Riehmers Hofgarten in Kreuzberg

Mehr Stuck, mehr Prunk, mehr Grünflächen

Ein Hofgarten mit Denkmalschutz seit 1953 ist eine Besonderheit für Berlin. Nicht im gediegenen Wilmersdorf, sondern im lebendigen Kreuzberg befindet sich dieses Juwel. Es ist eine grüne Insel für die Bewohner von damals wie heute, denn eigentlich sollte ganz anders gebaut werden.

Enge und dunkle Hinterhöfe

Auf dem Weg zur Weltstadt erhielten die vor den Toren der Stadt liegenden Gegenden von James Hobrecht von 1858 bis 1862 einen Bebauungsplan, der in erster Linie Wohnquartiere in Blockform, mit einem rechtwinkligen Straßenraster und großen Magistralen vorsah. Dies legte eine bestimmte architektonische Erscheinung fest: Die geschlossene Blockrandbebauung. Zur Straße hin reihten sich individuell gestaltete schmale Fassaden aneinander, während sich im Blockinneren Seitenflügel, Hinterhäuser und Gartenhäuser um kleine Innenhöfe gruppierten. Heinrich Zille hielt das Leben in den engen Hinterhöfen in charaktervollen Zeichnungen fest.

Kreuzberg wird entdeckt

Um 1860 war Kreuzberg noch eine vorstädtisch geprägte Wohnlage. Dies sollte sich innerhalb weniger Jahre ändern. Das Land wurde an Geschäftsleute verkauft. Einer von ihnen war Wilhelm Riehmer. Er hatte in der Gegend zwischen Mehringdamm und Yorckstraße viel Land erworben und ließ bereits 1864 die ersten Wohnhäuser nach klassischem Vorbild errichten. Eine andere Vision hatte Riehmer für ein Grundstück zwischen Yorckstraße und Hagelberger Straße, dass von einer Blockseite bis zur anderen durchging. Es handelt sich um eines der frühesten Beispiele in Berlin für eine neuartige Erschließung des Blockinneren: Entlang einer Privatstraße entstanden Vorgärten und lauschige Plätze. Was später von den Baugenossenschaften vielfach umgesetzt und als Reformwohnungsbau von führenden Architekten propagiert wurde, hatte sich Wilhelm Riehmer für ein wohlhabendes Klientel ausgedacht.

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Manfred Brückels, Riehmers Hofgarten Berlin 3, CC BY-SA 3.0

Sinn für Proportionen

Ab 1880 begannen die Arbeiten auf dem T-förmigen Grundstück zwischen Yorckstraße, Hagelberger Straße und Großbeerenstraße. Dass aus 18 Hauseinheiten bestehende Ensemble zog sich entlang der innenliegenden Flaniermeile bzw. Privatstraße und kleiner hofartiger Plätze und war 1899 vollständig fertig. Wie eine kleine Insel im Häusermeer Kreuzbergs offerierte die mit Zierbeeten, unterschiedlichen Gehölzen und schönen Vorgarteneinfassungen gestaltete Privatstraße eine Oase der Ruhe.

Das Quartier erhielt prächtige Eingänge. An der Hagelberger Straße wurde der Zugang von zwei Gebäuden betont, deren Ecken eine pavillonartige Form mit abschließenden Kuppeldach erhielten. Während an der Yorckstraße der Zugang zentral durch das hohe Rundbogenportal mit den beiden athletisch proportionierten Skulpturen mit einem jungen und einem bärtigen Mann in ruhender Pose, es sind Atlas und Herkules, erfolgte.

Die Fassade zur Yorckstraße folgte der Formensprache der Renaissance und des Barocks mitsamt einer monochromen Farbgebung. Im hervortretenden Mittelbau sowie den Fassaden im Erdgeschoss und ersten Obergeschoss wurde eine horizontale Rustizierung teilweise glatt verputzt oder schein-bossiert ausgeführt. Die darüberliegenden Etagen zeichnet aus, dass sich zwischen jedem Fenster ein Vorsprung zur Platzierung einer Wandvorlage oder Dreiviertelsäule befindet. Zwischen der obersten Etage und dem klassischen Kranzgesims befinden sich ovale Öffnungen, auch bezeichnet als Ochsenaugen, die aus dem Barock bekannt sind. Alle Etagen erhielten, wie in der Renaissance üblich, eine klare Begrenzung durch abschließende Gesimsbänder und die Balkone eine Balustrade. Um den Eindruck eines Palasts zu vervollständigen wurde die oberste Etage des Mittelbaus nochmals besonders betont. Symmetrie, Ordnung, eine gewisse Schwere sowie die reiche Dekoration zeigen deutlich ihre Vorbilder und vermittelten: Wer hier wohnt, der verfügt über Bildung und Vermögen.

Klar positioniert

Etwas weniger prunkvoll waren die Fassaden der innenliegenden Wohngebäude, wenngleich auch sie mit stuckverzierten Fassaden und typischen Elementen einer hochherrschaftlichen Architektur eine vornehme Eleganz ausstrahlten. Wilhelm Riehmer realisierte dieses Projekt gemeinsam mit Otto Mrosk. An vielen Details und Schmiedearbeiten finden sich die Initialen WR.

Im Jahr 1923 verkauften Riehmers Erben die Wohnanlage. Im Zweiten Weltkriegs wurde der linke Seitenflügel der Yorckstraße 85/86 teilweise zerstört. In diesem Bereich entstand 1983 ein Neubau.

Das Ensemble Riehmers Hofgarten sollte bei seiner Entwicklung um 1880 nicht nur eine Wohltat für seine Bewohner werden, sondern war gleichzeitig Ausdruck des Wettstreits um die Zukunft dieses Teils von Kreuzberg, denn entlang des Mehringdamms entstanden auch viele Gewerbehöfe, die eher ein weniger wohlhabendes Publikum anzogen. Somit war und ist es ein Unikat mit Statement.

Dr. Carsten Schmidt