Das Hansaviertel

Hanseviertel im Tiergarten © Claudio Divizia

Das Hanseviertel • Eine Wiederentdeckung

Eine Wohnung am Tiergarten ist so, als würde man am New Yorker Central Park oder am Londoner Hyde Park wohnen. Es ist ein Privileg und in Berlin noch kein Luxus – zumindest wenn man eine Wohnung im Hansaviertel sein Eigen nennen kann. Es sind die ältesten Hochhäuser unmittelbar am Park und für die Anerkennung als Welterbe wird seit Jahren gekämpft. Die Häuser stehen bereits auf der Berliner Liste der Kulturdenkmale.

Der Berliner Tiergarten entstand aus dem königlichen Jagdrevier zwischen Berliner Schloss und Charlottenburger Schloss. Er wurde ab 1742 sukzessive zu einem Lustpark für die Bevölkerung mit barocken Beeten, Fasanerie und Sitzgelegenheiten. Die Gestaltung berücksichtigte Peter J. Lenné bei der Neugestaltung des Tiergartens. Von 1833 bis 1840 wurde sein Konzept, in Anlehnung an den englischen Landschaftsgarten, umgesetzt. Bereits in den 1830er Jahren entstanden die ersten Stadtvillen am südlichen Rand, dann am nördlichen Rand das Quartier „In den Zelten“ und sukzessive Wohnquartiere am westlichen Rand.

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Hanseviertel im Tiergarten © Claudio Divizia

Zwischen dem S-Bahnhof Tiergarten und Bellevue entstand ab 1874 das neue gutbürgerliche Hansaviertel. Für die Architektur der Wohnhäuser wurden die besten Architekten des Kaiserreichs verpflichtet: Ernst von Ihne, Hans Grisebach und Alfred Messel. Neben den Wohnbauten entstanden auch eine Synagoge, die evangelische Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche und die römisch-katholische St.-Ansgar-Kirche. Zu den ersten Bewohnern gehörten: Else Lasker-Schüler, Walter Leistikow, Max Reinhardt, Kurt Tucholsky und um 1900 wohnten hier bereits circa 19.000 Menschen. Über drei Jahrzehnte entwickelte sich hier ein nachbarschaftliches Zusammenleben, bis 1933 die soziale und gesellschaftliche Zerstörung des Viertels begann. Es folgte die religiöse Zerstörung. Die Synagoge in der Lessingstraße wurde 1938 niedergebrannt und 1939 abgerissen. Ab 1943 war das Hansaviertel vielfach das Ziel bei Luftangriffen, so dass am Ende des Zweiten Weltkrieges von 343 Häusern nur noch 43 bewohnbar waren. Ein Wiederaufbau in den alten Formen war ausgeschlossen.

Ein städtebauliches Experimentierfeld

Das Areal sollte zum architektonischen und städtebaulichen Experimentierfeld werden. Aus dem dichten Gründerzeitquartier wurde eine aufgelockerte durchgrünte Stadtlandschaft. Das neue Hansaviertel gehört, mit dem Zentrum am Zoo, zu den größten zusammenhängenden innerstädtischen Neubauprojekten der unmittelbaren Nachkriegsjahre in West-Berlin. Das Hansaviertel war bei seiner feierlichen Eröffnung im Rahmen der Interbau 1957 ein weltweit bekanntes Projekt. Dazu trugen die Architekten, der Umfang des Projekts und die Lage bei. Immerhin diente die berühmte Weißenhof-Siedlung in Stuttgart als Vorbild (sie wurde 1927 errichtet). In Berlin rief man Alvar Aalto, Le Corbusier, Walter Gropius, Oscar Niemeyer, Pierre Vago mit den lokalen Kollegen Wassili Luckhardt, Paul Schneider-Esleben und Hans Schwippert zur gemeinsamen Arbeit zusammen. Es entstanden ganz unterschiedliche Wohngebäude. Die Haustypen reichen vom Einfamilienhaus bis zum Hochhaus. In den insgesamt vierzig Neubauten konnten 3000 Menschen wohnen. Es war eine besondere Situation, denn in West-Berlin war Wohnraum knapp und die neuen Gebäude standen frei in der Landschaft und wurden von aufwendigen Grünanlagen umgeben. Es war etwas besonderes im Hansaviertel eine Wohnung zu bewohnen.

