Die Alte Mälzerei Pankow

Der Stolz des beginnenden Industriezeitalters

Die Alte Mälzerei Pankow – Wie Skulpturen ragen die Schornsteine in den Himmel. Sie tragen Hütchen, erinnern an Ventile einer Trompete und sind so fantasievoll gestaltet, dass die schlichte Schönheit des Industrie­gebäudes in den Hintergrund tritt. Sie wirken wie Vorläufer der bunten Dächer von Antoni Gaudi in Barcelona, Hundertwasser in Wien oder auch Le Corbusier.

Oftmals wird der Gestaltung dieser Zeugen der Zeit viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Wie wundervoll die Wirkung der Schornsteine ist, zeigt sich beim Sonnenaufgang und in der Abendsonne. Sie verleihen dem Ort eine ganz besondere Aura. Damals wie heute kann sich niemand diesem Zauber entziehen.

In der neuen Hauptstadt trinkt man Bier

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg wurde im Jahr 1871 Berlin die Hauptstadt des Deutschen Reiches. James Hobrecht begann mit der Planung eines modernen Entwässerungssystems für Berlin, denn bereits 1877 überschritt die Einwohnerzahl die Millionengrenze. Die kaiserliche Hauptstadt war auf der Suche nach einer architektonischen Identität.

Der Architekt Friedrich Arthur Rohmer spezialisierte sich auf den Bau von Brauereikomplexen. Dies wurde eine Bauaufgabe in neuen Dimensionen, denn der schnell steigende Absatz von Bier führte zu einer raschen Expansion. So gab es 1906 in Berlin 37 Braustätten für untergäriges Bier und 1904 bereits 90 Betriebe für obergäriges Bier.

Die Schultheiss-Brauerei AG war 1842 gegründet worden und zählte zu den Marktführern. Als sich Berlin zur Metropole aufschwang, entstand ab 1874 die Mälzerei der Schultheiss-Brauerei in Pankow.

Stück für Stück entwickelte sich der Gebäudekomplex

Helle Backsteinfassaden, rote Zierelemente aus Terrakotta, kolossale Wandvorsprünge, kleine Luken im Attikageschoss – die Alte Mälzerei Pankow vermittelt noch heute einen wehrhaften Eindruck. Die Architektur erinnert an mittelalterliche Festungen und italienische Speichergebäude. Schmale Eckgebäude wechseln sich mit breit gelagerten Baukörpern ab. Die additiv aneinandergefügten Gebäude ergeben eine surreale Szenerie inmitten des Wohnquartiers. Von 1874 bis 1902 wurden sukzessive neue Gebäude hinzugefügt. Dabei steckte hinter jeder Fassade ein hochkomplexes und effizientes Produktionsverfahren, bei dem jeder Schritt eine wichtige Funktion hatte.

Im Jahr 1874 entstanden an der Neuen Schönholzer Straße ein Tennengebäude, eine Doppeldarre, ein Kesselhaus mit Kontor und ein Weichhaus. In der Tenne musste das Grünmalz täglich gewendet werden. Die ersten beiden Schritte bei der Malzherstellung umfassen das Einweichen und Keimen. Anschließend wurde das Grünmalz in der Darre getrocknet – es entsteht das Malzaroma.

Im Jahr 1898 wurde ein weiteres Darrengebäude und wenig später das dritte errichtet. Gleichzeitig stellte man den Produktionsprozess um. Die Architektur blieb stets in der Formensprachen der ersten Gebäude und hob sich damit sehr von den entstehenden Gründerzeitwohnbauten der Umgebung ab.

Die Architektur späterer An- und Umbauten blieb stets in der Formensprache der ersten Gebäude von 1874.

Wie ein gestrandeter Ozeandampfer ruht der Gebäudekomplex in sich. Heute erinnert wenig an die turbulenten Zeiten von damals, als die Arbeiter täglich in die Fabrik kamen, das Getreide mit Pferdekarren angeliefert wurde und würziger Rauch aus den Schornsteinen aufstieg und über Pankow hing.

Die Alte Mälzerei im Dornröschenschlaf bis zur heutigen Umnutzung

Nach dem Zweiten Weltkrieg und bis 1989 dienten die Gebäude teilweise als Lagerstätten. Es sollten fast zwei Jahrzehnte vergehen, bis für das Industriedenkmal – bereits seit 1977 als Denkmal anerkannt – eine neue Nutzung gefunden und realisiert werden konnte.

Es entstanden Eigentumswohnungen mit einem besonderen Ambiente. Hierfür wurden behelfsmäßige Anbauten entfernt und die Kernsubstanz erhalten. Dies alles wäre nicht ohne Eingriffe möglich gewesen: an vielen Stellen ließ man Fenster aufweiten, Balkon und Dachterrassen ergänzen und Lichthöfe einfügen.

Auf den freien Flächen wurde ein aufwendiges gärtnerisches Konzept umgesetzt. Die Alte Mälzerei wurde mit viel Ehrgeiz und visionärem Tatendrang zu einem urbanen Kleinod gehobener Wohnkultur mit Charme. Hierfür gab es 2011 den Immobilienmanager Award und 2012 die Ferdinand-von-Quast-Medaille – den Denkmalpflegepreis des Landes Berlin.

Dr. Carsten Schmidt

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