Kino International

Für den modernen Flaneur erdacht und gemacht

Im Herzen der City-Ost entstand nach den Plänen der Architekten Josef Kaiser und Heinz Aust von 1961 bis 1963 an der zentralen Achse die den Alexanderplatz mit den östlichen Stadtteilen verbindet – der Karl-Marx-Allee – das Kino International. Transparenz, Dynamik und eine beeindruckende Konstruktion zeichnen den öffentlichen Bau aus. Er entstand in einer Übergangsepoche von einer kastenförmigen Nachkriegsmoderne zu einer eher rauen Architektur – dem Brutalismus – und den weicheren Formen der 1970er Jahre.

Wie immer erschließt sich die Schönheit der klaren Architektur erst auf den zweiten Blick und man entdeckt, dass das verglaste Obergeschoss nicht nur wie ein Aquarium funktioniert, sondern gleichzeitig gut neun Meter über das Erdgeschoss vorkragt und als Vordach Schutz vor Wind und Wetter bietet. Kaiser und Aust ging es in erster Linie um die Fassade zur Karl-Marx-Allee – die beiden Seitenfassaden und Rückseite wurden mit einem aufwendigen Wandrelief verkleidet –, wobei das Erdgeschoss von außen gestalterisch in den Hintergrund rückt, denn die dunklen Wände und eine symmetrische Anordnung der Türen tragen dazu bei, dass das Obergeschoss die volle Aufmerksamkeit beim Betrachter bekommt.

Doppelt so hoch wie das Erdgeschoss, hängt das Obergeschoss wie ein magisches Gemälde in einem schmalen hellen Rahmen im Stadtraum. Was ist auf dem Gemälde zu sehen? Der Hintergrund ist immer gleich: holzvertäfelte Wände im skandinavischen Stil und große helle Holztüren, die zum Kinosaal führen. Im Vordergrund wechselt die Szenerie je nach Publikum. Die raumhohen Fenster machen den Flaneur auf der Straße zum Voyeur, während auch der Besucher von seiner erhöhten Position zum Voyeur wird, denn er hat eine freie Sicht auf die Stadt. Ein weiteres besonderes gestalterisches und funktionales Merkmal bildet die Platzierung der Filmankündigung, denn die großflächige – immer noch handgemalte – Tafel trennt den Schriftzug Kino International, verdeckt zwei Fenster und gleichzeitig befindet sich dahinter die Bar. Diese einfallsreiche Lösung erlaubt es, dass der Innenraum völlig frei genutzt werden kann. Der große Kinosaal ist – ebenso wie das Obergeschoss – der nordischen Moderne verpflichtet, denn für den Saal beschränkten sich die Architekten auf drei Farbtöne: Nachtblau, Hellbraun und Weiß. Die Stuhlreihen – 551 Plätze – wurden in dunkelblauen Samt bezogen, während die Wände mit hellen Holzpanelen verkleidet sind. Besonders aufwendig schwebt die mehrfach gewölbte Decke über dem Publikum.

Während das Hauptgeschoss eine gediegene und warme Ausstrahlung besitzt, wurde die gedrungene Wirkung des Eingangsbereichs im Innenraum mit einer modernen Sternendecke mit Punktleuchten abgemildert. Diesen Bereich verstehen die Architekten im fortschrittlichsten Sinne als Fortsetzung des Stadtraums, denn das Straßenpflaster wurde ebenerdig konsequent in den Kassen- und Garderobereich gezogen. Auch die sechs Vitrinen vor dem Eingang gehören zur Gesamtkomposition und Kommunikation, denn sie informieren über Veranstaltungen und leiten die Besucher zum Eingang.

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Für den Kinosaal beschränkten sich die Architekten auf drei Farbtöne: Nachtblau, Hellbraun und Weiß. • © Yorck Kinogruppe/Daniel Horn

Das Kino International ist ein zentraler Baustein im zweiten Bauabschnitt der Prachtallee, denn hinter dem Kino ragte das 10-geschossige Interhotel Berolina mit Dachterrasse empor. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entstand zeitgleich das Café Moskau. Zu den architektonisch besonderen Gebäuden in diesem Abschnitt gehören vier weitere Sonderbauten, die als einzelne „Orte des Konsums“ besonders beliebt waren. Die 2-geschossigen Pavillons überzeugen mit einer filigranen und transparenten Architektur. Dieser Bereich der Karl-Marx-Allee ist eine Fortsetzung der modernen Architektur des Alexanderplatzes – mit dem Haus des Lehrers mit Kongresshalle und dem Haus des Reisens –, während sich am Strausberger Platz der Stil hin zu einer klassischen Formensprache wandelt.

Den beiden Architekten gelang eine beeindruckende Komposition aus skandinavischer und internationaler Moderne. Der herausragende Unterschied des Kino Internationals zu allen Gebäuden der City-Ost ist die Inszenierung von Stadt und Bewohner, die den repräsentativen Zweck des Gebäudes unterstreicht – umgeben von Wohnbauten.

Dr. Carsten Schmidt

Kino International
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