Verspielter Neubau am Fraenkelufer

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Die Wohnbauten des „Block 70" am Fraenkelufer von Hinrich und Inken Baller im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1987 • © Christopher Barz

Eine gelungene Zusammenführung der fragmentierten Stadt

Kreuzberg liegt seit 1989 nicht mehr am Rand von West-Berlin, sondern grenzt an Berlin-Mitte. Mit der Verschiebung der städtischen Koordinaten gehört Kreuzberg mehr noch als jemals zuvor zu den Stadtteilen mit der höchsten Anziehungskraft für Berliner und Neu-Berliner. Dies liegt sowohl an dem urbanen Flair als auch den vielfältigen Wohnformen: Loft, Apartment, Stadthaus, Altbauwohnung.

Der Beginn der Post-Moderne in Berlin

Eines der besonderen Projekte liegt am beliebten Fraenkelufer. Nur wenige Gehminuten vom U-Bahnhof Kottbusser Tor entfernt wurden Baulücken am Fraenkelufer mit dem IBA 1987-Konzept der „kritischen Rekonstruktion“ für eine bewohnerorientierte Stadterneuerung geschlossen. Unter dem Begriff der „kritische Rekonstruktion“ ging es um Neubauten als Reparatur der fragmentierten Stadt. Nachdem in Kreuzberg in den 1970er Jahren Altbauten für große Neubauten abgerissen wurden – es wurde von einer Kahlschlagsanierung gesprochen – galt es erstmals vorhandene Baulücken mit Neubauten zu schließen, die sich in eine gewachsene Nachbarschaft harmonisch eingliedern. Die Innenstadt als Wohnort wurde neu entdeckt.

Am Fraenkelufer haben Hinrich und Inken Baller (von 1982-1985) im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1987 die Wohnbauten des „Block 70“ geschaffen, die als ”Beginn der Postmoderne” gelten. Dieser Block wird eingegrenzt von der Kohlfurter Straße, der Admiralstraße, dem Fraenkelufer und dem Erkelenzdamm und die Maßnahmen der Ballers bestanden aus drei Baulückenschließungen und einer Brandwandbebauung.

IBA-Fraenkelufer-02-200x300 Verspielter Neubau am Fraenkelufer
© Christopher Barz

Es wurden zwei Baulücken durch die sogenannten „Torhäuser“ (Nr. 38 und Nr. 44) geschlossen. Die Torhäuser Nr. 38 und 44 fallen durch die Luftgeschosse mit den querstehenden Stützen, den konkav geschwungenen und nach oben hin gebogenen Balkone, mit ihren filigranen Geländern, und den spitzbogigen Giebeln im Dachgeschoss, ins Auge. Sie greifen die Konturen und Straßenfluchten der Nachbargebäude auf, heben sich jedoch gleichzeitig durch eine minimale Geschossabsetzung, durch ihre großen Glasflächen, die geschwungenen Formen und ihre Farbgebung, ebenso wie durch die höhere Anzahl der Geschosses ab. Die neuen Wohnbauten haben straßenseitig jeweils fünf Vollgeschosse mit je 10 Wohneinheiten, von denen je zwei Wohnungen als Maisonette zur Hofseite hin gestaltet wurden. Auffällig im Innern sind die nicht-rechtwinkligen Wandstellungen. Teilweise wurden die Räume sogar mit Rundungen versehen, damit neue Wohnerlebnisse und Raumempfindungen bei den Bewohnern hervorgerufen werden.

Geschwungene Linien, unregelmäßige Grundrisse, schräge gemauerte Stützen

An der Ecke Fraenkelufer Admiralstraße entstand das Eckhaus nach den Plänen der Ballers als ein städtebaulich signifikanter Neubau. Im Erdgeschoss fasziniert ein rhythmisierter Stützenwald, der das Gebäude mit dem Erdboden filigran verbindet. Schwebende Balkone, Vor-und Rücksprünge, große Fensterflächen und die Betonung der Ecke heben das Wohnhaus aus der Umgebung heraus. In dem siebengeschossigen Gebäude gibt es großzügige Drei- und Vier-Zimmer-Wohnungen mit Blick in den Straßen- und Stadtraum. Alles strahlt eine ungewöhnliche Transparenz und Offenheit aus. Neben den eingesetzten Neubauten entstand im Blockinneren ein  110 Meter langer Wohnriegel entlang der Brandwand zum dahinter liegenden Elisabethhof. Bis einschließlich zur 3. Volletage gibt es über Privat­treppchen direkten Gartenanschluss. Zwei obere Geschoss sind im Dachraum untergebracht, denen teilweise Dachterrassen zugeordnet sind. Auch in der Brandwandbebauung wiederholen sich die Elemente geschwungener Balkon, spitzbogige Giebel und Gauben. Bei der Grüngestaltung gingen die Architekten neue Wege, denn der Innenhof wurde aufwendig modelliert und es wurde ein Teich, Spiel- und Ruheplätze angelegt.

Neben diesen drei Neubauten wurden 200 Altbauwohnungen am Erkelenzdamm und am Fraenkelufer modernisiert. Bei den Bestandsbauten wurden nicht die geschwungenen Formen der Neubauten umgesetzt, sondern nur die Balkone erhielten gleichartige Geländer. Somit ist auf subtile Art und Weise eine Zusammengehörigkeit zu erkennen. Ansonsten wurden bei den Altbauten die vorhandenen Fenster und Türen überarbeitet und die Bäder auf einen aktuellen Stand gebracht – behutsam erneuert.

Geschwungene Linien, unregelmäßige Grundrisse, schräge gemauerte Stützen, organisch wirkenden Formen, das alles erinnert an einen frechen Jugendstil. Diese architektonisch herausragenden Neubauten hatte nichts mit den standardisierten Bauten des sonst üblichen sozialen Wohnbaus zu tun. Aus quadratisch, praktisch, gut wurden bei Baller tanzende Stützen, schwingende Balkone und feingliederige Brüstungen. Die soziale Mischung, unterschiedliche Wohnungsgröße und neue Grundrisslösungen lassen dieses Projekt auch für die heutige Zeit ein Vorbild sein.

Dr. Carsten Schmidt

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