Wohnwurm auf dem Moabiter Werder

Spreeufer und Tiergarten vor der Haustür

Zum Bezirk Mitte gehört der nördlich vom Tiergarten gelegene Ortsteil Moabit, der, durch den Hauptbahnhof gut erreichbar, sowohl Gründerzeitarchitektur als auch moderne Wohnbauten zu seinen Markenzeichen zählt. Zu den Filetgrundstücken gehören die Areale direkt vis-à-vis dem Tiergarten – auf dem Moabiter Werder –, denn hier trennt die Spree zwischen Lutherbrücke und Hugo-Preuß-Brücke den ehemaligen Grenzbezirk von der größten zentralen Grünanlage der Hauptstadt, dem Tiergarten.

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© SF/EXKLUSIV

Nordöstlich des Schlosses Bellevue und gegenüber dem Park am Präsidentendreieck entstand in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre auf einem 21.600 Quadratmeter großen Grundstück der längste Nachwende-Wohnbau Berlins. Der Wettbewerb hierzu entschied 1995, dass weder Blockrand noch nüchterne Großzeile erwünscht sind. So ließ die Bundesrepublik Deutschland entlang der Joachim-Karnatz-Allee nach den Plänen des Architekten Georg Bumiller einen langgestreckter mehrfach geschwungenen Wohnblock mit 500 Metern Länge, dessen Fassaden zum Tiergarten und dem Spreeufer für eine bestmögliche Belichtung und schöne Aussicht ausgerichtet sind, errichten. Dazu gehört auch der trichterförmige Kopfbau der Architekten Jörg Pampe und Irene Keil an der Paulstraße, dessen schmale Straßenfassade mit einer horizontalen Gestaltung dem anschließenden Wohnwurm vorgreift, während die breiten Seitenfassade mit großen Glasflächen und bandartigen Wandöffnungen spielt. Das anschließende Wohnobjekt ist im Volksmund als „Bundesschlange“ bekannt, denn die 718 Wohnungen wurden ursprünglich für Abgeordnete und Bundesbedienstete als Zweitwohnsitz errichtet. Im Jahr 1999 zogen circa 300 Abgeordnete ein. Die geringe Nachfrage öffnete die Wohnungen für jedermann.

Architektur-Wohnwurm-Mitte-03-200x300 Wohnwurm auf dem Moabiter Werder
© SF/EXKLUSIV

Architektonisch hat das Gebäude mindestens zwei Identitäten, denn während horizontale Fensterbänder mit geschlossenen Brüstungstreifen zur Gartenseite an die dynamischen Bauwerke der 1920er Jahre des Architekten Erich Mendelsohns erinnern, wählte der Architekt für die Straßenseite abwechselnd vertikal und horizontal gesetzte dreiteilige Fenster, die auf den ersten Blick wahllos platziert wirken – dazwischen sind teilweise kleine Fenster gesetzt. Bei genauerer Betrachtung lässt sich ein bestimmter paarweiser Rhythmus erkennen. Darüber hinaus ist der Wohnwurm an zwei Stellen durch einen vertikalen Einschnitt unterbrochen.

Ferner lässt der Architekt das Großwohnobjekt sich visuell von selbst verkleinern, denn nach dem 7-geschossigen Anfang an der Paulstraße gibt es im weiteren Verlauf drei Abstufungen bis zu einer 4-geschossigen Gebäudehöhe. Gestalterisch löste der Architekt die Höhenunterschiede auf sehr überzeugende Weise: Das Dach wird als sogenanntes Flugdach über den Absatz hinaus gezogen, während aus der niedrigen Brüstung im weiteren Verlauf ein kräftigerer Dachabschluss wird. Diese dynamische Unterbrechung hätte man sich an mehreren Stellen gewünscht, weil damit ein zusätzlicher Komfort entstand: eine attraktive Dachterrasse mit Weitblick. Die Wohnungen im Gartengeschoss erhielten eine blickgeschützte Terrasse und die Bewohner in den oberen Etagen genießen den Panoramablick. Darüber hinaus gibt es im Gartengeschoss zwei große Durchgänge in den parkähnlich angelegten Garten und zum schön gestalteten Spreeufer der Züricher Landschaftsarchitekten Kienast Vogt und Partner. Einst diente das circa 5,2 Hektar große Gelände als Zollbahnhof und wurde bis zur Wende als Lagerplatz benutzt. Auf diesem Areal sollte die Bundesgartenschau 1995 veranstaltet werden, was jedoch nicht umgesetzt wurde. Stattdessen legte man diesen Bereich im Rahmen der Wohnbebauung als öffentlichen Raum neu an. Hier fällt das Areal leicht zum Spreeufer ab und schön gesetzt Baugruppen nehmen Bezug zum Tiergarten und leiten harmonisch in die Urbanität der Metropole über.

Roderick Hönig beschrieb den Wohnwurm als „lässig geschwungene Wohnwand“ mit einer „sanft golden schimmernden Klinkerfassade“. Insgesamt handelt es sich um eine gelungene Gestaltung, die sich von der gestalterischen Einförmigkeit der Lochfassadenmonotonie Berlins positiv absetzt.

Dr. Carsten Schmidt

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