Leipziger Platz – Das Achteck der Hauptstadt

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Lange Zeit war der Leipziger Platz – trotz Grünanlagen, Cafés und Ausstellungen – vollkommen menschenleer. Erst mit der Eröffnung der „Mall of Berlin“ 2014 wendete sich das Blatt. © Mall of Berlin

Die Qualität von Architektur wird oftmals daran gemessen, ob und wie oft die Bewohner der Stadt das Gebäude, den Platz oder die Straße aufsuchen. Mit diesen Kriterien schneidet der Leipziger Platz eher schlecht ab. Ebenso aber auch das Brandenburger Tor und die Museumsinsel, jedoch ließe niemand an ihrer architektonischen Qualität Zweifel aufkommen. Die Architektur des Leipziger Platzes hat es in der Gunst der Gesellschaft wesentlich schwerer. Der achteckige Platz erscheint vielen wie ein Vorhof zu den Hochhäusern des Potsdamer Platzes. 

Die Geschichte des Leipziger Platzes

Das war nicht immer so. Vor mehr als 100 Jahren, als 1909 die letzte Messel-Erweiterung des berühmten Kaufhauses Wertheim eröffnete, spielte der Leipziger Platz architektonisch und städtebaulich die Hauptrolle. Der Potsdamer Platz war nicht mehr als eine Verkehrsinsel und die Leipziger Straße stieß auf eine geschlossene Blockecke. Somit hatte das westliche Ende der Leipziger Straße einen städtebaulichen Abschluss, wohingegen heute die Leipziger Straße schnurgerade in den Häuserschluchten des Potsdamer Platzes verschwindet und somit der ursprüngliche städtebauliche Effekt geradezu verwässert. Dabei ist die Platzform durchaus historisch und formal interessant. Das Oktagon – also die achteckige Form – geht auf die Planungen in den Jahren zwischen 1732 und 1735 zurück. Unter König Friedrich Wilhelm I. sollten drei Plätze nach den Grundformen entstehen: Kreis (Mehringplatz), Quadrat (Pariser Platz) und Achteck (Leipziger Platz). 1824 lies Gartenarchitekt Peter Joseph Lenné den Leipziger Platz bepflanzen. Hinzu kamen Figurengruppen und Standbilder. Langsam wuchs die Stadt von Osten nach Westen. In der Folge entstanden ab 1846 die ersten Palais rund um das Achteck. Was folgte war, dass der Leipziger Platz am Ende des 19. Jahrhunderts eine erste Neubebauung mit Hotels und Geschäftshäusern erfuhr. Dies war die letzte große Epoche, denn in den 1920er Jahren wurde der Potsdamer Platz zum neuen Vergnügungsort der Roaring Twenties. Hotels schossen aus dem Boden und Wertheim blieb das größte Kaufhaus Europas.

Erwachen aus dem Dornröschenschlaf

Nach der Wiedervereinigung legten 1991 die Stadtoberen – im Rahmen des Potsdamer-Platz-Wettbewerbs – die Gestaltungsrichtlinien für den neuen Leipzig Platz fest. Es war das erste große städtebauliche Wiedervereinigungsprojekt. Zwischen heutigen Bundesrat und der Staatsbibliothek herrschte gestalterische Ödnis. Der ehemalige Grenzstreifen changierte zwischen Vergangenheit und Zukunft. Lediglich die Berliner Partyszene feierte, vis-à-vis vom Bundesrat, im Tresor die Nächte durch. Vor einem Vierteljahrhundert sahen die Planer folgende Vision für den Leipzig Platz: alle Häuser müssen 35 Meter hoch sein und eine helle Steinfassade bekommen. Die Sockelgeschosse sollen für Läden vorgesehen sein, darüber Büros und in den vier zurückgesetzten Staffelgeschossen Wohnungen. Zwischen Leipziger Platz und Wilhelmstraße sollen im Erdgeschoss mindestens sechseinhalb Meter hohe Kolonnaden und Geschäfte sein. Mit den Gestaltungsvorgaben wurde eine visuelle Einheitlichkeit geschaffen und die Rasterfassade zur höchsten gestalterischen Form erklärt. Lediglich die historische Platzform wurde übernommen – auch aufgrund der komplexen Besitzverhältnisse.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde der Leipziger Platz erneut zusammengesetzt. Wie bei einem Puzzle gab es immer noch Leerstellen. Alle Fassaden sind nobel, zeitlos und beständig. Über ein zweigeschossiges Sockelgeschoss streben die Fassaden empor. Den Mittelbau bilden fünf Büroetagen und darüber folgen großzügige Stadtwohnungen. Zu den verwendeten Materialien gehören Glas, Naturstein und Metall. Baubronze und Aluminium wurden teilweise für Ornamentik-Elemente verwendet. Die 11-geschossigen Gebäude wirken eher zurückhaltend, obwohl sie höher sind als jeder Altbau. Dies liegt an den umliegenden, nochmals höheren, Gebäuden des Potsdamer Platzes.

Das Leben kehrt zurück

Jetzt wird die letzte Fehlstelle besetzt. Sie liegt seit Jahren unter einer großen Werbeplane verborgen. Am Leipziger Platz 18/19 darf das Architekturbüro léonwohlhage den architektonischen Schlussstein setzen. Wie seine Nachbarn, wird die Fassade eine Kombination aus Glas und Stein sein. Der Baubeginn des Büro-und Geschäftshauses erfolgt 2017.

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Was viele nicht wissen: über der „Mall of Berlin“ werden 250 Wohnungen zur Miete angeboten. © Mall of Berlin

Lange Zeit war der Leipziger Platz – trotz Grünanlagen, Cafés und Ausstellungen – vollkommen menschenleer. Erst mit der Eröffnung der „Mall of Berlin“ 2014 wendete sich das Blatt. Seither herrscht auf dem schön angelegten Platz reges Leben, an Arbeitstagen wie an den Wochenenden, tagsüber wie spät in der Nacht. Aus allen Richtungen strömen die Besucher auf den Platz. Was viele nicht wissen ist, dass über der „Mall of Berlin“ 250 Wohnungen zur Miete angeboten werden. Sie gruppieren sich um zwei begrünte Innenhöfe. Sie sind exklusiv für die Mieter zugänglich. Blühende Rosen und große Beeten laden zum Verweilen ein. Die Wohnungen sind zwischen 40 und 400 Quadratmeter groß. Nur 20 Euro pro Quadratmeter kostet diese Spitzenlage im Einstiegssegment.

Auch 25 Jahre nach dem Potsdamer-Platz-Wettbewerb erweisen sich die grundlegenden städtebaulichen Entscheidungen für den Leipziger Platz als richtig. Das dieser wie ein Vorhof zum Potsdamer Platz wirkt, liegt an der Neuinszenierung des Potsdamer Platzes. Nichtsdestotrotz hat der Leipziger Platz seine historische Form behalten und es wurden hochwertige Materialien, schöne Baudetails und eine Mischnutzung umgesetzt. Wer es lieber historisch mag, dem sei der Place Vendôme empfohlen. In Berlin wird das moderne Achteck der Hauptstadt zukünftige Anforderungen an ein urbanes Quartier mehr als erfüllen.

Dr. Carsten Schmidt

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