Rings entstand in enger Kooperation zwischen Bruno Taut und dem Leiter des GEHAG Entwurfsbüros Franz Hillinger ab 1928 die „Wohnstadt Carl Legien“. Der in Königsberg geborene Architekt Taut hat als wichtiger Berliner Städteplaner der Hauptstadt einige bedeutende Wohnsiedlungen hinterlassen, darunter die sogenannte „Hufeisensiedlung“ in Britz und „Onkel Toms Hütte“ in Zehlendorf. Er begründete einen innovativen Architekturstil, der als „Neues Bauen“ in Deutschland Berühmtheit erlangte. Diese auch unter dem Stichwort „Reformsiedlungsbau“ bekannt gewordene Bauweise sollte vor allem Arbeitern ein angenehmeres und qualitativ hochwertigeres Wohnen ermöglichen. Taut entwarf für diese neuen Arbeitersiedlungen in Nord-Süd-Richtung ausgerichtete Straßenzüge, damit die Wohnungen mit ausreichend Licht und Luft versorgt werden konnten. Abwechslungsreiche und intensive Farben an den Fassaden und Fassadenelementen sollten den Siedlungen ein lebendiges Äußeres verleihen. Orientiert wurde sich zum Teil an skandinavischen, niederländischen oder amerikanischen Vorbildern. Ein typisches Beispiel für dieses „Neue Bauen“ ist die auf dem Prenzlauer Berg gelegene Wohnstadt Carl Legien. Die nach einem bekannten Gewerkschaftsführer benannte Anlage liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem Bebauungsmodell, gegen das sich der Reformsiedlungsbau in Stellung gebracht hatte – den als Blockrandbebauung realisierten, überbelegten und schlecht ausgestatteten „Mietskasernen“.

Die hohen Grundstückspreise vor Ort und das allmähliche Versiegen der 1924 eingeführten Hauszinssteuer zwangen aber auch die GEHAG als Bauherrin zu einer hoch verdichteten Bauweise, so dass beide städtebaulichen Modelle hier in direkte Konkurrenz traten. Angesichts dieser Herausforderung entschied sich Bruno Taut für eine Kombination aus vier- bis fünfgeschossiger Blockrand- und Zeilenbauweise mit eingebundenen Grünflächen. In mehreren langgestreckten U-Formen gruppieren sich die zur Erich-Weinert-Straße hin geöffneten dreiseitigen Gebäudeteile um einen als Rasenfläche mit wenigen frei stehenden Bäumen gestalteten Innenhof. Geschickt leiten die gerundeten Eckbalkone den Blick von der Straße ins Innere dieser sogenannten Wohnhöfe. Gemeinsam mit den der eigentlichen Fassade vorgelagerten Loggienbändern verleihen sie der Anlage eine monumentale, städtische, aber nicht beengende Anmutung.

Durch die sich ergebenden Einblicke in einander jeweils gegenüberliegende Freiflächen entsteht – trotz der hohen städtebaulichen Verdichtung – der Eindruck von Großzügigkeit und Weite. Auch die Grundrisse der überwiegend sehr kompakt geschnittenen Wohnungen überzeugen im Detail. Die Farbgebung der Fassaden erinnert stark an die Hufeisensiedlung. Die Fronten zu den Straßen weisen ein sonniges Gelb auf und erweitern so die Straßenzüge zugleich optisch. Die Höfe dagegen besitzen jeweils eine eigene, individuelle Farbgestaltung. Die Wohnstadt Carl Legien befindet sich heute inmitten vieler hochwertig sanierter und dicht bebauter Gründerzeitquartiere. Seit Mitte der 1990er Jahre bis 2004 wurde die Siedlung auf der Basis denkmalpflegerischer Untersuchungen umfassend restauriert und saniert. Im Juli 2008 wurde sie gemeinsam mit fünf weiteren Berliner Siedlungen, die Architekten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Stil des „Neuen Bauens“ konzipierten und umsetzten, in die UNESCO-Weltkulturerbe-Liste aufgenommen. Vier Jahre später, im Sommer 2012, konnte die Deutsche Wohnen AG diese GEHAG-Traditionssiedlung wieder erwerben.

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