Eine andere Gründerzeit in der Victoriastadt

Viel Baugeschichte im Kaskelkiez

Nördlich der Rummelsburger Bucht liegt die Victoriastadt. Der Namen des Kiezes geht auf die britische Königin Victoria (1819-1901) zurück. Ebenfalls wird dieses Gebiet nach der Kaskelstraße, die sich von West nach Ost durch das Quartier zieht, auch Kaskelkiez genannt. Dieser kleine Kiez muss einfach entdeckt werden, denn er ist vollständig von Bahnlinien umschlossen. Auf fast 23 Hektar ist es ein kleines Idyll, denn hier werden sie in eine andere Epoche versetzt. Fast alle Wohnhäuser stammen aus den 1880/90er Jahren und wurden liebevoll saniert.

Victoriastadt-Spittastrasse-300x225 Eine andere Gründerzeit in der Victoriastadt
© Global Fish Global Fish, Vic-spitta, CC BY-SA 3.0

Um 1889 war die Victoriastadt nur zur Hälfte bebaut. Die Straßen wurden rasterförmig angelegt und nur die Türrschmidtstraße folgt bogenförmig den Bahngleisen. Mit Namen wie Schillerstraße (heute Pfarrstraße), Goethestraße (heute Kernhofer Straße) oder Lessingstraße (heute Spittastraße) sollte ein bürgerliches Publikum angesprochen werden. Im südwestlichen Bereich gab es den Vieh-Bahnhof Rummelsburg, während der nördliche Bereich vollkommen unbebaut war. In den 1890er Jahren begann man mit der Bebauung der anderen Hälfte des Viertels.

Schon damals hatten die Bewohner und Besucher nur wenige Bahnübergänge, um ins Viertel zu gelangen. Es war ein Spekulationsgebiet von Industriellen, die möglichst schnell Wohnraum schaffen wollten. So wurde im Jahr 1872 der Grundstein für die Colonie Victoria-Stadt gelegt. Es begann eine rege Bautätigkeit, die sich nicht an den Bedürfnissen der Bewohner oder hygienischen Standards orientierte, sondern es entstanden Wohnungen für Arbeiterfamilien ohne Gas und fließendes Wasser – erst 1897, fast 30 Jahre nach der Grundsteinlegung, wurden Abwasserrohre verlegt. Auch Vorläufer heutiger Fertigbauweise mit unterschiedlichen Haustypen wurde erprobt, um Kosten und Bauzeit zu sparen. Die Wohnhäuser aus Hausteilen in Betonguss beruhen auf immer gleichen Abmessungen, Wandstärken und Fensterformaten. Alles war sehr einfach und auf das Notwendigste reduziert. Auch entstanden Häuser in klassischer Massivbauweise. Die Bewohner verdienten ihren Lohn in den Fabriken an der Rummelsburger Bucht. In der Victoriastadt gab es nicht die elegante, solide und großzügige Gründerzeit, sondern eher ein ärmliches Milieu.

Victoriastadt-Geusenstrasse Eine andere Gründerzeit in der Victoriastadt
© Global Fish Global Fish, Vic-Geusens, CC BY-SA 3.0

Die Wohnzustände dieser Jahre erlebte Heinrich Zille (*1858, +1929), der mit Frau und Kindern um 1887 in die Türrschmidtstraße und 1891 in die Mozartstraße zog – ab 1892 wohnte die Familie in Charlottenburg. Dieses Milieu in den Straßen, Häusern und Höfen der Victoriastadt lieferte Anregungen für Zeichnungen und Skizzen, die später sein Stil und Werk prägen sollte. Zu dieser arbeitete Zille für die Photographischen Gesellschaft und war auch selbst als Fotograf tätig.

Berlin-Victoriastadt_-_Schrotkugelturm-225x300 Eine andere Gründerzeit in der Victoriastadt
© Colin Smith Berlin-Victoriastadt – Schrotkugelturm (Shot Tower) – geo.hlipp.de – 40378, CC BY-SA 2.0

Ab 1900 ändere die Victoriastadt erneut ihr Erscheinungsbild, denn 1902 wurden die Gleise auf Dämme und Brücken verlegt. Mit dem Erweiterungsgelände der Firma Knorr-Bremse nach den Plänen des Architekten Alfred Grenander von 1913 bis 1916 entstand in der Victoriastadt ein großes Verwaltungsgebäude. Auch der massive Schrotkugelturm in der Nöldnerstraße trug zur Transformation des ehemaligen Wohnquartiers in ein gemischtes Viertel aus klassischem Wohnen und modernes Arbeiten bei. Im Jahr 1908 entstand der gut 38 m hohe Turm, welcher in seiner Form einmalig in der Region ist. Hier wurden in der Bleischmelze Juhl & Söhne Bleikugeln hergestellt. Durchaus interessant ist der Prozess der Bleikugelherstellung, denn auf der obersten Plattform des Turmes wurde das Blei geschmolzen und mittels Siebe von oben nach unten fallen gelassen, damit sich im Flug ein Tropfen bildet, der im Wasserbecken im unteren Bereich des Turmes erstarrt. So entstanden nahtlose Bleikugeln. Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz.

Der Kaskelkiez, der unbedingt entdeckt werden muss

In der Marktstraße gibt es ebenfalls viel Historie. Sehenswert ist das dreiflügelige Schulgebäude von 1906/07 im Renaissancestil. Ein Stück weiter schönste märkische Backsteinarchitektur von 1906-08: Einst Schulgebäude, Turnhalle und Feuerwehrwache mit gemeinsamer Umfassungsmauer, heute die größte Jugendherberge Berlins. Und gegenüber an der Marktstraße Ecke Hirschberger Straße nochmal Alfred Grenander für Knorr-Bremse: Erweiterungsbau von 1922-27.

Neben diesen Großbauten gibt es viele kleine Gebäude in der Victoriastadt zu entdecken. So blieb in der Kernhofer Straße 16 die ehemalige Tischlerei von 1895 erhalten. Dem schlichten Backsteinbau ist seine kleinindustrielle Vergangenheit anzusehen. Einst befanden sich hinter den großen Fenstern die Werkstatträume. Hier wurde unmittelbar Nebeneinander gewohnt und gearbeitet. Zur Victoriastadt muss immer auch die Rummelsburger Bucht gedacht werden, wo sich viele Fabriken befanden. Eine Entdeckungsreise zwischen Architektur, Stadtentwicklung und Industrie, die sich lohnt.

Dr. Carsten Schmidt

Anzeige

Tags from the story
,