Siedlung Schillerpark

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Englisches Viertel Berlin Wedding © MarSludge G, flickr.com / CC BY-SA 2.0, lizensiert unter CreativeCommons-Lizens by-sa/2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)

Inspiriert von Amsterdam

Der Berliner Wohnungsneubau den 1920er Jahren war geprägt von neuen gestalterischen Ansätzen, Wohnquartieren außerhalb der Innenstadt und einem Wohnkomfort auf der Grundlage von neuen Werten: Licht, Luft und Sonne. Und bei vielen Berliner Neubauten, wie der Hufeisensiedlung und Onkel Toms Hütte, begegnet uns der Architekt Bruno Taut. Bei der Siedlung Schillerpark handelt es sich um das erste großstädtische Wohnprojekt nach dem Ersten Weltkrieg, denn ab 1924 entstanden im Englischen Viertel in Berlin-Wedding insgesamt 13 Wohngebäude mit 300 Wohnungen.

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Englisches Viertel Berlin Wedding © MarSludge G, flickr.com / CC BY-SA 2.0, lizensiert unter CreativeCommons-Lizens by-sa/2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)

Bruno Taut setzt bei der Siedlung Schillerpark nicht auf eine radikal moderne Formensprache sondern verpackt traditionelles mit zeitgenössischen Elementen. Auf den ersten Blick kommen die Backsteinfassaden eher zurückhaltend daher. Auch die 3- bis 4-geschossigen Gebäude wirken nicht erdrückend. Vielmehr ist alles auf einen ruhigen und ordentlichen Eindruck ausgerichtet. Dazu gehören auch die Vorgärten und Rasenflächen zwischen den Häuserzeilen. Aber die Häuser sind ein klares Bekenntnis zur Moderne, denn mit Flachdächern bzw. leicht geneigten Pultdächern, expressionistisch gestalteten Hauseingängen sowie einer horizontalen Betonung der Fassaden sprechen sie die Sprache der Avantgarde. Im Rahmen des sozialen Wohnungsbau wurde eine gestalterisch aufwendige Formensprache umgesetzt und auch die Wohnungsgrundrisse waren für die damalige Zeit verhältnismäßig großzügig.

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Siedlung Schillerpark in Berlin-Wedding; Rückansicht der Häuser Oxforder Straße © Marbot, Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0, lizensiert unter CreativeCommons-Lizens by-sa/3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.de)

In drei Bauabschnitten, von 1924 bis 1930, entstanden helle, funktionstaugliche Wohnungen für Arbeiter und Angestellte. Alle Wohneinheiten verfügen über Badezimmer und Balkonen bzw. Loggien. Und gemeinschaftlich zu nutzende Einrichtungen, wie die Wasch- und Trockenräume im Dachgeschoss und ein geplanter Kindergarten, spiegeln den sozialen Geist der Weimarer Republik wieder. Gestalterisch besonders auffällig ist das visuelle Zusammenziehen von Fenster und anschließenden Wandflächen indem die horizontalen Fenstersprossen an der Fassade als schmaler Vorsprung weitergeführt wird. In gewisser Weise spielt der Architekt mit positiv und negativ, denn während die Fenster je nach Licht eher dunkel erscheinen, wurde die anschließenden Fassadenstreifen in weiß gestrichen. Somit entsteht einerseits ein Bruch und gleichzeitig eine Verbindung und Auflockerung bzw. Rhythmisierung. Die Bewegtheitheit der Fassaden kommt ebenfalls durch den Einsatz von minimal hervortretenden Vorsprüngen über den Loggien, dynamisch emporragenden Pfeilern bei den Balkonen die im nichts Enden sowie in die Fassaden eingeschnittene Hauseingänge und Treppenhäuser zustande. Diese feinfühlige Komposition macht den Charme der Siedlung Schillerpark aus.

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Siedlung Schillerpark Oxforder Straße 11
© Marbot, Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0, lizensiert unter CreativeCommons-Lizens by-sa/3.0-de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.de)

Die für Bruno Taut typische Farbigkeit findet sich heute weniger im äußeren Erscheinungsbild wieder – die Treppenhauseinschnitte hatten ehemals einen blau-weißen Anstrich, sondern im Treppenhaus mit farbigem Geländer und Wohnungstüren, wofür der Architekt auf Primärfarben setzte. Sowohl bei den Fassaden als auch im Inneren überwiegt ein sachlicher Eindruck im Stil der Amsterdamer Schule. Um 1909/1910 bekannte sich Amsterdam zu einem sozialen und grünen Bauen. Innerhalb dieser Bauverordnung schlossen sich junge Architekten zusammen und planten für Amsterdam Brücken, Gebäude und eine Gartenstadt in einer besonderen Klinker-Ästhetik. Ziegelsteine wurden zum zentralen Element bzw. Markenzeichen dieser Stilrichtung. In Berlin setzte Bruno Taut auf expressionistische Details und eine eher kubische Sachlichkeit, wenngleich die Backsteinfassaden mit Erker, Balkonen, Loggien und Schmuckbändern belebt wurden. 

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Siedlung Schillerpark Bristolstraße 5
© Marbot, Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0, lizensiert unter CreativeCommons-Lizens by-sa/3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.de)

Im Zweiten Weltkrieg wurden Teile der Siedlung Schillerpark zerstört. Es erfolgte der Wiederaufbau und eine Erweiterung nach den Plänen von Hans Hoffmann – die “Glas-Hoffmann”-Bauten, errichtet von 1954-1959. Im Jahr 1991 begann die denkmalgerechte Sanierung. Seit 2008 gehört die Siedlung Schillerpark zum Weltkulturerbe der UNESCO. Die unmittelbare Nähe zum Schillerpark macht heute wie bereits in den 1920er Jahren den Reiz dieses Wohnensembles aus.

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