Vielfalt in Backstein: Munizipalviertel

Meterhohe Backsteinfassaden, Sockel aus groben Steinen und verschachtelte Dachlandschaften, so präsentierten sich die Gebäude des Munizipalviertels in Weißensee. Rund um den Kreuzpfuhl entstand von 1907 bis 1919 nach den Plänen und Ideen von Carl James Bühring ein spannendes Architekturensemble, dass ganz unterschiedliche Visionen vereinigte. Es sollte ein neues Begegnungszentrum für die Bewohner von Weißensee mitsamt Stadthalle (Turn- und Festspielhalle mit Grünanlagen), Gymnasium, Schwimmhalle, Feuerwehrwache, Gemeindepumpstation und Gemeindebibliothek entstehen. Hinzu kamen Wohnbauten für unterschiedliche Gesellschaftsgruppen. Dazu gehörten das Ledigenwohnheim (Pistoriusstraße 17), das Beamtenwohnhaus (Pistoriusstraße 24) und weitere Wohnbauten (Woelckpromenade 2-7, Woelckpromenade 36-37, Pistoriusstraße 16). Nicht alle Gebäude wurden realisiert und teilweise gab es auch Kriegsschäden wie z. B. bei der Stadthalle, wovon heute nur noch das Restaurant als Frei-Zeit-Haus steht.

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Woelckpromenade 6 (Munizipalviertel), Berlin-Weißensee, Juli 2007, Die Siedlung in der Woelckpromenade 1-7 (Gemeindeforum Am Kreuzpfuhl) wurde nach dem Entwurf (1912) des Architekten Carl James Bühring in den Jahren 1913-1914 errichtet.
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Das Munizipalviertel ist ein spannendes Beispiel für den Wettlauf der noch kleinen Wohngebiete außerhalb des Stadtkerns um den Anschluss an die moderne Metropole. Carl Woelck, erster Verwaltungschef von Weißensee und Bürgermeister, trieb ab 1906 den Ausbau von Weißensee voran, um das Stadtrecht zu erhalten. Aber erst 1920 wurde Weißensee, zusammen mit weiteren Gebieten, zum 18. Verwaltungsgebiet von Groß-Berlin erklärt. Wichtig für die Entwicklung von Weißensee war die Verbindung zum Alexanderplatz, denn es gab seit 1877 eine Pferdebahn. Drei Jahre später wurde aus dem westlich vom Weißen See gelegenen Gutsbezirk eine Landgemeinde mit dem Namen Neu-Weißensee. 1905 erfolgte die Vereinigung mit dem Dorf Weißensee. Ein weiterer Schritt war die Entwicklung eines neuen Viertels. Dafür erhielt der Architekt Carl James Bühring, als Gemeindebaurat an der Seite von Carl Woelck, den Auftrag aus dem Grundstück eines ehemaligen Ritterguts – westlich des Weißen Sees – ein neues Zentrum für Weißensee zu erschaffen. Bühring wollte eine attraktive Wohnalternative zu den seinerzeit bereits in Verruf geratenen Mietskasernen, mit ihren zahlreichen Hinterhöfen, errichten. Dafür griff er auf das traditionelle Motiv des Dorfangers in Form des Kreuzpfuhl sowie märkische Backsteinarchitektur zurück. Dies kombiniert Bühring mit einer intensiven Begrünung, um somit eher wohlhabende Schichten nach Weißensee zu locken.

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Gymnasium © SF

Rund um den See – entlang der Woelckpromenade – bilden heute das Gymnasium, die Wohnhäuser mit der Hausnummer 2 bis 7, das Frei-Zeit-Haus als Fragment der ehemaligen Stadthalle und das ehemalige Beamtenwohnhaus an der Pistoriusstraße ein Ensemble. Besonders eindrucksvoll sind die Wohnbauten entlang der Woelckpromenade. Während die ersten Aufgänge eher schlicht gehaltenen wurden, zeigen die Gebäude unmittelbar am Wasser eine belebte Fassade mit eingezogenen Balkonen, ausgestellten halbrunden Erkern und einem weit hochgezogenen Dach. In diesem Bereich erinnern die Fassaden an englische Vorbilder. Das danebenliegende Gymnasium überrascht mit einem betonten und lebendig gestalteten Sockelbereich aus behauenen Steinen, während darüber die roten Backsteinfassaden – mit schlanken, vertikalen Fenstern – einen wehrhaften Eindruck vermitteln. Entlang der Pistoriusstraße bietet das Pumpwerk mit Verwaltungsgebäude und Gemeindebibliothek eine wiederum andere stilistische Assoziation, denn das Ensemble besteht aus einem Flachbau mit betontem Giebel und dem emporragenden Gebäude im Reformstil mit asymmetrisch gesetzten Fenstern, Vor- und Rücksprüngen sowie unterschiedlichen Fenstern. Die malerische Wirkung stand im Mittelpunkt bei allen Gebäuden. Gleichzeitig lässt sich ein breitgefächerter Formenkanon ausmachen, der sich nicht auf märkische Backsteinarchitektur reduzieren lässt. Allen Gebäuden gemein ist ihre dauerhafte und wehrhafte Erscheinung, die Qualität vermittelt. Zu diesen ersten Wohnbauten kamen in den Nebenstraße weitere Ergänzungen im ähnlichen Stil hinzu – bekannt als Holländer-Quartier.

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Woelckpromenade 2-7 © SF

Auch wenn das Munizipalviertel nicht dauerhaft zum Zentrum von Weißensee geworden ist, so dokumentieren die Bauten den Wille und Mut der Zeit etwas Neues zu erschaffen. Ein vertiefender Blick auf die Architektur von Bühring lohnt, denn er entwarf auch die Gebäude der Badeanstalt am Weißen See und das Kinderkrankenhaus an der Hansastraße.

Dr. phil. Carsten Schmidt

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