Berlin tanzt – Die Stadt der Ballhäuser

Ballhäuser und Vergnügungskultur der Hauptstadt

Die Roaring Twenties gelten für Berlin als die Hochzeit einer ausgelassenen und neuen Gesellschaft. Eindrücklich zeigt der Film Cabaret von 1972, mit Liza Minnelli in der Hauptrolle, den wilden und avantgardistischen Lebensstil zwischen Drogen, neuer Liebe und künstlerischer Selbstfindung. Frauen tanzten mit Frauen im Smoking und Josephine Baker verzauberte in der Silvesternacht 1925/26 ihr Berliner Publikum mit entblößter Brust und wenigen blauen und roten Federn am Leib. Doch auch schon vorher galt Berlin wegen seiner ausschweifenden Vergnügungskultur als Weltstadt. So gab es in allen Bezirken Ballhäuser – ca. 900 Tanzlokale in ganz Berlin, die teilweise ein derbes aber auch wohlhabendes Publikum anlockten. Historisch verortet Bettina Vaupel das Ballhaus in der Adelskultur des Spätmittelalters, als unter dieser Bezeichnung ein Gebäude für den Vorläufer des Tennisspiels verstanden wurde: „Als Spielstätten dienten rechteckige, von hohen Mauern umgebene Plätze, zunächst oben offen, später meist überdacht.“ Generell dienten die Ballhäuser also dem Zeitvertreib, etwas was sie mit den Berliner Ballhäusern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts gemeinsam haben.

Die Chaussee­straße und ihre Seitenstraßen in Berlin-Mitte war eine der Berliner Vergnügungsmeilen mit diversen Tanzpalästen und Restaurants.

Tanzversessenen Hauptstädter in Mitte

Die Chausseestraße und ihre Seitenstraßen in Berlin-Mitte war eine der Berliner Vergnügungsmeilen mit diversen Tanzpalästen und Restaurants. Im Jahr 1905 entstand in dem Hinterhof der Gartenstraße 6 in Berlin-Mitte ein Restaurant und Veranstaltungssaal. Das Haus wurde vom Bauunternehmer Oscar Garbe nach eigenen Plänen errichtet. Der mit Deckengewölbe und Bühne ausgestattete Theatersaal in der Gartenstraße wurde als Varieté und Wirtshaus unter dem Namen „Fritz Schmidt’s Restaurant und Festsäle“ in Betrieb genommen und etablierte sich rasch in der Berliner Ballhaus-Szene. In den 1920er und früher 1930er bot das Haus als „Kolibri Festsäle und Kabarett“ jede Menge Unterhaltung: Die Räume wurden für Varieté, Kabarett und Theater genutzt.

Bekannter ist Vielen „Clärchens Ballhaus“ in der Auguststraße 24/25. Es eröffnete 1913 seine Türen unter der Bezeichnung „Bühlers Ballhaus“. Leider gingen sämtliche Bauakten verloren. Dafür gibt es zahlreiche Anekdoten: Gleich neben der Theke hatte Heinrich Zille einen Stammplatz und Franz Biberkopf, der Held in Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ (1929), gab sich als Stammgast des Ballhauses zu erkennen. Bis in die 1940er Jahre vergnügte man sich in zwei Sälen: Während unten im großen Saal das Volk zu Gassenhauern schwofte, trafen sich im Spiegelsaal, mit wilhelminischen Prunk, die vornehmen Damen und Herren. Ferner diente der Spiegelsaal als Fechtboden für schlagende Verbindungsstudenten. Im Keller gab es eine Kegelbahn. „Clärchens Ballhaus“ gilt als eines der Wenigen, von vormals gut 900 Berliner Ballhäusern der Kaiserzeit, die bis jetzt überlebten und wo täglich getanzt wird.

Vom Festsaal zum Kieztheater

Ein frühes Beispiel Berliner Ballhaus-Kultur ist das Ballhaus Naunynstraße – zwischen Mariannenplatz und Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg. Der Bauantrag für ein Wohnhaus mit Tanzsaal wurde 1863 gestellt und ab 1874 wurde der Saal unter dem Namen „Graumann´s Festsäle“ geführt. Nach einem Brand 1876 wurde das Gebäude nach den Plänen von E. A. Witting wieder aufgebaut. Ab 1934 hat das Haus eine sehr bewegte Geschichte und schließlich wurde 1961 der Saalbetrieb aufgegeben. Erst 1979-1983 wurde das Ballhaus aufwendig saniert und dient heute als Kieztheater.

Ballhaus Rixdorf in Neukölln

An der Ecke Kottbusser Damm / Pflügerstraße – dem heutigen Reuterkiez – steht das Ballhaus Rixdorf. Zwei große Säle und die renovierte Fassade erinnern noch heute an längst vergangene Tage. Das Ballhaus wurde 1910 nach den Plänen des Architekten Egon Fröhlich errichtet und als „Hohenstaufen-Festsäle“ geführt. Im heute nicht mehr existierenden Vorderhaus gab es ein Café und Namensgeber war der gegenüberliegende Hohenstaufenplatz. Die „Hohenstaufen-Festsäle“ waren eher Festsäle für die kleinbürgerlichen Schichten Neuköllns mit Ballbetrieb, Restauration und Kegelbahnen.

Nach dem Krieg gab es hier erst Kino und 1951 eröffnete das „Ballhaus Rixdorf“, das dem Gebäudekomplex den heutigen Namen gab. Später wurden die Räume als türkischer Tanzklub „1001 Nacht“ und ein von Drafi Deutscher betriebener „Beat Club“ genutzt. Es kamen Rockbands, Künstler, Pädagogen und die kreative Theaterszene in das teilweise marode Gebäude.

Heute zeigt sich das Gebäude, mit seiner wiederhergestellten Fassade, als ein prächtiges Stadthaus. Auffälligstes Merkmal sind die drei großen Rundbogenfenster des zweiten Obergeschosses. Dahinter verbirgt sich ein 20 x 20 Meter Saal mit sechs Metern Deckenhöhe. Der Hauptsaal liegt darunter. In dem zweigeschossigen Raum, mit sieben Metern Deckenhöhe, schwingen die seitlichen Emporen in den stützenfreien zentralen Raum. Viele historische Details lassen die Atmosphäre der 1910er Jahren erahnen. Die Säle des Ballhaus Rixdorf können für kulturelle und kommerzielle Veranstaltungen gemietet werden. Dabei werden Sie professionell vom Team der Ballhaus Rixdorf Studios betreut. 

Ballhäuser und Stadtleben

Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Berliner Ballhäuser fester Bestandteil der Wohnkultur waren. Es mussten strenge Sicherheitsmaßnahmen eingehalten werden, damit ein Ballhaus auf dem Hinterhof entstehen durfte. Oftmals fielen die Planungen für Wohnhaus und Ballhaus zusammen. Die Ballhäuser hatte meist zwei übereinanderliegende Säle für unterschiedliche Nutzungen. Während bei „Clärchens Ballhaus“ die Fassade keinen Anhaltspunkt auf eine Vergnügungsstätte liefert, weisen die großen Rundbogenfenster bei den jüngeren Gebäuden: „Ballhaus Rixdorf“ und den „Kolibri Festsälen“ auf deren Nutzung hin. Weitere Kapitel Berlin Vergnügungskultur waren die temporären Ausflugslokale am Rand des Tiergartens und die Vergnügungsparks – wie der Lunapark am Berliner Halensee.

Dr. Carsten Schmidt

Berlin tanzt – Die Stadt der Ballhäuser
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