Die Paul-Francke-Siedlung

Das Spiel mit den Stilen

Ein bisschen Landhaus, ein bisschen Klassizismus und ein bisschen Mietshaus, aus dieser Mischung entstand 1908 nach den Plänen des Berliner Architekten Paul Mebes die Paul-Francke-Siedlung in Pankow.

Bereits vor der Jahrhundertwende war Pankow ein beliebtes Ziel für großstadtmüde Berliner. Seit 1880 hielt die Stettiner Bahn in Pankow-Schönhausen – eine wichtige Voraussetzung für die spätere Etablierung als Wohnort. Im Jahr 1892 wurde die Bauordnung erlassen, die jeglicher zukünftiger Bebauung konkrete Schranken auferlegte.

Somit musste Paul Mebes bei dem Auftrag des Beamten-Wohnungs-Vereins (gegründet 1900) eine Wohnsiedlung zu planen, bestimmte Vorschriften einhalten. Und trotzdem oder auch gerade deswegen, konnte ein Wohnquartier mit neuen Maßstäben entstehen. Keine dunklen Hinterhäuser, keine kalten Wohnungen, keine Toiletten auf halber Treppe, in Pankow entstand ein Komplex, dessen Wohnkomfort und Qualität für eine reformierte Gesellschaft vorbildhaft sein sollte.

Erhabene Architektursprache lässt in Erinnerungen schwelgen

Das Ensemble zeichnet sich durch geschwungene Fassaden, geometrische Formen und ausgestellte bzw. eingezogene Balkone/Loggien aus. Es ist eine erhabene Architektursprache, die sonst eher aus England bekannt ist.

Dezenter Fassadenschmuck lässt die Gedanken schweifen und in Erinnerungen schwelgen: Füllhörner erinnern an einen ertragreichen Sommer oder Mütter mit Kinder sind der Inbegriff familiärer Harmonie. Es gibt 2- bis 5-Zimmer Wohnungen.

Die Fassaden der Paul-Francke-Siedlung sind in rotem Backstein mit Handstrichziegeln ausgeführt – dies bedeutet, dass die rohe Ziegelmasse durch einen Holzrahmen ihre Form erhielt. Beim Abstreifen der Masse entstehen dabei Narben in Längsrichtung, die jeden Ziegel zu einem Unikat werden lassen.

Viel Grün steigert die Wohnqualität

Besonders außergewöhnlich sich die Grünflächen. Sowohl das Verhältnis von bebauter zu nicht bebauter Fläche als auch die gärtnerische Gestaltung der Gemeinschaftsanlagen waren ihrer Zeit weit voraus. Vorgärten, Gärten und Wohnhöfe, dass war die gestalterischen Töne, die Paul Mebes beherrschte.

Zur Grabbeallee grenzt sich die Siedlung durch vier großflächige Giebel ab, im Innern rufen die Grünflächen – entlang der gekrümmten Erschließungsstraße – ein Gefühl wie in einem Privatgarten hervor – ähnlich wie in Riehmers Hofgarten in Kreuzberg (1881-1901). Die Trennung von öffentlichen und privaten Räumen innerhalb eines Wohnquartiers stellte eine neue Wohnqualität dar.

Es ging um den Menschen und ein menschenwürdiges Wohnen, Individualität und Identifikation.

Es war ein klares Statement gegen die Aneinanderreihung von Hinterhäusern und schmalen Hinterhöfen mit einer Tordurchfahrt, die lediglich den Feuerschutzbestimmungen nachkam. Es ging um den Menschen und ein menschenwürdiges Wohnen.

Individualität, Identifikation und Wohnungen für die Masse, mit Giebelschmuck und schön gestalteten Eingangsbereichen, waren das Ergebnis. Orte der Begegnung gehörten ebenso dazu wie gepflegte Grünanlagen. In vielerlei Hinsicht nahm Mebes die Leitmotive des modernen Wohnungsbaus der 1920er Jahre vorweg.

Vorbildhafte Architektur

Paul Mebes gehörte um 1900 zur ersten Reihe der Berliner Architekten. Er hatte in Braunschweig und Berlin Charlottenburg Architektur studiert, um anschließend im Staatsdienst erste Berufserfahrungen zu sammeln. Von 1906 bis 1917 war der Architekt Vorstandsmitglied des Beamten-Wohnungs-Vereins.

Paul Mebes zeichnete u. a. für die Wohnanlagen in der Wundtstraße, dem Vereinsweg und Horstweg in Charlottenburg verantwortlich. Auch diese Häuser spiegeln den Reformgeist unmittelbar nach der Jahrhundertwende wieder.

Ein weiterer Auftraggeber für Mietshäuser jenseits rein ökonomischer Bestrebungen war der Berliner Bau- und Sparverein. Dieser ließ von Alfred Messel einige herausragende Wohnhäuser in Moabit und Friedrichshain errichten.

Die Paul-Francke-Wohnsiedlung gehört in die Frühphase des Architekten. Das Nordsternhaus an der Salzburger Straße, mit einer einzigartigen Rohrpostanlage, und das Geschäftshaus der Iduna-Versicherung in Kreuzberg zählten mit zu den Hauptwerken vor dem Ersten Weltkrieg. Zukünftige Architekten beeinflusste Mebes maßgeblich mit seiner Publikation „Um 1800“, die erstmals 1908 erschien.

Die Paul-Francke-Siedlung ist in ihrer Gesamtheit städtebaulich und architektonisch von herausragender Qualität. Sie wurde zwischen 1997 und 1999 vorbildlich saniert. Der Schloßpark Niederschönhausen lädt zu erholsamen Spaziergängen ein. Heute profitieren die Bewohner von den zahlreichen Einkaufsmöglichkeiten in der unmittelbaren Nähe. Darüber hinaus gibt es eine sehr gute Verkehrsanbindung. Es ist eine attraktive Wohnanlage mit urbanem Flair.

Dr. Carsten Schmidt

Die Paul-Francke-Siedlung
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