Im Rahmen der Interbau wurde der Hansaplatz, eine vor dem Krieg eher kleine Kreuzung, zu einemvon großen Baukörpern gesäumten urbanen Raum gestaltet. Flachbauten für das Ladenzentrum, die Hansabibliothek und die Kirche St. Ansgar bilden die Koordinaten des Zusammenlebens. Zu den fünf Punkthochhäusern, den sechs Wohnblocks gehören zur ursprünglichen Anlage noch die Bungalows in Atriumbauweise. Das Viertel und auch die Wohnungen waren besonders. Bei den Wohnbauten fällt auf, dass sie über dem Boden schweben, denn ein Luftgeschoss liegt zwischen Fußgängerebene und Wohnebene. Die aufgestelzten, mit teilweise oder ganz durchlässigen Erdgeschossen, Gebäude geben den Blick frei und schaffen eine gewisse visuelle Leichtigkeit. Die Fassaden wurden durch Vor-und Rücksprünge, Balkone und farbigen Brüstungen rhythmisiert. In keiner anderen Wohnsiedlung aus den 1950er oder 60er Jahren findet man einen ähnlich reichen Formschatz. Die äußere Pluralität setzt sich im inneren fort. Wohnzimmer wurden anderthalbgeschossig ausgeführt, der Wohnungstyp Maisonette in den Hochhäusern umgesetzt und auch mit Gemeinschaftsräumen experimentiert. Die Grundrisse haben nichts mit dem standardisierten Wohnungen des staatlich geförderten Wohnbau zu tun. Die Bewohner hatten einen freien Blick auf die Stadt.

Es gab auch Kritik

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Hanseviertel im Tiergarten © Claudio Divizia

Trotz der besonderen Bauweise der Wohnbauten gab es auch Kritik. So schrieb G. E. Kidder Smith 1964 das es ein unentschuldbarer Fehler sein, dass eine Hauptverkehrsstraße die Siedlung zweiteilt und die beiden Kirchen hässlich sind.1 Ein halbes Jahrhundert später ist der Blick ein anderer. Die Kirche St. Ansgar wird als zeitgemäß modernes, nach Sachlichkeit und Klarheit strebendes Gotteshaus beschrieben – im Rahmen der Interbau wurde keine Synagoge errichtet. Ebenso wandelt sich die Wahrnehmung der Wohnhäuser und Wohnqualität, denn während die Zeitgenossen noch kritisch urteilten wissen wir jetzt die Qualität der Wohnungen zu schätzen. Dies mag daran liegen, dass danach wenig innovatives entstanden ist, das es eine spitzen Wohnlage in der Innenstadt ist und die Grundrisse noch fünf Jahrzehnte später so aktuell sind wie jeder Neubau – vielleicht sogar besser.

Das neue Hansaviertel wurde sukzessive ergänzt. Es entstand die Akademie der Künste nach den Plänen des Architekten Werner Düttmann bis 1960. In dieser Zeit wurden auch die 3- und 4-geschossigen Wohnbauten am Hanseatenweg errichtet. Zu den besonderen Orten gehört des Grips-Theater. Es zog 1974 an den Hansaplatz. Die Wohnungen im Hansaviertel sind begehrt und nur ganz selten wird eine zur Miete angeboten. Trotzdem gibt es auch Kritik. Die Gestaltung und Nutzung des Hansaplatzes wird hinterfragt. In dem Bürgerverein Hansaviertel kümmern sich die Mitglieder um das architektonische Erbe aber auch um Verbesserungsmaßnahmen und Schwachpunkte. Aktuell wohnen circa 5828 Menschen hier (2008) und man darf auf die Entwicklung in den nächsten Jahren gespannt sein.

Das Hansaviertel
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