Schlank und Elegant

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Der Kreuzberg Tower besteht aus drei Gebäuden: aus den zwei ost-west-orientierten Wohnzeilen und dem Wohn- und Atelierturm © SF/RIV

Kreuzberg Tower

Das Wohnprojekt Kreuzberg Tower – eine Zusammenarbeit von John Hejduk mit dem Berliner Architekten Moritz Müller – besteht aus insgesamt drei Gebäuden: den zwei ost-west-orientierten Wohnzeilen mit vier Vollgeschossen und ausgebautem Dachgeschoss und dem dazwischen platzierten vierzehngeschossigen Wohn- und Atelierturm. Nach Süden blieb der Block offen.

Der freistehende Wohnturm bildet eine städtebauliche Landmarke innerhalb des Gründerzeit-Blocks. Aufwendig an dem schlanken Turm ist seine Zusammensetzung, denn er besteht aus dem Hauptturm auf quadratischer Grundform, einem Verbindungsbaukörper zum Treppenturm und zum Aufzugsturm, während nach Osten und Westen Nebentürme anschließen, in denen die Bäder, Küchen und Abstellräume untergebracht sind.

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Markante Fassade – farblich und optisch stechen Balkone und Sonnenschutz hervor. © SF/RIV

Hejduk setzt auf einfache geometrische Formen und eine reduzierte Farbpalette in Grau und Grün. Gleichzeitig spielt der Architekt mit den vorhandenen historischen Gegebenheiten, denn die beiden Zeilenbauten schließen an den benachbarten Altbau und dessen Traufhöhe an, wobei das Dach als visueller Bruch nicht als Spitzdach, sondern als Trichter ausgebildet wurde. Mit dieser gestalterisch, expressiven Lösung setzt sich das Gebäude vom historischen Berlin ab. Der Trichter ist sowohl Negativform als auch ein Element der Inszenierung, denn nur so ergibt sich eine Überschneidung mit dem Altbau. Ein Statement der Moderne ist das sogenannte Atelierhochhaus. Es nutzt in einer ehemals engen architektonischen Konzeption, denn die Innenhöfe sind meist nur wenige Meter breit, die Höhe eines Hochhauses, um mehr Freifläche zu schaffen und sorgt gleichzeitig für eine gute Belichtung der Wohnungen in den unteren Etagen.

Auffälligstes Merkmal der Wohnbauten sind die grünen Balkone – sogenannte Austrittsboxen – und der Sonnenschutz. Beide Elemente sind fest montiert und bestimmen dauerhaft das Erscheinungsbild. So lenkt der Architekt den Blick des Flaneurs auf die Südfassaden. Die Auseinandersetzung mit den schmalen Seitenfassaden regt der Architekt auch dadurch an, weil die Straßenfassade als Lochfassade – im Vergleich zu den anderen Fassaden – weniger spektakulär anmuten. Generell entschied sich der Architekt für Symmetrie – sowohl bei den beide Zeilenbauten als auch dem Wohnhochhaus. Bei der Fassade zur Straßenseite kombinierte der Architekt vertikal durchlaufende Treppenhausverglasungen mit großen Atelierfenster und einer hohen, geschlossenen Attika. Für eine andere Lösung und innere Erschließung entschied sich Hejduk bei der zweiten Wohnzeile, denn die Fassade wurde aufgrund der dahinter liegenden Laubengänge großflächig verglast. Die hofseitigen Fassaden ­bilden jeweils ein Spiegelbild und können als Fortsetzungen der regelmäßigen Innenhoffassaden des Altbaus gelesen werden.

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Ansicht einer der Wohnzeilen © SF/RIV
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Der Turm vom Wohnprojekt

Kreuzberg Tower © SF/RIV

In den 1980er blieben die vom Architekten geplanten „Architekturspielobjekte“ unrealisiert. Im Jahr 2010 fand die erste Sanierung statt, wobei die Austrittsboxen und der Sonnenschutz erhalten blieben. Vor zwei Jahren ließ die Stadt das Eckgrundstück in die „Parkanlage Charlottenstraße“ verwandeln. Die drei Flächen des kleinen öffentlichen Parks schließen an die drei Hejduk-Bauten an. Die langen, rot lackierten Sitzbänke schaffen einen spannungsreichen Kontrast zu den grünen Elementen.

Das Ensemble – bestehend aus Atelierturm und zwei Wohnzeilen mit den expressiven Schmetterlingsdächern – gehört zu den wenigen realisierten Bauten Hejduks. Mit seiner reduzierten Geometrie und Farbgebung ist es ein Musterbeispiel des historisierenden Eklektizismus der Postmoderne.

Dr. Carsten Schmidt