Vornehme Zurückhaltung

Mies van der Rohe: Haus Lemke am Obersee

Im Werk eines Architekten gibt es auch zwischen den Meilensteinen spannende Projekte zu entdecken. So bei Ludwig Mies van der Rohe: Zwischen dem Barcelona-Pavillon (1929) und dem Farnsworth House (1950) entstand 1932 am Berliner Obersee ein Einfamilienhaus für den Unternehmer Karl Lemke.

Neben dem Strandbad Orankesee liegt der Obersee. Der See wird südlich vom Oberseepark und nördlich von einer Villenbebauung eingefasst. Das Terrain ist leicht abschüssig und somit haben die Bewohner der Villen einen schönen Weitblick. Um 1910 erhielten der Orankesee und Obersee ihre heutige Form und ab 1913 wurde der Park nach den Plänen von Otto Werner angelegt. Nach der Umsetzung von Werners Plänen konnte der Oberseepark durch einen kleinen Pavillon betreten werden und ein engmaschiges Wegenetz charakterisierte die Anlage. Es war ein Park für die Bewohner der Obersee-Landhaus-Kolonie – einem Pendant zum ausverkauften Wannsee.

In diese Gegend sollte sich am Ende der Roaring Twenties auch Karl und Martha Lemke verlieben. Das Unternehmerehepaar kaufte 1930 ein Doppelgrundstück oberhalb des Obersees. Zwei Jahre später beauftragte Karl Lemke den Bauhaus-Direktor und modernen Architekten Ludwig Mies van der Rohe mit den Entwürfen für das Wohnhaus – samt Bootshaus am Ufer des kleinen Sees. Beide sollten möglichst schlicht sein, damit der Garten zur Geltung kommt. Karl Lemke formulierte nach den ersten Entwürfen folgenden Wunsch an van der Rohe: „Ich habe die Vorstellung, daß man an schönen Tagen den an sich beschränkten Wohnraum nach dem Garten hin erweitern müßte“.

Die Räume bilden mit der Terrasse eine Ebene und somit Räume in der Landschaft.

Und van der Rohe wusste diesen Wunsch seines Auftraggebers umzusetzen – wie sich kurze Zeit später zeigte. Das Wechselspiel zwischen Garten und Wohnraum wurde zum Hauptthema, denn es gibt nur ein Schlafzimmer aber zwei großzügige lichtdurchflutete Zimmer zur Terrasse. Sie verleihen dem Wohnhaus eine besondere Aura, denn die Räume bilden mit der Terrasse eine Ebene und somit Räume in der Landschaft.

In gewisser Weise hat van der Rohe das Thema Gartenpavillon in den Bautyp Bungalow transformiert, indem er einen verglasten Freiluftraum schuf. Es gibt keine Stufen oder sonstige Erhabenheit des Gebäudes gegenüber dem Garten. Alles scheint zu fließen und gleichberechtigt. Diese ganz außerordentliche und durchaus radikale Lösung ist zugleich typisch und untypisch für Ludwig Mies van der Rohe. Auf der einen Seite hatte der Architekt wenige Jahre zuvor das Haus Tugendhat wie einen Aussichtspunkt über das abfallende Grundstück gesetzt, wesentlich später das Farnsworth House aufgeständert und somit über der Landschaft platziert. Auf der anderen Seite hatte van der Rohe beim Einfamilienhaus auf der Deutschen Bauausstellung 1931 einen Bungalow vorgestellt, bei dem die Innenraumkomposition eine Reminiszenz an den fließenden Raum im Barcelona Pavillon war, jedoch mit der Umgebung auf einem Niveau blieb. Es war der Beginn seiner Auseinandersetzung mit dem Thema Hofhaus bzw. Bungalow, wozu das Haus Lemke einen wichtigen Beitrag leistete.

Beim Haus Lemke ging es van der Rohe nicht um die inszenierte Platzierung von Wandscheiben, Stahlstützen in Rasterabständen oder luxuriösen Natursteinen, sondern alleine um die ebenerdige großflächig verglasten Gartenzimmer. Der Garten wird zur Bühne und vice versa die Innenräume zu Schaukästen. Aus beiden Perspektiven ist der Bewohner stets Voyeur dieser intimen Szene der Natur.

Das Wechselspiel zwischen Garten und Wohnraum ist Hauptthema des Hauses.

Was passiert an den Fassaden? Auf den ersten Blick sieht man Backstein und fühlt sich damit sehr verbunden. Betrachtet man sie jedoch im Einzelnen, dann gibt der Architekt einen Rhythmus vor. Es stellt sich die Frage: Wurden die Fenster aus dem Innenraum oder der Fassadengestaltung heraus entwickelt? Mit Vorliebe setzte Ludwig Mies van der Rohe die Fenster und Türen in Szene. Ähnlich wie beim Haus Wolf von 1926 geht es dem Architekten um die bewusste Asymmetrie zur Steigerung des künstlerischen Ausdrucks. Zur Straßenseite und an den schmalen Fassaden wurden die Fenster als Fensterband oder hochrechteckige Doppelfenster platziert und erinnern an das Haus Lewin von Walter Gropius an der Fischerhüttenstraße.

Für den Betrachter ist das Gebäude ganz klar Ausdruck einer Bewegung von Körpern. Es greifen Blöcke ineinander und bilden spannende Nischen. Darüber hinaus wurden das Garagentor und die Glasflächen an der Terrasse so gesetzt, dass sie teilweise unmittelbar bündig mit der im rechten Winkel anschließenden Fassade sind. An der Gartenfassade ist dieses Spiel besonders auffällig. Die rechte Fassade wird nur aus dem L-förmigen Backsteinbügel gebildet und der gesamte Baukörper wirkt wie angesteckt. Das Hauptaugenmerkt liegt auf dem verglasten Freiluftraum. Die anschließende Fassade wurde wesentlich weniger dramatisch ausgebildet, denn die große Fensterfläche rahmt an drei Seiten Mauerwerk. Der Architekt arbeitete an den Gartenfassaden mit offensichtlichen und subtilen Vor- und Rücksprüngen und schöpft daraus neue Töne.

Das Flachdachhaus war ab 1933 der Hauptwohnsitz des Ehepaars Lemke. Im Frühjahr wurde der Garten nach den Plänen von Hertha Hammerbacher und Hermann Mattern angelegt. Die Gartengestaltung bildete einen Kontrast zum rechtwinkligen Wohnhaus, denn sie gab naturhaften und lockeren Blumen- und Buschgruppen den Vortritt. Was entstand, war ein organischer Garten, welcher in den 1930er Jahren zum Markenzeichen des Bornimer Kreises um Karl Foerster werden sollte. Das Ehepaar Lemke wohnte bis 1945 in dem Haus. Mehr als drei Jahrzehnte später setzte es der Magistrat von Berlin auf die Denkmalliste. Die notwendigen Sanierungen konnten erst 2000 bis 2002 umgesetzt werden. Heute ist das Wohnhaus ein besonderer Ort für zeitgenössische Kunstausstellungen und kann – bis auf montags – täglich besucht werden.

Dr. Carsten Schmidt

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