Hackescher Markt

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Unter Beachtung der historischen Bauflucht entstanden von 1996 bis 1999 Wohn- und die farbenfrohen Geschäftshäuser des Projekts „Neuer Hackescher Markt“. © SWeckeßer

Urbane Moderne mit und ohne Schnörkel

Die Gegend rund um den Hackeschen Markt lag bis 1989 im Dornröschenschlaf. Zwischen den sanierungsbedürftigen Altbauten gab es viele Baulücken und nur die S-Bahn fuhr wie gewohnt über das Viadukt in den schönsten Bahnhof der Strecke ein. Seine Backsteinfassade zieren Konsolen, Rosetten und Ornamente aus Terrakotta. Im Rahmen der Sanierung wurden Lampen und Fliesen erneuert, und in die Viaduktbögen zogen Restaurants und Geschäfte. Die nördlich liegende Spandauer Vorstadt wurde 1993 zum Sanierungsgebiet erklärt. Hauptaugenmerk waren die Hackeschen Höfe mit ihren einmaligen Jugendstilfassaden und der Bedeutung als deutschlandweit größtes Hofareal. Zur gleichen Zeit erhielten auch die umliegenden Altbauten ihren Glanz zurück und interessante Neubauten füllten die Lücken. Zusehens wandelte sich die Gegend rund um den Hackeschen Markt zur ersten feinen Adresse der City-Ost.

Das „Hackesche Quartier“

Eher wenig Beachtung fanden bislang die jungen Gebäude südlich des S-Bahnhofs. Am Henriette-Herz-Platz entstanden in den vergangenen Jahren hochwertige Neubauten. Das „Hackesche Quartier“ bringt Lebendigkeit in diesen Teil und verbindet städteräumlich den Hackeschen Markt mit dem Prachtboulevard „Unter den Linden“. Der Bauherr, die IVG, setzte ein hochwertiges und abwechslungsreiches Architekturkonzept um. Das Quartier besteht aus zwei voneinander getrennten Stadtblöcken, die mit abgerundeten Ecken aufeinander reagieren und einen Fußgängerweg zwischen sich aufspannen. Innerhalb der Baukörper legte die Planung Wert auf ablesbare unterschiedliche Architektursprachen, also die Illusion einzelner „Häuser“. Somit folgen die sieben Häuser keinem Stildiktat, sondern öffnen das breite Spektrum zwischen moderner Backstein­fassade und  wabenartigen Konstruktion aus Stahl und Glas auf.

Der Bahnhofsvorplatz

Nördlich vom S-Bahnhof ist die Bebauung bunt gemischt. Der Platz vor dem S-Bahnhof wurde zwischen 2001 und 2003 zur Fußgängerzone umgestaltet. Es entstanden Grünflächen, Sitzbänke und mehr Fläche für die ansässigen Gastronomen. Im Sommer reichen die Tische und Stühle bis weit auf den Platz und schaffen eine lebendige Stimmung. Dazu gibt es Samstags einen schönen Wochenmarkt. Die urbane Szenerie wird durch die Straßenbahn ergänzt, sie fährt östlich am Platz vorbei.

„Neuer Hackescher Markt“

Dahinter ragen die farbenfrohen Neubauten des Projekts „Neuer Hackescher Markt“ empor. Unter der Federführung der Architekten Götz Bellmann und Walter Böhm und unter Beachtung der historischen Bauflucht entstanden von 1996 bis 1999 Wohn- und Geschäftshäuser. Die Architekten entschieden sich für eine kleinteilige Parzellierung und im rückwärtigen Bereich für klassische Höfe. Das Gebäude Hackescher Markt 1 wurde von 1997 von 1999 nach Entwürfen der GBK Architekten errichtet. Hinter dem Büro stehen die beiden Frauen Martina Guddat und Annette Bellmann-Schasler. Sie realisierten am Hackeschen Markt das „Gelbe Haus“ mit einer absolut ruhigen Formensprache. Die breiten Fenster und das klare Fassadenraster erinnern an Fabrikgebäude. Einen schönen Gegensatz bildet die Bewegung des Daches, denn es wurde im Viertelkreis nach oben gezogen und fällt zur Hofseite ebenfalls als Viertelkreis wieder ab. Das Erdgeschoss bauten Blumers Architekten 2007 um. Die grünen Fensterrahmen wurden durch graue ausgetauscht und auch der gelbe Sandstein an der Fassade wurde durch grauen Granit ersetzt. Während das Gebäude vormals – vom Sockel bis unters Dach – aus einem Guss war setzt sich nun das Erdgeschoss stärker ab. Es wird eingefasst vom rostroten Eckgeschäftshaus  mit seinem expressiven Dach und den sich seitlich anschließenden Häusern mit der Adresse „An der Spandauer Brücke 8 und 7“. Das Haus mit der Nr. 8 entstand nach den Entwürfen von Bellmann und Böhm mit einer klassischen Fassadeneinteilung, das Erdgeschoss und Obergeschoss bilden eine gestalterische Einheit. Darüber schaffen die hellen Fassaden eine weitere Einheit, während das Dachgeschoss hinter einem kräftigen Gesims zurücktritt. Schmale bodentiefe Doppelfenster erinnern an Paris, spielen mit klassischen Zitaten. Beim Wohn- und Geschäftshaus „An der Spandauer Brücke 7“ zeigen Guddat und Bellmann-Schasler eine andere Formensprache. Das „Hellgrüne Haus“ erinnert an Geschäftshäuser aus den 1920er Jahren. Das Erd- und Obergeschoss sind als transparente Geschäftsräume ausgebildet, während die darüberliegenden Etagen eher nüchtern wirken. Ein Highlight ist das zweigeschossige Dach. Diesmal blicken vier kreisförmige Öffnungen aus dem Dach auf den Platz.

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Alt und neu – Glasfassade des Neubaus und die denkmalgeschützten Hackeschen Höfe (1906) bilden einen spannenden Kontrast. © S.Weckeßer

Architektonische Gegensätze

Architektonisch besonders spannend ist der Gegensatz zwischen den historischen Hackeschen Höfen und dem Glaspalast „Hackescher Markt 2-3“ der Architekten Grüntuch/Ernst. Die Architekten setzen auf Glas, Licht und große Flächen. So kann sich der 2001 errichtete Neubau gegenüber der detaillierten Altbaufassade behaupten. Größter Aufmerksamkeitsfaktor des Neubaus ist seine Transparenz. Vom Erdgeschoss bis unters Dach verschwimmen die Grenzen zwischen Innen und Außen. Das metropolitane Glashaus ist eine raffiniert geschichtete Urbanität mit Schrägverglasung im Staffelgeschoss und seitlich abschließender Glasschachtel zum Nebengebäude. Alles atmet Licht und Raum, und die Lichter der Stadt spiegeln sich auf der Glashaut.

Am Ende des 19. Jahrhunderts war der Hackesche Markt ein wichtiger Berliner Knotenpunkt. Die Geschichte scheint sich 100 Jahre später wiederholt zu haben. Heute strömen täglich tausende Menschen über den Platz und die Bürgersteige können die Menschenmassen kaum aufnehmen. Die kleinteilige Mischnutzung erweist sich als Erfolgsmodell. Hier schlägt Tag und Nacht der Plus der Hauptstadt.

Dr. Carsten Schmidt

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