Der Fichtebunker

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Fichtebunker, Ansicht von Johann Wilhelm Schwedler © gemeinfrei (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Berlin_Gasometer_Fichtestrasse_Ansicht_ZfB.jpg)

Duftende Leidenschaft über historischen Mauern

Lila Lavendel, malerische Malven und filigrane Kiefern gehören zum Gartenkonzept auf dem Fichtebunker, der in der zweiten Hälfte des 19.  Jahrhunderts eine ebenso wichtige Funktion hatte wie heute.

Mehr breit als hoch, präsentiert sich der Fichtebunker als ein gedrungenes Bauwerk mit einer äußerst interessanten Erscheinung, denn die Fassaden des Rundbaus bestehen aus regelmäßig gesetzte Fenster mit einem halbkreisförmigen Abschluss, während horizontale Streifen die Dynamik des gelben Backsteingebäudes unterstreichen. Der Bau entstand 1884 nach den Plänen von Johann Wilhelm Schwedler auf freiem Feld und erhielt seinen Namen von der davorliegenden Fichtestraße. Zwischen Urbanstraße und Hasenheide gelegen, ist die Gegend heute – rund um den Südstern – bei Studenten und Intellektuellen beliebt.

Der Fichtebunker ist Berlins ältester und einzig erhaltener Steingasometer von insgesamt vormals zwanzig steinernen Behältern. Seit jeher wird der Rundbau von der sogenannten Schwedlerkuppel, einem Eisengerüst aus radialen Sparren, Querstreben und kreuzweise diagonal verlaufenden Zugstangen, überspannt. Die heute sichtbare eiserne Kuppel überfängt den Bau mit einem eleganten Schwung – ursprünglich war die Kuppel jedoch mit einer Holzschalung und Teerpappe verdeckt.

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Fichtebunker – alter neben neuer Architektur © SF/RIV

Die aktuelle Nutzung ist spektakulär und einzigartig, denn jetzt befindet sich unter der markanten Stahlkuppel die exklusive Wohnanlage Circlehouse. Hierbei handelt es sich um zwölf zweigeschossige Eigentumswohnungen auf dem Dach des Bunkers, die kreisförmig angeordnet sind und jeweils über einen Dachgarten verfügen. Es ist eines der vielen gelungenen Umnutzungskonzepte seit 1989, wo sich modernes Wohnen und anspruchsvolle Gartenplanung mit dem Denkmalschutz verbinden. Beim Fichtebunker ist der Berliner Architekten und Bau­ingenieur Paul Ingenbleek mit seiner Bürogemeinschaft Office  33 für die Transformation verantwortlich.

Äußerlich scheint das Gebäude bis heute fast unverändert zu sein. Der Gasometer diente zur Versorgung der Straßenbeleuchtung, jedoch wurde sein Betrieb schon in der Weimarer Republik eingestellt. Nach Zeiten des Stillstands, ließ man das Gebäude zu ­Beginn des Zweiten Weltkriegs zu einem Großbunker für mehrere Tausend Menschen umbauen. In diesem Zusammenhang entstanden im Gebäudeinneren sechs Ebenen, drei Treppenhäuser, 755 Kammern, drei Aufzüge, 30 Küchen und weitere Versorgungseinrichtungen für den Extremfall. Ferner wurde überliefert, dass das Gebäude 1,80 Meter starke Stahlbetonwände und eine Abschlussdecke von 3 Metern Stärke erhielt. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das Bauwerk als Altersheim, Jugendarrestanstalt und als Asyl für Obdachlose. Von 1963 bis 1988 wurden im Bunker Lebensmittelreserven gelagert – als sogenannte Senatsreserven. Erst nach der Wiedervereinigung setzte ein Interesse an dem Bauwerk ein. Die Öffentlichkeit konnte das ­Gebäude erstmals am 9. und 10. September 2000 besichtigen. Im Jahr 2006 wurde das Gebäude veräußert und ein neues Nutzungskonzept entwickelt.

Berlin-Fichtebunker-Skizze-02.jpg Der Fichtebunker
Fichtebunker, Grundriss von Johann Wilhelm Schwedler © gemeinfrei (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Berlin_Gasometer_Fichtestrasse_Grundriss_ZfB.jpg)

Mit seinem Durchmesser von 56 Metern und einer Höhe von 21 Metern, ist der Fichtebunker durch seine offene Kuppel aus Stahlsegmenten – sie hat nochmals eine Scheitelhöhe von 12 Metern und verleiht dem Gebäude eine moderne, expressive Erscheinung – ein auffälliges Bauwerk. Zur Wirkung trägt heute auch die dreigeschossige Ansicht bei, während vormals die untere Etage von einer Futtermauer umschlossen war. Im Rahmen des geplanten Wandels ging es darum, die Geschichte mit einer zeitgemäßen Architektur in Einklang zu bringen. Stets drehten sich die Diskussionen und Überlegungen um die Frage nach notwendigen Eingriffen in die Substanz. So entschied sich der Architekt zur Erschließung für einen seitlich frei stehenden neuen Treppen- und Fahrstuhlturm. Eine Brücke führt in über 20 m Höhe in den Innenhof der Wohnanlage und ehemaligen Bunkerlüftungsschacht, der nun als zweiter Rettungsweg dient.

Auf dem Dach des Bunkers entstanden Eigentumswohnung im Reihenhausstil mit großzügigen 150 bis 300 Quadratmetern Wohnfläche, bei denen die Eigentümer weitgehend frei über die Grundrissgestaltung entscheiden konnten. Maximale Flexibilität war das wesentliche Prinzip. Schritt für Schritt wurden jeweils temporär Elemente der Kuppel entfernt, um den zweigeschossigen Dachaufbau mit großflächiger Verglasung, Stahl, Aluminium-Sonnenschutz und grauem Wärmeputz zu realisieren. Die kreisrunde Anordnung bezieht sich auf die Gebäudeform. Darüber hinaus wurde der Aufbau deutlich von der historische Fassade zurückgesetzt, womit die Ansicht erhalten blieb und die Bewohner eine angenehme Privatsphäre genießen. Wie bei einem Townhouse, legte man viel Wert auf die Grünplanung, denn zu jeder Wohneinheit gehört ein privater Dachgarten.

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Der Aufzugturm rechts führt in die exklusive Wohnanlage Circlehouse mit Dachgarten unter der Kuppel © SF/RIV

Mit der Neubebauung auf dem Dach, wurde der Fichtebunker nicht nur zum Ort des Wohnens. Im Erdgeschoss entstand eine beeindruckende Halle, in welcher Ausstellungen, Galerien, Vernissagen und Events zum kulturellen Leben beitragen. So ist der Fichtebunker ein einmaliges Denkmal und zeigt den gelungenen Umgang mit der Gebäudehistorie, die auf nachhaltiger Weise gelungen ist.

Dr. Carsten Schmidt

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