Berlins neue Mitte-Bauwerke

Architektonische Fundstücke rund um den Hauptbahnhof

Der Berliner Hauptbahnhof ist eine Welt für Reisende, ein vertikaler Mikrokosmos und eine raumgreifende Struktur aus organischen und streng geometrischen Elementen. Zu Beginn der 2000er Jahre gab es in diesem Bereich noch den Lehrter Bahnhof, der ursprünglich 1868 eröffnet und sukzessive erweitert wurde. Wer in den 1990er Jahren hier ausstieg, der Stand in einer Sandwüste. Nur die Neubauten des „Band des Bundes” ließen die Zukunft erahnen. Jetzt gibt es rund um den Berliner Hauptbahnhof ein neues Quartier, was architektonisch das Beste der Hauptstadt bietet.

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© Dirk1981, Bundeskanzleramt Nordseite vom Futurium aus, CC BY-SA 4.0

Wohnen am Wasser

Die in der Entstehung begriffene „Europacity” umfasst rund 61 Hektar. Laut dem 2009 verabschiedeten Masterplan wird ein gemischtes Quartier mit Wohnungen, Büros, Einzelhandel und Kultur entstehen. Zentral für die Planungen ist die Lage am Wasser. Die Bezeichnung „Europacity” ist zugleich Anspruch und Vision. Hier entstehen hochwertige Wohngebäude in einer vollkommen neuen architektonischen und stadträumlichen Situation. Hauptsächlich der von der Spree abgehende Humboldthafen – angelegt 1848-50 – und die Verbindung zum nördlich gelegenen Nordhafen gilt besondere Aufmerksamkeit. Der Blick auf das Wasser und die unmittelbaren Ufer sind zentrale Werte für eine neue und zeitgemäße Wohn- und Lebensqualität.

Hinter dem Hamburger Bahnhof und entlang des Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanals gibt es neue Wohngebäude direkt am Wasser und mit Blick über Berlin. Die „Budapester Höfe” gehören zu den ersten und zugleich größten Wohnungsbauprojekten der Europacity. Sie entstehen sukzessive zwischen Heidestraße und Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal. Mit Blockrandbebauung, großen Gartenhöfen und bis zu sieben Etagen sowie schöner Uferpromenade wurden die Planungsvorgaben eingehalten. Ein architektonisches Highlight ist der „KunstCampus”. Die preisgekrönte Architektur spielt mit dem Element Wasser, denn die Fassade lebt vom Rhythmus der Vor- und Rücksprünge. In den großen Fenstern reflektiert sich das Tageslicht und die Umgebung. Somit ist die Fassade mehr als nur die äußere Hülle, sondern vielmehr ein Verstärker der Außenwelt. Vor dem Gebäude ist die Promenade am Kanal ein Ort zum Verweilen. Gleich daneben vermittelt der Neubau „Riverside Square” mit seiner klassischen Architektur das Gefühl von Geborgenheit und Zuhause ankommen. Der Gebäudekörper ist spannend und vielseitig gestaltet, womit der Solitär aus jeder Perspektive anders wirkt. Auch hier ist das Wasser zentral und tonangebend.

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© Comofoto – stock.adobe.com

Arbeiten mit Weitblick

Wie wollen die Berliner in Zukunft arbeiten, wie müssen Büros ausgestattet sein und die Arbeitsumgebung ins Lebenskonzept passen? Mit diesen Fragen haben sich die Auftraggeber und Architekten des Neubauhaus 50Hertz beschäftigt. Die neue Unternehmenszentrale am Standort Heidestraße hat sowohl ein Zertifikat LEED-Gold bekommen als auch bei der Innenraumkonzeption die Bedürfnisse der Mitarbeiter berücksichtigt. Es entstanden offene und äußerst weitläufige Arbeitsbereiche mit Loggien und Terrassen, die als erweiterte Arbeitsplätze dienen. Bei dem Gebäude gehen Klimaziele und Gestaltung Hand in Hand. Die horizontal und vertikal gegliederten Fassaden spielen mit der Wahrnehmung und den Gebäudeproportionen. Insgesamt überwiegt ein dynamischer Eindruck, der durch Überschneidungen verstärkt wird.

Einen anderen gestalterischen Ansatz verfolgt das Bürogebäude am Europaplatz. Im September 2021 war Richtfest für dieses ebenfalls spannende Gebäude. Auch für dieses Bürohaus wird ein DGNB Zertifikat in Gold angestrebt. Es entstehen nach den Plänen des Münchner Architekturbüros Allmann Sattler Wappner Architekten ein Sockelbau und ein 84 m hohen Hochhauses. KPMG wird Hauptmieter der Büros. Insgesamt soll es ein modernes Konferenzzentrum, das Sky-Deli – die Cafeteria für die Mitarbeiter auf der obersten Etage – sowie im Erdgeschoss eine Lobby, Atrium und Restaurants für alle Besuchern geben. Ein bereits fertiges Bürogebäude der ersten Stunde ist der „Tour Total”, während mit „Upbeat Berlin” am Nordhafen ein weiterer Solitär mit 19 Etagen entsteht.

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© GillyBerlin from Berlin, Germany, Futurium (36879760053), CC BY 2.0

Gebäude mit hohem Wiedererkennungswert

Vor dem Berliner Hauptbahnhof und zum Reichstagsgebäude hin befindet sich der Washingtonplatz. Auf dem Platz erhebt sich die Architekturskulptur „Cube Berlin”. Es ist eines der spannendsten Neubauten Berlins, denn die Glasfassaden sind in sich gebrochen. Somit entstehen dramatische Reflektionen, die das Gebäude zu einem Spiegel für die Hauptstadt werden lässt und die innere Nutzung vollkommen in den Hintergrund tritt. Das Gebäude ist vielmehr Objekt als das die Funktion beim Betrachter eine Rolle spielt. Dabei ist der skulpturale und nahezu geschlossene Solitär durchaus smart, denn das volldigitalisierte Gebäude ist äußerst effizient, wovon die Büromieter profitieren.

Über die seitliche Hugo-Preuß-Brücke kommt ein weiteres außergewöhnliches Gebäude: das „Futurium”. Die äußere Form erinnert an Gebäude von Marcel Breuer in den USA in den 1950er Jahren, während in Berlin die Architekten Richter und Musikowski mit der Gebäudehülle aus Glas einen innovativen Ansatz wählten. Insbesondere die Verbindung des Gebäudes mit der Bodengestaltung vor und seitlich vom Gebäude ist sehr gelungen. Sie verdeutlicht den Anspruch an ein Gebäude als Gesamtkunstwerk. Gleichzeitig zieht die großflächige Erdgeschossverglasung den Betrachter ins Foyer und macht neugierig auf das Innenleben.

Die Berliner Europacity wird in den kommenden Jahren weiter bebaut werden und als Quartier seine Identität verändern. Dieser Prozess wird Berlins Mythos als niemals fertige Stadt untermauern und die Attraktivität weiter steigern.

Dr. Carsten Schmidt

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