Mala ulicka – Idylle in Böhmisch-Rixdorf

Die Gegend rund um den Richardplatz ist das Gegenbild zum sonst bekannten Neukölln mit seinen Szene-Kiezen und vielschichtigen Vierteln, denn hier ließen sich 1737 Flüchtlinge aus Böhmen nieder und begannen ein neues Leben in Böhmisch-Rixdorf. Die Grundlage schuf Friedrich Wilhelm I. der zuvor das Schulzengut zu Rixdorf gekauft hatte. Es entstanden für die ersten 18 Familien neun Doppelhäuser mit Scheunen. Dazu erhielten die Familien je zwei Pferde, zwei Kühe und Ackergeräte. Die neuen Häuser – nordöstlich der heutigen Richardstraße – wurden sachlich nebeneinander aufgereiht. In einer zweiten Bauphase von 1748 bis 1751 entstanden dazu in zweiter Reihe nochmals 20 Büdnerhäuser, die heute entlang der Kirchgasse stehen würden. Die Kirchgasse hieß bis 1909 Mala ulicka (Enge Gasse) und hier steht eines der ältesten Gebäude.

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Rainer Halama, Berlin-Neukölln-Böhmisches Dorf DSC6976, CC BY-SA 4.0

Im Jahre 1753 wurde in der Kirchgasse 5 das erste Schulhaus mit Betsaal errichtet. Die Bildung im Sinne des böhmischen evangelischen Philosophen Johann Amos Comenius (*1592, +1670): „Jeder soll Bildung haben!“ stand für die Böhmen im Vordergrund. Die ganztägige neue Lehranstalt war für Jungen, während die Mädchen in einer Scheune unterrichtet wurden. Der Unterricht lief zweisprachig ab und es wurde u.a. das Textilhandwerk gelehrt. Das Gebäude in der Kirchgasse 5 diente auch als Betsaal und deshalb befindet sich an der schlichten Fassade ein plastisch ausgebildeter Kelch, welcher verdeutlichen soll, dass sich hier zwischen 1754 und 1761 der erste Gebetssaal der Brüdergemeine befand. Das Gebäude wurde bis 1909 als Schule genutzt und anschließend als Wohngebäude. Heute befindet sich in dem Haus das Museum zur Geschichte des Böhmischen Dorfes.

Die neuen Bewohner hatten es jedoch nicht einfach, denn der karge Boden brachte nur eine magere Ernte. Daneben war das Handwerk eine weitere Einnahmequelle. Dies führte dazu, dass im Jahr 1805 immerhin 305 Personen in Böhmisch-Rixdorf wohnten und bis 1849 gut 56 Häuser standen. Ein großes Feuer im April 1849 vernichtete viele Häuser. Ein weiteres Feuer im Jahr 1884 sorgte in der Richardstraße für bauliche Verluste. Ein Wohnhaus in der Richardstraße 37 von 1795 wurde nach dem Brand mitsamt Rauchküche originalgetreu wiederaufgebaut und erhielt eine Schmiede auf dem Hof.

Das eingeschossige straßenseitige Wohngebäude mit seiner warmroten Fassade, farblich abgesetzten Fensterläden und schlichten Formen spiegelt die Wohnbedingungen um 1800 wider. Alles musste funktional sein und war auf das Wesentliche beschränkt. Die schlichte Schmiede im Hof besticht mit ihrer großen grünen Tür. Noch heute erinnern die buckligen Pflastersteine, an der Fassade der Pferdekopf und im Inneren der hofseitigen Schmiede die rohen Ziegelwände an seine einstige Funktion. Es ist ein Teil Rixdorfer Handwerksgeschichte, denn bis in 1950er Jahre wurde hier gefeuert und das heiße Eisen gehauen.

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-jkb-, Rix Auge Gottes, CC BY-SA 3.0

Gleich daneben befindet sich heute der Comenius-Garten. An diesem Ort sorgte die Richardsburg einst für Aufsehen: In der größten Mietskaserne Neuköllns wohnten 500 Menschen in 144 Wohnungen und im Vorderhaus gab es eine vielbesuchte Gaststätte. Der Altbau wurde 1971 abgerissen und dafür ein Park direkt am ehemaligen Böhmischen Dorf angelegt. Im Juni 1995 wurde der Park der Öffentlichkeit übergeben. Im Zentrum der Gestaltung stand das Werk von Johann Amos Comenius, denn der Theologe, Philosoph und Pädagoge war ein Vordenker für die moderne Pädagogik. So ist ein Lebensweg-Garten entstanden, der am Walnussbaum beginnt und weiter geht an der Lebenssituation Schule mit Veilchenbeet, Rosenhain, Wiesenteppich, Irrgarten, Arzneigarten, Seelenparadies die sechs Klassen symbolisieren sollen. Im Garten gibt es unterschiedliche Elemente wie eine Holzbühne, ein dreieckiges gepflastertes Podest mit Kreisornament als Auge Gottes, einen Teich, einen Pavillon im Seelenparadies und das Comenius-Denkmal. Eine grüne Oase für Familien.

Zu Böhmisch-Rixdorf gehört auch die Schmiede am Richardplatz. Umgeben von einer dörflichen Idylle wurde die Schmiede erstmals 1624 erwähnt. Damals wurde die Schmiede nur temporär genutzt und erst 1797 zu einer Wohnschmiede umgewandelt. Das Gebäude wurde über die Jahrhunderte erweitert und vermittelt noch heute eine eindrucksvolle Vorstellung vom Handwerk und den Arbeitsbedingungen, denn sie wird weiterhin als Gold- und Messerschmiede genutzt und ist damit Berlins älteste Schmiede. Gleich daneben schließt das ehemalige Wohnhaus des Schmieds an. Auch hier war Handwerk und Wohnen aufs Engste miteinander verbunden.

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OTFW, Berlin, Gedenktafel Kirchgasse 3 (Neuk) Böhmische Wanderer, CC BY-SA 3.0

Ein Ort der Stille ist der sogenannte Böhmische Gottesacker: Der Friedhof wurde bereits 1751 für die aus Böhmen eingewanderten neuen Bewohner angelegt. Alles ist schlicht und geometrisch mit einer Hauptallee angelegt, die Grabsteine ursprünglich liegend platziert und die Bestattung war nach Geschlechtern getrennt. Grabsteine von 1815 und noch ältere, sind auf dem Friedhof zu finden. Ein Ort der Ruhe und Besinnung für die aus Böhmen gekommen Einwanderer war die Rixdorfer Dorfkirche auf dem Richardplatz. Die kleine Kirche verzaubert mit ihrer Schlichtheit den zufälligen Flaneur. Sie war 1884 an die Böhmisch-lutherische Gemeinde gegangen und bekam 1912 den Namen Bethlehemskirche.

Das an vielen Stellen lebhafte Neukölln ist rund um den Richardplatz ein grünes Kleinod mit viel lokaler Geschichte. Ob zauberhafter Comenius-Garten, Kopfsteingasse oder Schmiede, hier herrscht eine Idylle und der Besuch wird zur Wohltat für alle Sinne.

Dr. Carsten Schmidt

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